Strenesse
Der Unterschied zwischen Anziehsachen und Mode
Mittwoch, 16. Juli 2008 13:03 - Von Gabriele StrehleMode braucht Spielraum zum Improvisieren. Wenn Outfits gefällig sind, sind sie nur Anziehsachen. Doch Berlin bringt auch Brüche in das allzu Perfekte, findet Gabriele Strehle, Chefdesignerin von Strenesse.

Das Schöne an Berlin ist, dass es nirgendwo gefällig ist. Die Literaten hier schreiben nicht gefällig, die Künstler malen nicht gefällig, die Musiker komponieren nicht gefällig. Genau deswegen passt die Fashion Week hierher, denn wenn Outfits gefällig sind, handelt es sich um Anziehsachen. Um Mode jedenfalls nicht.
Minikleid aus der neuen Sommerkollektion von Strenesse BlueJahrzehntelang wurden mein Mann und ich gefragt, wie wir das denn aushalten, täglich zusammen zu werken. Jetzt schütteln noch mehr Menschen den Kopf, wenn sie hören, Viktoria arbeite mit mir, ihrer Stiefmutter. Das klingt bedrohlich, noch schlimmer als Schwiegermutter. Wie kann das glattgehen? fragt sich jeder.
Wie soll da etwas herauskommen, wundern sich diejenigen, die uns beide kennen. Mich, die Puristin in Dauerschwarz und flachen Tretern, für die Glamour ein Fremdwort ist, Viktoria, die in Schuhen auftritt, mit denen ich keinen Schritt machen könnte, die sich in der Szene auskennt, sich stylen kann wie ein Star. Mich, die Qualitätsbesessene, und Viktoria, die Sinn im Leichtsinn sieht.
Es kommt eben deshalb etwas dabei heraus, weil es nicht glattgeht. Nur das, was nicht glatt ist, passt nach Berlin, passt zur Fashion Week, die sich selbstbewusst abhebt von den Schauen in Paris oder Mailand, von Modespektakeln in London oder New York. Die anderen Metropolen sind definiert, Berlin ist nach wie vor im Aufbruch. Die Fashion Week erlaubt sich, wie Berlin selbst, schamlos gut gelaunt zu sein und ihre Fehler gut zu finden, ein paar jedenfalls. Sie ist geworden, was sie sein wollte und beim ersten Mal noch nicht ganz geschafft hatte: Sie ist ein Modetheater, das Spielraum lässt fürs Improvisieren.
Die Situation, in der wir vorführen, ist ebenfalls kennzeichnend für das einzigartige Charisma von Berlin als Modemetropole: Da ist nebenan dieses Nonplusultra-‚Hotel de Rome‘ in einem Bankpalast aus dem 19. Jahrhundert, ausgestattet mit besten modernen Designermöbeln, aber wir inszenieren in einem Zelt. Um uns herum Berlin-Mitte mit all den ästhetischen Rissen, die hier keiner kittet. Wir beide, Viktoria und ich, sind vor der Fashion Week aufgeregt wie Anfänger. Das sind wir auch beim dritten Mal wieder.
Mode in Berlin zu zeigen kann nie Routine werden. Das ist jedes Mal ein Abenteuer, weil die Stadt seit der letzten Schau eine andere geworden ist, neue Provokationen entdeckt hat und neue Sensationen inszeniert. Wenn einer, der nicht dort wohnt, behauptet, er kenne Berlin, kennt er es ganz bestimmt nicht. Dieses Unterwegsseinwollen und Unterwegsseinmüssen ist ein Berliner Leitmotiv und das zentrale Thema für Viktoria und mich. Für uns ist die Fashion Week die Lust am Widerspruch. Und das ist die Lust an Berlin.






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