Rapper Sido
"Leute, es geht auch ohne teure Klamotten!"
Der Berliner Rapper Sido ist mit aggressivem Sprechgesang reich und berühmt geworden. Im Interview mit Morgenpost Online gibt sich der Musiker, mit bürgerlichem Namen Paul Würdig, jedoch bescheiden. Er spricht über HipHop-Mode, die angebliche Modemetropole Berlin – und seinen zukünftigen Nebenjob.
Von Julia Finger
Sido kommt zu spät. Der Verkehr war es nicht, sagt der Rapper, aber wieso er unsere Redakteurin länger als eine halbe Stunde warten lässt, verrät er nicht. "Bevor wir anfangen, muss ich noch schnell bei Ebay eine Uhr ersteigern", sagt der 29-Jährige.
Bei Ebay? Hat man als Platin-dekorierter Musiker nicht genug Geld, um sich beim Juwelier mit teuren Chronografen einzudecken? "Klar, aber ich spare doch einen Haufen Kohle, wenn ich so was online ersteigere." Während er die Auktion verfolgt, übt sich der Berliner – ansonsten berühmt für aggressiven Sprechgesang – im Plauderton. Er redet über sein geplantes Tätowierstudio und behauptet, dass Berlin in Sachen Mode gar nicht so führend ist, wie derzeit viele behaupten.
Morgenpost Online: Du ersteigerst Uhren bei Ebay. Hast du keine Angst, dass dir der Verkäufer ein Plagiat zuschickt?
Sido: Nö. Ich habe doch die Adressen von den Leuten, bei denen ich kaufe.
Morgenpost Online: Auf was für eine Uhr hast du es abgesehen?
Sido: Eine Breitling. Aber nicht so ein prolliges Teil, sondern eine schlichte Uhr mit schickem Armband.
Morgenpost Online: Berlin wird international als neue Modemetropole gehypt. Siehst du das auch so?
Sido: Nein. Berlin ist als Stadt zwar interessant, aber keine Modemetropole. Für Leute, die aus einer Retortenstadt wie New York kommen, hat Berlin wahrscheinlich etwas Romantisches. Gerade im Ostteil sehen die Häuser alle noch alt und heruntergekommen aus, aber anders heruntergekommen als die in Brooklyn. Berlin ist interessant, aber nicht modisch. Hier laufen doch alle wie Penner rum. Den Berlinern ist Mode egal. Es gibt zwar Ecken, wo Mode ein Thema ist. Aber dieses Thema wurde dort nicht von Berlinern etabliert, sondern von Zugezogenen.
Morgenpost Online: Welche Stadt ist denn modisch?
Sido: Jede italienische Stadt ist stylisher als Berlin. Sogar Los Angeles ist modischer als wir hier. In Los Angeles sind die Menschen einfach lockerer drauf. Das sieht man an ihren Klamotten.
Morgenpost Online: Bist du ein Konsummensch?
Sido: Ich fahre oft ins KaDeWe-Parkhaus, lasse dort in der Waschstraße mein Auto waschen, gehe in der Zeit am Ku'damm shoppen. Von Designern habe ich nicht viel Ahnung. Allerdings gefällt mir die Kollektion von Philipp Plein. Der mag meine Musik, deswegen bekomme ich von ihm Kleidung geschenkt. Kaufen würde ich das nicht, die Sachen sind mir zu teuer.
Morgenpost Online: Wie wichtig ist Mode?
Sido: Wenn ich kein Geld hätte, wäre mir Mode scheißegal. Mode sollte Leuten nicht wichtig sein. Für mich ist Mode so was wie ein witziges Hobby. Aber wenn ich teure Klamotten trage, will ich damit keinem suggerieren, dass es ohne die nicht auch gehen würde. Was ich heute trage, kostet insgesamt circa 700 Euro. Aber du kannst auch eine Jacke haben, ohne dass Diesel draufsteht.
Morgenpost Online: Findest du die Hip-Hop-Mode besonders stilvoll?
Sido: Kanye West ist sehr gut angezogen. Eminem allerdings sieht aus wie ein alter, armer Mann. P. Diddy ist immer overdressed. Der riecht sicherlich wie eine riesige Parfümerie. Generell hat sich der Stil im Hip-Hop in eine eigenartige Richtung geändert. Entweder ist er sehr weit, so wie in den 90er-Jahren, oder extrem eng und schick. Rapper werden halt auch älter, und irgendwann können sie diese weiten Klamotten nicht mehr mit ihrer Reife vereinbaren. Außerdem setzt man als Musiker ja auch Trends. Und plötzlich merkt man, dass jedes Opfer rumläuft wie man selbst; dass Leute aussehen wie ich, hinter denen ich aber nicht stehen kann. Da muss man sich dann modisch neu definieren.
Morgenpost Online: Könntest du dir vorstellen, eine eigene Modelinie herauszubringen wie Bushido mit "Ferchichi"?
Sido: So viele Musiker bringen derzeit eigene Modekollektionen raus. Dadurch verliert es an Wert, wenn jemand wie ich Klamotten designen würde. Aber ich
eröffne jetzt ein eigenes Tattoostudio.
Morgenpost Online: Leihst du nur deinen prominenten Namen, oder willst du selber tätowieren?
Sido: Ich bin zurzeit auf der Suche nach guten Tätowierern und besichtige Geschäftsräume. Allerdings will ich auch selbst tätowieren, aber nur exklusive Kunden. Nicht meine Fans, sondern reiche Russen, die es cool finden, sich von Sido tätowieren lassen. Meinen Fans will ich nicht noch mehr Geld abknöpfen.
Morgenpost Online: Du bist selbst großflächig tätowiert. Bist du eitel?
Sido: Ich brauche morgens maximal zehn Minuten im Bad: Toilette, Zähne putzen, duschen, Haare machen, fertig. Aus dem Kleiderschrank nehme ich meistens das, was obendrauf liegt und einigermaßen zusammenpasst. Mir ist eigentlich egal, wie ich aussehe. Bei Termine achte ich ein bisschen darauf. Wenn ich nicht in der Öffentlichkeit stehen würde, aber trotzdem Geld hätte, würde ich mir auch keine teuren Sachen kaufen.
Morgenpost Online: Apropos teuer: Wo steht die Breitling?
Sido: Bei 800 Euro. Mehr als 1200 gebe ich aber nicht aus.
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