Klatschmarkt
Party-PR – Wie B-Promis feiern und kassieren
Montag, 13. September 2010 15:24 - Von R. Landgrebe und C. RudeltSie posieren bei allen möglichen Events für die Fotografen. Wirklich berühmt sind Semi-Stars wie Paris Hilton, Liliana Matthäus oder der Sänger Ben deshalb noch lange nicht – dennoch ist ihre Lebensaufgabe die Jagd nach Blitzlicht und Aufmerksamkeit. Davon profitiert vor allem die boomende PR-Branche.
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Die Wodkaflaschen sind gekühlt, das Fingerfood ist kunstvoll drapiert. Die roten Teppiche sind ausgerollt. Es darf gefeiert werden. In diesen Wochen beginnt die Hochsaison für alle Stars und Sternchen. Bei der Berlinale, der Echo-Verleihung oder dem Wiener Opernball trifft sich die Gesellschaft. Das klingt nach Amüsement, doch für manche Prominente bedeuten die Festlichkeiten harte Arbeit. Sie betreiben das, was in PR-Kreisen als "Party-Hopping" bezeichnet wird. Dabei geht es ums Geschäft, um mediales Interesse und somit um den Kursindex für den eigenen Marktwert.
Sehen und gesehen werden – und bloß nicht in Vergessenheit geraten. So lautet die Überlebensstrategie zahlreicher Seriendarsteller und Castingshow-Teilnehmer. Denn nur wer beachtet wird, ist prominent, stellt Georg Franck in seinem Buch "Die Ökonomie der Aufmerksamkeit" fest.
Die These des Wissenschaftlers bestätigt sich: So lächelt Sophia Thomalla derzeit in jede Kamera. Die 20-Jährige ist Schauspielerin. Im Hauptberuf Tochter. Oder Liliana Matthäus. Noch-Gattin eines Ex-Fuballers, die nach eigenen Angaben ihr Geld als Model verdient.
Die Zahl der Semi-Stars auf den roten Teppichen ist groß. Aber was ist mit den Prominenten der A-Riege? Sie überlegen genau, welcher Veranstaltungen sie Glanz verleihen wollen. Es verhält sich wie im Fußball: Es gibt Regionalligen, die Bundesliga und die Königsklasse – die Champions League. Wie Fußballer können Prominente auf- und absteigen. Der sogenannte "A-Promi" habe es, im Gegensatz zur B- und C-Klasse, nicht nötig, jeden roten Teppich unsicher zu machen, schreibt Autor Rainer Ballin in seinem Buch "Stars am laufenden Band". Sie tun es aus Interesse an einer Show – oder für Geld.
"Die Preise orientieren sich am Marktwert eines Prominenten", sagt Ute Zahn. In Berlin betreibt sie die Agentur "Artist Network", vermittelt Prominente an glamouröse Veranstaltungen und an die Werbung. Die Nachfrage an prominenten Partygästen steigt seit Jahren, behauptet sie. Kein Wunder, schließlich ist das ihr Geschäft. Gestiegen sind auch die Preise. Über Zahlen wird jedoch nur unter vorgehaltener Hand spekuliert. Von vier- bis zu sechsstelligen Beträgen für echte Weltstars sei alles dabei.
Grundsätzlich fließt Geld, wenn der VIP auf der Veranstaltung etwas leistet. Als Moderator etwa oder als Werbegesicht für ein Massenprodukt. Hier dürften Summen zwischen 40.000 und 50.000 Euro für die Stars aus der ersten Reihe gezahlt werden. Bröckelt dagegen der Bekanntheitsgrad oder leidet das Image, wie einst bei Michael Jackson, fallen auch die Preise. Dann muss der Star in entlegene Gebiete ausweichen. Den verstorbenen King of Pop trieb es etwa nach China und Arabien.
Prominent – das steht laut Duden für bedeutend und maßgebend. Was an einer Schülerin, die sich zufällig einen bekannten Nationalspieler der 90er-Jahre angeln konnte, maßgebend sein soll, erschließt sich zwar nicht automatisch. Trotzdem hat es Liliana gemeinsam mit Lothar Matthäus bis auf die Titelseiten der marktführenden Boulevardmedien geschafft. "Prominenz ist mittlerweile ein sehr inflationär gebrauchter Begriff", gibt Ute Zahn zu. In ihrer Kartei findet sich neben Hollywood-Größen wie Scarlett Johansson mit Ole Tillmann ein ehemaliger Soap-Star.
Ein Grund für die prominente Reizüberflutung: Die Zunahme von Boulevardmedien und "People Press". Neben dem Branchenriesen "Bunte" aus dem Hause Burda behaupten sich Konkurrenzblätter wie "In Touch" (Bauer) und "in – Das Star-Magazin" (in-Verlag). Webseiten wie klatsch-tratsch.de oder promipranger.de verbreiten stündlich aktuellen Gossip. Und durch die Privatisierung der Fernsehlandschaft explodierte die Zahl der Moderatoren, Boulevardmagazine und Seriendarsteller nahezu: Früher gab es nur die "Lindenstraße", heute gibt es "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" "Deutschland sucht den Superstar" und das "Dschungelcamp".
Und wie immer scheint es schwer feststellbar, ob der Bedarf so groß ist oder geschaffen wird. Schließlich lieben wir es, zu tratschen. "Klatsch ist das, was jeder öffentlich verabscheut und insgeheim genießt", stellte der Schriftsteller Joseph Conrad fest. Geschichten aus anderer Leute Leben faszinieren und beruhigen das Gewissen. Auch scheinbar perfekte Paare wie Brad Pitt und Angelina Jolie kämpfen mit Eheproblemen. Und selbst Hollywood-Schönheiten bekommen Cellulite. Prominente stehen für menschliche Verfehlungen und Heldentaten. Sie werden zu Gottheiten stilisiert – und können als gefallene Götter enden. "Bild"-Chef Kai Diekmann hat es einmal auf den Punkt gebracht: "Wer mit uns im Paternoster hinauf fährt, fährt auch wieder mit uns hinunter."
Bekanntheit schafft mediale Aufmerksamkeit. Das ist nicht neu. Heutzutage jedoch möchte selbst der Friseur um die Ecke mittels PR-Berater und einer Prise Prominenz in der Zeitung landen. Die Folge: Eine wachsende Anzahl an zumeist semi-prominent besetzten Veranstaltungen – und eine boomende PR-Branche.
Doch nicht jede Agentur arbeitet seriös. Bei vielen Veranstaltungen bleibt von der groß angekündigten Gästeliste nicht viel übrig: Statt einer Alexandra Maria Lara stapft dann etwa Ex-Topmodel-Kandidatin Gina-Lisa Lohfink über den roten Teppich.
Manchmal allerdings kann selbst ein großer Name einer Veranstaltung zum Nachteil sein. Beispielsweise wenn Topmodel Claudia Schiffer erstmals ihr Babybäuchlein der Öffentlichkeit präsentiert. Ihr ist die ungeteilte Aufmerksamkeit gewiss – für das zu werbende Produkt aber interessiert sich dann niemand mehr.
Erschienen am 08.02.2010























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