17.01.13

Fashion Week

Model, Designer, Journalistin – so erleben sie die Modewoche

Sie haben Stress, bekommen Herzklopfen und fühlen das große Glück: Protokolle eines Models, eines Designers und einer Journalistin.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Tammy Langhinrichs, 17, Schülerin aus Lübeck, beim Casting von Marc Cain im Hotel de Rome. Sie bekam den Job

3 Bilder

Das Model Tammy Langhinrichs, die Korrespondentin der US-Modefachzeitschrift "Woman's Wear Daily", Melissa Drier, und der Berliner Jung-Designer Hien Le über die wichtigsten Tage ihres Jahres.

>>> Das Model <<<

"Das Warten, der Termindruck, die Kälte und auch die Enttäuschungen - es hat sich gelohnt. Vor einer Woche bin ich spät abends in Berlin angekommen. Von meiner Agentur hatte ich bereits die Casting-Termine für die nächsten drei Tage erhalten. Am Sonnabend durfte ich mich bei neun Designer vorstellen. Die ersten Castings begannen in der Regel um 9 Uhr, einige dauerten bis zum Abend. Die Locations waren über die ganze Stadt verteilt. Um nicht zu viel Zeit zu verfahren, musste ich mir für jeden Tag eine Casting-Tour zurechtlegen. Am Morgen kaufte ich mir eine BVG-Wochenkarte für 28 Euro. Natürlich hatte ich über mein Handy einen Stadtplan zur Hand. Den brauchte ich auch, denn einige Straßen kennen nicht einmal die Berliner.

Am Sonnabend war ich bei den Berliner Designerinnen Augustin Teboul – die hatten mich schon im vergangenen Sommer gebucht. Den ganzen Tag über hatte ich das Gefühl, dass es nichts wird. Am Nachmittag war ich schließlich sogar bei Michalsky, meinem zehnten Termin. Die meisten Mädchen besuchen fünf bis 15 Castings pro Tag.

Ein kurzes "Danke" und wieder weg

Bei fast allen Castings habe ich Models getroffen, die ich schon kannte – das ist immer nett, während wir warten, stehen wir zusammen und reden. Und manchmal können wir ein, zwei Touren gemeinsam fahren. Jada hatte bei einem Termin ihre High Heels vergessen, sie musste wieder zurück, dadurch hat sie ein paar Termine verpasst, die Arme! Um 20 Uhr hatte ich alles geschafft, ich war echt kaputt, und meine Schulter tat von der Tasche weh.

Sonntag hatte ich acht Castings, ich war noch müde vom Vortag. Außerdem war es die ganze Zeit so verdammt kalt. Ich war immer froh, wenn ich in der U-Bahn sitzen konnte. Bei einem Casting waren bestimmt fast hundert Mädchen vor mir, ich wartete fast zwei Stunden. Irgendwie hatte ich den ganzen Tag das Gefühl, dass ich gar keine Jobs bekommen würde. Es läuft immer so: Die Designer sehen sich immer nur kurz mein Buch an – und mich, und dann ein kurzes 'Danke' und wieder weg. Man kann gar nichts einschätzen. Berlin war kalt – und ich frustriert. Nach den ersten Tagen kannte ich mich schon ganz gut aus und musste nicht mehr ständig auf den BVG-Plan gucken. Am Montag, wieder zehn Castings. Ich traf zwei Mädchen, die mit dem Auto unterwegs sind. Cool, dachte ich, da kann ich mitfahren. Na ja, bis mir das passierte, was Jada am Sonnabend passierte: Ich ließ mein Buch liegen, musste zurück, die anderen fuhren weiter. Die BVG hatte mich wieder. Ein Designer, Marcel Ostertag, sagte zu mir, dass ich ein internationales Gesicht habe, das nicht zu Deutschland passen würde, ich solle es mal in Paris versuchen oder so… War das jetzt gut oder schlecht?

