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08.02.12

Koscheres Klassenzimmer

Jüdisches Essen macht jetzt Schule

Schon mal koscher gegessen? Oder wenigstens Pastrami? Zwei Berliner Wirte bringen nun traditionell Jüdisches auf den Tisch – in einer ehemaligen Mädchenschule.

Marion Hunger

"Veganz", der vegane Supermarkt in Berlin (Prenzlauer Berg) bietet ausschließlich pflanzliche Produkte an.

9 Bilder

Schulpflicht bekommt in Berlin dieser Tage eine neue Bedeutung – zumindest für all jene, die stets nach neuen Vergnügungsstätten mit Weltstadtgefühl suchen.

Am 9. Februar eröffnet in der Auguststraße in Mitte, ganz in der Nähe der berühmten Synagoge mit der glänzenden Kuppel, die frisch renovierte ehemalige "Jüdische Mädchenschule" unter eben diesem Namen als Kulturhaus neu.

Heißt: Mehrere stadtbekannte Galeristen und Gastronomen werden das imposante Bauhaus-Gebäude fortan bespielen. Für das Essen sind die Macher des mondänen Steakhouses "Grill Royal" zuständig. Für die Mädchenschule wählten sie stilsicher zwei Untermieter, die mit ganz unterschiedlichen gastronomischen Konzepten zeigen werden, dass zum polyglotten Berlin längst wieder jüdische Kultur gehört.

Der 55-jährige Michael Zehden, der als Hotelier und Chef eines koscheren Catering-Sevice bekannt ist, wird in "The Kosher Classroom" vom Rabbiner zertifiziertes Essen servieren. Der 37-jährige Oskar Melzer wiederum, der sich in Berlin als Clubbetreiber und DJ einen Namen gemacht hat, verkauft mit einem Partner im Deli "Mogg & Melzer Delicatessen" jüdische Spezialitäten wie Pastrami und Matzeknödel-Suppe.

Zum Gespräch kann man ihn und Zehden dieser Tage schräg gegenüber ihrer neuen Wirkungsstätte treffen, im Café der Kunst-Werke, jenem Ausstellungsort, wo Melzer auch mal einen Club betrieb.

Morgenpost Online: Herr Melzer, wie kommt ein Nachtleben-Experte wie Sie auf die Idee, ein Deli mit jüdischen Delikatessen zu eröffnen?

Melzer: Ich war zwischendurch mal gelangweilt vom Nachtleben. Und ich hatte schon immer die Idee, einen Pastrami-Laden aufzumachen, einfach deshalb, weil ich Pastrami liebe und weil es in Deutschland keines gibt.

Morgenpost Online: Ah, das Pastrami heißt es? Ich habe ehrlich gesagt noch nie ein Pastrami-Sandwich gegessen.

Zehden: Fehler! Wenn Sie Fleisch mögen, ist das super.

Melzer: Pastrami ist Rindfleisch, das gepökelt und geräuchert wird. Der Prozess dauert zwei bis vier Wochen. Pastrami ist traditionell jüdisches Essen, das in den 30er-Jahren mit rumänischen Einwanderern nach New York kam.

Morgenpost Online: Warum haben wir das noch nicht?

Melzer: Das ist wie in den 70er-Jahren, als man sich fragte, warum es bis dahin hier keinen Burger gab. Irgendwann musste einer das machen.

Zehden: Es gab allerdings schon ein paar Pseudoversuche, nicht wirklich gut. Aber Oskars Pastrami wird fantastisch, ich hab's schon probiert.

Morgenpost Online: Und welche jüdischen Spezialitäten bieten Sie noch an?

Melzer: Matzeknödelsuppe…

Morgenpost Online: Matze ist so ein Brot, nicht wahr?

Zehden: Nein, nein, kein Brot! Das genaue Gegenteil. Moses befreite die Juden in Ägypten und zog dann vierzig Jahre in das Heilige Land zurück, unterwegs ist ihm das Mehl ausgegangen…

Melzer: …Moment, nicht ganz. Sie hatten nicht genug Zeit, um das Brot zu backen. Deswegen haben sie in diesen vierzig Jahren Matzebrot in der Wüste gegessen. Also ungesäuertes Brot.

