Kochabenteuer
Gerade noch mal Schwein gehabt!
Montag, 6. September 2010 14:46 - Von Harald PetersRüssel und Ohr vom Schwein gelten als vergessene Genüsse und kommen hierzulande eher selten auf den Tisch. Ein Kochbuch hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Tier nicht mehr nur zum Teil, sondern ganz zu verwerten. Wir haben einige Rezepte daraus nachgekocht. Die Geschichte eines Abenteuers in vier Gängen.
Schweineohr, wo um Himmels willen, bekommt man denn Schweineohr? Und Schweinerüssel? An der Fleischtheke jedenfalls nicht. Die Schweinenieren will der Metzger nur gegen Vorkasse besorgen. "Will ja sonst keiner", sagt er, weshalb man ihn zweimal besuchen muss, erst zum Bestellen und Bezahlen, am nächsten Tag dann zum Abholen, wobei der Metzger meinem Kochkollegen, der das freundlicherweise übernommen hat, verschwörerisch zuzwinkert, als hätte er heiße Ware erworben.
Wir haben vor, "Das Kochbuch der vergessenen Genüsse" von Eva Eppard und Martin Lagoda zu testen. Darin werden Zutaten wie Schafgarbe, Süßholz und Ringelblume gepriesen – was wir allerdings nicht sonderlich spektakulär finden. Es werden rätselhafterweise Pastinake, Rote Bete und Steckrübe wiederentdeckt, obwohl diese Gemüsesorten eigentlich längst in jedem halbwegs gut sortierten Supermarkt zu finden sind. Weshalb wir zunächst Salat von Lammhirn mit grünen Mandeln und Kaninchenrücken mit Schweinefüßen und Rhabarber in Erwägung ziehen, uns dann aber für das Erbsenmacchiato mit gebratenem Schweinerüssel, die Sardinen und Schweineohr mit Rohkostsalat sowie saure Schweinenieren und gebratene Blutwurst mit karamellisierten Birnen entscheiden.
"Harald!", herrscht mich der Fotograf an, "du hast gesagt, es gebe ein Dinner mit exotischen Zutaten. Aber davon hast du mir nichts erzählt!" Sorgenvoll schaut er auf ein fahlbraunes Schweineohr. Der Kochkollege holt den Schweinerüssel hervor, der ungünstigerweise noch an einem Schweinekiefer hängt. Das ist zu viel. Erstmal hinsetzen und rauchen.
Der Ansatz, alles Essbare vom geschlachteten Schwein zu verwerten, ist im Grunde sympathisch, es soll ja nicht umsonst gestorben sein. Leider stellt sich heraus, dass die Zutaten nicht nur schwer zu finden sind, sondern auch höchst arbeitsintensiv. Schweinerüssel und -ohr müssen erst 24 Stunden gewässert werden, dann rund zwei Stunden gekocht und wenn sie dann fertig zubereitet sind, fragt man sich, was der ganze Aufwand eigentlich soll.
Vielleicht lag es an den Rezepten. Der Rohkostsalat mit Sardinen und Schweineohr schmeckt, wie ein Rohkostsalat mit Sardinen auch ohne Schweinohr schmecken würde. "Wer Knorpel mag, kann sich von Schweineohr auf rustikale Weise verwöhnen lassen", lockt eine Fußnote im Buch. Von wegen. Eine Knabberprobe ohne Salat beweist: Es schmeckt nach nichts. Selbst der Fotograf ist enttäuscht.
Auch die Erbsensuppe, die großspurig als Erbsenmacchiato daherkommt, ist ein Reinfall. Schon der gesunde Menschenverstand sagt, dass aus einer Suppe mit den Hauptzutaten 250 Gramm getrocknete Erbsen, zweieinhalb Liter Gemüsebrühe und zwei Esslöffel Salz nichts werden kann. Zwei Stunden soll der Rüssel darin garen, anschließend soll sie ohne Rüssel püriert werden. Verfeinert mit einem Schuss Sahne, ist sie salziger als Nordseewasser und dünner als eine südamerikanische Gefängnissuppe.
Wie kommen die Buchautoren überhaupt auf die Idee, dass man eine Suppe für vier Personen mit zweieinhalb Liter Flüssigkeit ansetzen sollte? Und der Rüssel? "Dem steckdosenähnlichen Gebilde des Schweinekopfs", heißt es im Buch, "fehlt ganz und gar der Lifestyle-Wert" – und auch der besondere Geschmack, möchten wir hinzufügen. Kochkollege, Fotograf und ich kauen auf dem zerkleinerten und angebratenen Rüssel herum und befinden dann einstimmig: "Schmeckt wie Schwarte."
Das hätten wir auch einfacher haben können. Langsam bekommen wir das Gefühl, die Autoren wuchern in ihren Rezepten mit betont ungewöhnlichen, aber letztlich auch völlig überflüssigen Zutaten, um auf dem hart umkämpften Kochbuchmarkt die notwendige Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch bei manchen Rezepten ist die ungewöhnliche Zutat essenziell, womit wir zu den Nieren kommen.
Immerhin: Die Blutwurst mit den karamellisierten Birnen schmeckt eigentlich bestens, aber sie liegt neben den Nieren auf dem Teller, befindet sich sozusagen in schlechter Gesellschaft. Sie wird von dem sauren Nierenduft umweht, wir können sie nicht essen, es tut uns leid. Wir haben die Nase voll, wir sind erschöpft, haben aber immer noch nichts gegessen.
Allerdings wartet da noch ein Beef Wellington in Rotweinsauce aus Ed Baines' "Brit Cuisine" auf uns, eines der wenigen Rezepte aus dem Buch, das uns wirklich britisch vorkommt. Aufgrund der nicht ganz unberechtigten Sorge, dass uns die Schweinereien nicht zusagen werden, haben wir es vorausschauend präpariert, zumal bei einem Rinderfilet in Blätterteig nicht viel schiefgehen kann. Selbst wenn der am Vortag selbst geknetete grobe englische Blätterteig aus Baines' Buch nichts werden würde, hätte man ja immer noch das Filet.
Das haben wir dann auch, und wie. Es liegt angenehm blutig auf dem Teller, ist, wie es sein sollte, vom Teig ummantelt, der eher englisch grob als blätterig wirkt, und schaut uns an. Wir schauen zurück, zwar irgendwie hungrig, aber ohne nennenswerten Appetit. Dann sagen wir "Oh je" und räumen schweigend ab.
" Das Kochbuch der vergessenen Genüsse " von Eva Eppard und Martin Lagoda, VGS Egmont, 160 Seiten, 19,95 Euro
" Brit Cuisine. Die neue britische Küche " von Ed Baines, VGS Egmont, 239 Seiten, 19,95 Euro
Erschienen am 09.02.2010






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