Blöderweise kamen mir echt die Tränen

Dann Dienstag. Ich hatte nur noch zwei Castingtermine. Und leider noch kein Feedback von meiner Agentur. Einige Mädchen erzählten, dass sie schon gebucht wurden. Und ich noch gar nicht! Wie war das noch letztes Mal, wann wurden mir die Jobs zugesagt? Ich war ich total fertig und telefonierte mit zu Hause, blöderweise kamen mir echt die Tränen. Am Nachmittag rief ich in meiner Agentur an, und: Ich hatte zwei Jobs! Was für ein Glück. Sehr cool war das.

Am Mittwoch, der erste Job: Ich darf für Mexx modeln – in einem Club an der Potsdamer Straße. Yes! Um sieben Uhr morgens mussten wir da sein. Acht Models. Für den ganzen Tag hat jeder nur ein Outfit - also gar keinen Umzugsstress. Ich trug eine weite Hose und einen Blazer. Das sah gut aus. In zwei Schauen, je vier Stunden lang, stolzierten wir durch den Laden, an den Zuschauern vorbei, blieben kurz stehen, redeten miteinander – eben als wenn wir uns privat in einem Club treffen würden. Hinsetzen durften wir uns nicht. Am Abend war ich mal wieder fertig.

Donnerstag war bis jetzt der beste Tag. Ich fuhr um neun Uhr in das Hotel de Rome. Ich war für Marc Cain gebucht, ein echt gutes Label! Unter den Gästen waren auch einige Prominente. 22 Models bestritten die Schau und ich war eine davon. Jeder zeigte drei Outfits, alles sah so schön aus. Sogar die Bühne, darauf war eine Installation aus Schwänen aufgebaut, mit Schnee. Wir trugen schließlich die Winterkollektion 2013/14. Es hat so viel Spaß gemacht! Nächstes Jahr will ich unbedingt wieder dabei sein."

>>> Der Designer <<<

"Das Highlight dieser Fashion Week war für mich natürlich die Tatsache, dass wir die Eröffnungsshow geben durften. Im vergangenen Sommer hatte ich gar nicht präsentiert, und jetzt gleich der Eröffnungsact zu sein – das ist natürlich eine große, große Ehre. Bedeutet aber auch, dass ich am Dienstag um halb elf schon den wichtigsten Teil der Fashion Week hinter mir hatte. Das ist natürlich toll, denn so war die Anspannung weg, und ich konnte mich ganz entspannt auf den Rest, auf Messe und Meetings konzentrieren.

Angefangen hat die Fashion Week für mich aber eigentlich schon im November vergangenen Jahres. Da habe ich mich auf die Suche nach Inspiration für die Winter-Kollektion begeben. Relativ schnell bin ich auf den Künstler Mark Rothko gekommen. Wir er in seinen Bildern seine Farbblöcke senkrecht und waagerecht geteilt hat, wollte ich für die Faltenlegungen meiner Kollektion adaptieren.

Mitte November hatte ich die ersten Entwürfe fertig, aber erst kurz vor Weihnachten erfuhr ich, dass wir die Fashion Week eröffnen würden. Also brauchten wir noch mehr Entwürfe. Bis Mitte Januar haben mein Team und ich genäht. Danach haben wir uns gefragt: Welcher Modeltyp passt am besten in die Kollektion? Wir haben Agenturen kontaktiert und eine Vorauswahl getroffen. Die endgültigen Castings waren vergangene Woche . Mehr als 100 Models haben wir uns angeschaut. Elf haben wir gebucht.

Kleine Pannen vor der Schau

Am vergangenen Montag fand dann das Fitting statt: Die Models haben unsere Kollektion anprobiert. Letzte Säume wurden geschlossen, Hosen gekürzt und die Running Order, also die Abfolge der Schau, wurde festgelegt. Wenn man auf der Fashion Week sein eigenes Venue hat, also abseits vom Zelt zeigt, ist die Show selbst noch mal ein ganzer Tag Arbeit. Wenn man aber im offiziellen Zelt ist, wie wir dieses Jahr, muss man sich eigentlich um kaum etwas kümmern. Haar- und Make-up-Stylisten bekommt man gestellt. Unsere Models waren schon um acht Uhr morgens geschminkt.