Morgenpost Online: Also doch Brot!

Zehden: Nein, es ist ungesäuerter Teig, der in der Sonne gebacken wurde! Und ist ganz dünn wie Knäckebrot.

Morgenpost Online: Das zerbröselt man dann zu Mehl?

Zehden: Genau, und daraus kann man entweder Knödel oder Kuchen machen, aber eben alles mit Matzemehl.

Morgenpost Online: Gab's das bei Ihnen zu Hause?

Melzer: Aber ja.

Zehden: Auch 90 Prozent der nicht-religiösen Juden haben zu dem achttägigen Pessachfest Matze zu Hause, das ist einfach eine Tradition.

Morgenpost Online: Über die man bei Ihnen im "Kosher Classroom" viel lernen kann?

Zehden: Genau. Die jüdischen Leute kennen koscher, die nicht jüdischen nicht. Da sehe ich ein großes Potenzial. So bieten wir freitagabends ein traditionelles Sabbat-Dinner an, mit vier Gängen und Segenssprüchen, eben so, wie es das bei uns zu Hause immer gab. Da kann jeder das Ritual kennenlernen.

Morgenpost Online: Und wie machen Sie das? An Sabbat darf man ja eigentlich nicht kochen.

Zehden: Das ist der Trick. Wir garen das Essen mit modernen Geräten auf Niedrigtemperatur, die wir am Freitag einige Stunden vor Beginn des Sabbats einschalten. Wir planen die Gerichte so, dass sie schmoren können, und wenn das Dinner beginnt, perfekt gekocht sind. Wir haben dafür schon sehr viele Reservierungen.

Melzer (zückt sein iPhone): Guck mal, ich habe auch schon auf Facebook Anfragen für dein Restaurant.

Morgenpost Online: Spüren Sie denn ein neues Interesse für jüdische Kultur in Berlin?

Zehden: Absolut. Auch bei unserem koscheren Catering-Service. Koscher ist ja doch noch für viele etwas ganz Ungewöhnliches, eine Abwechslung für Leute, die etwas Besonderes wünschen. Wir haben zum Beispiel eine Anwaltskanzlei beliefert, die sonst gar nichts mit dem Judentum zu tun hat. Die Gäste fanden es toll und waren überrascht, dass koscherer Wein wie jeder andere auch schmeckt.

Melzer: Ich glaube auch, dass das Interesse für jüdisches Leben gewachsen ist. Allein, weil man mehr davon sieht. Als ich klein war, gab es vielleicht um die 5000 bis 6000 Juden in Berlin. Jetzt hört man überall Hebräisch.

Zehden: Stimmt. Ich war zwölf Jahre im Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin aktiv. Daher weiß ich, dass wir heute offiziell zwischen 15000 und 16000 Gemeindemitglieder haben. Gleichzeitig leben hier mindestens genauso viele – und das ist das interessante – Israelis, die nicht in der Gemeinde registriert sind. Dann kommen wir auf 35000 bis 40000 Juden, plus die ganzen Touristen: Dieses Jahr haben erstmals mehr Israelis Berlin als New York besucht. Lufthansa fliegt deshalb auch bald nonstop täglich Berlin–Tel Aviv.

Melzer: Gute News.

Morgenpost Online: Und warum strömen so viele Israelis hierher, in die Stadt der Täter?

Melzer: Aus demselben Grund, weshalb die New Yorker kommen und die Engländer kommen. Weil Berlin im Vergleich zu anderen Hauptstädten relativ günstig ist und an jedem Wochenende hier so viel los ist wie anderswo das ganze Jahr.

Zehden: Berlin ist für Israelis eben heute vor allem hip und trendy.

Morgenpost Online: Herr Melzer, Sie haben vor vielen Jahren mal gesagt, dass Ihnen das jüdische Leben hier wie Fassade vorkommt. Ist das anders geworden?

Melzer: Es kommt darauf an, was man als jüdisches Leben sieht. Vieles ist halt immer noch Klezmer-Musik und das Jüdische Museum. Das ist jetzt nicht unbedingt mein jüdisches Leben.

Morgenpost Online: Und was ist Ihres? In Tel Aviv feiern?