Kurz vor der Schau sind dennoch kleinere Pannen passiert, zum Beispiel ist ein Knopf abgesprungen. 40 Minuten vor der Schau gab es noch eine kurze Probe mit Musik – wir hatten uns unter anderem für Michael Jackson entschieden – und Licht. Den Models haben wir bei der Probe erklär, wie sie gucken, wie sie laufen sollen. Und wie überhaupt alles ablaufen soll.

Zehn Minuten vor der Schau war ich voller Adrenalin. Ich hatte Angst. Zwar im positiven Sinne, aber dennoch Angst. Wird alles gelingen? Die Models haben währenddessen den letzten Feinschliff bekommen. Haare wurden gerichtet und das Make-up aufgefrischt. Dann kamen die Gäste rein, und mit nur 15 Minuten Verspätung gingen das Licht aus und die Musik an. Zwölf Minuten ging unsere Modenschau. Das ist schon brutal, wenn man sich das überlegt: Monatelange Arbeit und das alles für nur zwölf Minuten. Aber es waren besondere zwölf Minuten, in denen sich eine Menge Emotionen entladen haben.

Erschöpft ins Bett gefallen

Im Zelt hat man nach jeder Schau nur 20 Minuten Zeit, alles zu räumen, weil dann der nächste Designer kommt. Anschließend bin ich zu meinem Showroom auf der Capsule Messe am Postbahnhof gefahren. Hier haben Einkäufer und Journalisten die Chance sich unsere Kollektion noch mal genauer anzugucken. Wenn die Mode auf dem Laufsteg präsentiert wird, kann man sie ja zum Beispiel nicht anfassen. Details gehen da leicht an einem vorbei. Unsere Herbst/Winter-Kollektion wird von gedämpften Farbverläufen getragen. Bei den Frauen laufen die Farben aus dem Hellen ins Dunkle und bei den Herren verlaufen sie andersherum.

Auf der Messe kamen mehrere Journalisten auf mich zu. Eine Redakteurin der "Elle" hat gesagt, dass sie es ganz toll fand. Das freut mich sehr. Abends bin ich nach jedem Messetag erschöpft ins Bett gefallen. An den letzten Tagen werde ich mir Schauen von befreundeten Designern wie Vladimir Karaleev und Isserver Bahri angucken und Einkäufer treffen. Während wir gemeinsam essen, werde ich Feedback bekommen: Wie lief die letzte Saison in den Läden? Was erwarten die Einkäufer von der nächsten Saison? Und natürlich werde ich jetzt eins versuchen: Die Modewoche einfach ein bisschen genießen."

>>> Die Korrespondentin <<<

"Die Berliner Fashion Week mit den angegliederten Messen und dem Schauenzelt am Brandenburger Tor ist vielschichtig, riesig und schwer zu überblicken. Auf der Premium Messe gibt es 600 Kollektionen zu sehen, auf der Bread & Butter auch noch mal 500. Da gibt es sehr viele verschiedene Ideen und Niveaus – man kann gar nicht alles sehen. Ich schreibe für Woman's Wear Daily, ein New York basiertes tägliches Modefachjournal aus dem Condé Nast Verlag. Für die Internet-Präsenz schreiben wir 20 bis 30 Reviews über die Fashion Week. Denn Berlin interessiert die Amerikaner.

Ich habe ein kleines Team, zwei Leute, die mir bei den Runways helfen und eine weitere Journalistin, die mich bei den Messen unterstützt. Zusätzlich haben wir auch noch zwei Journalisten vor Ort, die sich auf Streetwear konzentrieren. Am Mittwoch war ich krank, aber sonst sitze ich von morgens zehn bis abends neun Uhr mit meinem Notizheft in den Schauen. Später im Zelt, im Auto, oder wo auch immer ich gerade bin, tippe ich meine Beobachtungen in den Laptop. Niemals würde ich mich mit dem Laptop an den Laufsteg setzen. Nein, da bin ich altmodisch.