Melzer: Nein, das ist mein Leben, das ist aber nicht mein jüdisches Leben. Mein jüdisches Leben ist eventuell an den Feiertagen mit meinen Eltern in die Synagoge gehen, mit Freunden freitags essen, auf Bar Mitzwas gehen, das sind Woody-Allen-Filme und Larry David.

Morgenpost Online: Larry David muss man kennen?

Melzer: Unbedingt, der macht diese lustige amerikanische Comedy-Serie "Curb Your Enthusiasm". Das ist mein jüdisches Leben.

Morgenpost Online: Und Ihres, Herr Zehden?

Zehden: Sehr ähnlich. Ich bin nicht religiös, aber eine gewisse Tradition innerhalb des Familienlebens ist für mich das jüdische Leben. Mein Vater war gebürtiger Berliner aus Moabit. 1933 ist er nach Skandinavien ausgewandert, deshalb wurde ich bei der Geburt Däne. Mein Vater ist zwar nicht zurückgekehrt, aber ich bin seit 1980 wieder da. Und meine Söhne, also seine Nachkommen, sind in Berlin geboren. Deshalb ist es für mich wichtig, dass wieder jüdisches Leben in Berlin existiert. Ich finde es großartig, dass hier in einem historischen jüdischen Gebäude, was jahrzehntelang für andere Zwecke genutzt wurde, jetzt Kunst und Gastronomie mit jüdischen Elementen passiert. Und die Gegend hier ist doch ein Traum, oder Oskar?

Melzer: Naja, es ist nicht mehr das Berlin, in das ich 1995 gezogen bin, aber es ist trotzdem noch ganz toll.

Morgenpost Online: Mit Clubs wie "F.U.N." und "Weekend" waren Sie immer weit vorne. Wird Ihr Deli ein Platz für Hipster?

Melzer: Ich finde, dass das ein netter Ort werden soll, wo Leute leckeres Essen bekommen, wo es sehr familiär zugeht. Hip, nicht hip – das interessiert mich nicht mehr.

Morgenpost Online: Aber vielleicht wird jüdisches Essen noch zum Trend. In den USA werden koschere Produkte angeblich schon wie Bioprodukte vermarktet.

Zehden: Zu Recht. Koscher heißt ja vor allem, dass du weißt, wo genau die Produkte herkommen. Das wird alles vom Anbau bis hin zum Verzehr bewacht. Diesen Trend praktizierten unsere Vorfahren schon vor 5000 Jahren. Die Jungs wussten schon damals, auch ohne Internet, was gut ist.

Morgenpost Online: Bei Ihnen schaut also regelmäßig ein Rabbiner vorbei?

Zehden: Ja, sein Gehilfe, der Maschgiach, hat sogar den Schlüssel. Der passt auf, was in die Töpfe kommt. Wir dürfen keinen Karton aufmachen, ohne dass der Wächter seinen Segen gegeben hat.

Morgenpost Online: Passt der Maschgiach auch auf, dass bei Ihnen in der Küche keine Milch verarbeitet wird?

Zehden: Genau, wir mussten uns entscheiden zwischen Milch und Fleisch, zusammen ist das ja nicht koscher. Deshalb gibt's bei uns nur Fleisch, Fisch und vegane Gerichte, also ohne Eier und Milchprodukte. Wir haben aber einen sehr guten Milch-Ersatz, der sich Parve nennt. Da merkt keiner den Unterschied. Wir servieren sogar Parve-Eiscreme, die genauso wie Milcheiscreme schmeckt.

Morgenpost Online: Koscher heißt auch, dass das Fleisch geschächtet wird, oder? Das klingt immer gruselig.

Zehden: Das ist wunderbar. Es hört sich grausam an, aber der Hauptgrund ist, dass Krankheiten über das Blut übertragen werden. Wenn man ein Tier ausbluten lässt, kann das nicht passieren.

Morgenpost Online: Ist das Pastrami in Ihrem Deli auch koscher, Herr Melzer?

Melzer: Nein, nein.

Zehden: Wir machen uns keine Konkurrenz. Im Gegenteil. Am Freitagabend dürfen wir nicht kassieren, aber das Deli ist ja da und das Vertrauen auch.

Melzer: Ein gutes Konzept.

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