Dann muss ich weiter

Ich habe mir vorgenommen, jeden Tag acht bis zehn Schauen zu sehen und dieses Jahr auch mehr Zeit auf den Messen zu verbringen – nicht wie die Jahre zuvor immer nur zehn Minuten – aber das ist wirklich schwer. Abends sind dann noch die ganzen Partys: die Vogue Party, die GQ Party – aber ich kann da gar nicht überall hin. Die Vogue Party am Mittwoch zum Beispiel habe ich verpasst. Aber was will man machen? Natürlich trifft man auch viele bekannte Gesichter zwischen den Schauen. Aber auch hier habe ich keine Zeit, mich groß zu unterhalten. Da gibt es dann einen Kuss links und einen Kuss rechts, vielleicht wirft man sich noch ein paar Sätze zur gerade gesehenen Show zu, aber das war es dann auch. Denn dann muss ich weiter. Auch Essen gegangen bin ich bisher noch nicht. Ich esse im Zelt, manchmal nehme ich dort auch einen Cocktail, aber zu mehr kommt man gar nicht. Manche Fashion-Week-Besucher, besonders Journalisten, bekommen von der Stadt nicht viel mit. Für mich ist das aber nicht tragisch, ich wohne ja hier.

Einer der Stile, die in Berlin häufig gezeigt werden, ist der Minimalismus. Das hat man schon am ersten Tag, bei der Schau von Perret Schaad gesehen. Auch Hien Le ist sehr puristisch und sophisticated, also anspruchsvoll und mondän. Er macht sehr gute Arbeit, aber für seine nächste Show darf er jetzt gerne mal etwas größer denken. Er darf sich was trauen. Das gilt aber nicht nur für ihn, das gilt insgesamt für die ganze Modestadt. Man merkt, Berlin möchte etwas verkaufen, aber ist dabei viel zurückhaltender, als man es von der Stadt erwartet. Jeder versucht, auf der sicheren Seite zu sein: Der Designer und der Einkäufer. Beide aber sollten mehr Mut beweisen. Denn Berlin ist lange noch nicht richtungsweisend. Sicher sieht man hier kleine Trends wie viel Lila oder Ocker, aber das sind nur Farben – das ist keine Richtung.

Berlin ist größer, als die Berliner denken

Wir haben hier in den vergangen zehn Jahren Premium und sechs Jahren Fashion Week eine Riege von jungen Berliner Designern aufgebaut, aber viele von denen haben es immer noch schwer. Die haben weder Agent noch Vertrieb, die sind wirklich allein. Wenn die fünf Jahre an der Existenzgrenze arbeiten, geht denen im sechsten Jahr die Luft aus. So kann man seinen Look auch nicht weiterentwickeln. Da muss etwas passieren.

Am Freitag werde ich mir noch Issever Bahri, Blaenk, Anna Gorke, Dawid Tomaszewski, Zoe Ona und Vladimir Karaleev ansehen. Mein Tag wird mit Michalsky enden. Am Sonntag schreibe ich dann meine Zusammenfassung für Woman's Wear Daily. Noch bin ich mitten drin, noch kann ich nicht viel sagen. Sicher aber ist: Dorothee Schumacher war fabelhaft. Sie ist sehr tragbar, gut zu verkaufen, aber wie sie selber sagt: mit Liebe gemacht. Augustin Teboul haben wirklich ihren eigenen Look kreiert, dunkel und wunderschönes Handwerk.

Aber das sind alles nur Randbemerkungen. Es war und ist alles so viel und so verschiedenartig, dass man es schwer zusammenfassen kann. Nur eins gilt: Mehr Mut, bitte. Denn Berlin ist größer, als die Berliner denken."

Aufgezeichnet von Julia Friese und Diana Zinkler

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