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28.08.09

Puristisch wohnen

Die Kunst der Leere lässt sich lernen

Wer mit wenig Möbeln lebt, ist mehr Mensch: Eine sparsame Ausstattung der Wohnung lässt dem Bewohner mehr freien Raum. Die Furcht vor zu viel Nüchternheit ist aber auch bei dieser Einrichtungsphilosophie unbegründet – vorausgesetzt, man beschäftigt sich ein wenig mit Farb- und Materialgestaltung.

DPA

Die Natur liegt im Trend, draußen wie drinnen: Auch im Interior-Bereich zeigt sich immer mehr Flora und Fauna, wie zum Beispiel auf den Schälchen von Sandra Haischberger. Die Wiener Designerin lässt sich für ihr Label "Feinedinge" von alten Biologiebüchern inspirieren. Die glasierten Porzellanschälchen "Single-Birds" mit aufgesetztem Porzellanvogel oder Schmetterling sind in vier Metallicfarben erhältlich. Je Schälchen um 58 Euro.

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Die Einrichtung auf das Wesentliche reduzieren – dieses Prinzip gibt es schon erstaunlich lange. Schon vor 2000 Jahren achteten die Römer, Erbauer der ersten mehrstöckigen Mietshäuser, auf wertiges Mobiliar, aber stets wohldosiert: Zwei Liegen, ein kleiner Tisch und Stühle – mehr befand sich nicht in den Wohnungen der meisten Bürger. Das lag freilich auch an den für heutige Verhältnisse bescheidenen Grundrissen. Doch auch andere Accessoires blieben draußen.

Der Architekt Ludwig Mies van der Rohe adaptierte im vergangenen Jahrhundert die alte Lehre mit seinem Spuch "Weniger ist mehr". Eigentlich wollte van der Rohe damit die Detailverliebtheit in der Architektur anprangern und sie aufs Wesentliche reduziert wissen. Dass sein Ausspruch heute auch für die Innenraumgestaltung und andere Lebensbereiche herhält, hat er wohl nicht geahnt. Und doch ist sein Credo heute ein Leitbild: Die Reduktion ist das Hauptmotiv der meisten Innenausstatter – auch ein Nebenprodukt der in den 70er-Jahren aufkommenden Loftkultur. Auf riesigen Flächen spielt es keine Rolle, wie viele Sessel und Regale dort stehen: Es sieht immer leer aus. Autor Thomas Drexel will den Trend zur Nüchternheit nun ergänzen. In seinem neuen Buch "Simple Living" zeigt er sparsame Wohnkonzepte, jedoch in charakterstarken Häusern und Wohnungen, geprägt von natürlichen Farben.

Jedes Jahr werden von den deutschen Entsorgungsfirmen Tausende Tonnen Sperrmüll, wie alte Schränke, Spülen oder Regale, abgefahren. Standen die 50er- und 60er-Jahre ganz im Zeichen von Schrankwand und aufgereihten Mitbringseln aus dem Urlaub, so sind es heute Transparenz, Luftigkeit und Schlichtheit, welche Wohnungen ausmachen – Kitsch und Staubfänger verschwinden aus Regalen, Alltagsgegenstände in Schubladen und hinter Sichtblenden. Die Möbel selbst werden ebenfalls immer schlichter, es dominieren glatte Flächen. Spartanisch eingerichtete Wohnungen sollen in einer Welt der technischen und informationellen Überforderung einen Ausgleich bieten.

"Konkurrieren heute die unterschiedlichsten Wohnstile gleichberechtigt miteinander, so gibt es doch eine Grundströmung – die der Reduktion", sagt Wohnpsychologe Uwe Linke aus München. Noch gibt es viele Menschen, die sich ganz bewusst gemütlich einrichten, weil ihnen das ein Sicherheitsgefühl vermittelt. Vertraute Gegenstände bieten ihnen einen Anker. Doch die Zahl der Menschen, die ihr Lebens- und Wohnumfeld regelmäßig entrümpeln und umkrempeln, steigt. Als Gründe dafür sieht Linke unsichere Zeiten im Privat- und Arbeitsleben. "Heutzutage muss man sich stets neu erfinden und wieder von vorn anfangen", sagt er. Das bedeute gleichzeitig, sich auch von Ballast zu befreien, der dann zur Vergangenheit gehört.

Ein weiterer Grund ist laut Linke die zunehmende Ichbezogenheit der Gesellschaft, in der man stets sich selbst im Mittelpunkt sieht. Das eigene Leben zu komponieren, etwa durch die bewusste Entscheidung für oder gegen Kinder, finde seinen Niederschlag auch in der Inneneinrichtung. "Die Wohnungseinrichtung wird damit im übertragenen Sinne auch zur Lebenseinrichtung", sagt Linke – bewusst wird hier und dort etwas weggelassen oder hingestellt, sei es nun eine übergroße Bodenvase oder ein antiker Stuhl.

Architekturautor Thomas Drexel hat in seinem Buch "Simple Living" einen weiteren Effekt herausgearbeitet: In Altbauten, alten Bauernhäusern und Wohnungen mit Holzfußboden, möglicherweise sogar Stuckelementen, hilft die Sparsamkeit, den eigentlichen Charakter eines Baus herauszustellen. Die Individualität des Bewohners wird ergänzt durch die Individualität der Wohnung. Der Mensch tritt zur Seite und überlässt dem Haus das Feld. Das Stützgebälk eines Bauernhauses wirkt zum Beispiel viel intensiver, wenn es nicht durch Schränke zugestellt oder gar verdeckt wird. Ein Glasboden verbindet zwei Stockwerke zwar nicht wie eine Treppe physisch, aber symbolisch und bietet Übergänge und Durchblicke, wo sonst keine wären.

Das Herausstellen von Naturmaterialien, intelligente Einbauten und Lichtkonzepte verhindern auch einen Effekt, vor dem sich die Sammlerfraktion fürchtet: dass die Wohnung nach dem Entrümpeln kalt und abweisend wirkt.

Ein markantes Beispiel für die neue Wärme befindet sich im Schweizer Oberengadin, wo ein altes Haus mit Holzgebälk – teilweise über 500 Jahre alt – so saniert wurde, dass die Historie zum Lebensmittelpunkt wird. Überall finden sich Reminiszenzen an die Geschichte des Hauses, etwa durch Balken, die unverbaut das Innerste des Hauses offenlegen. Mit Durchbrüchen und groß geschnittenen Zimmern entsteht Weite, zumal das Haus mit nur wenigen Möbeln äußerst sparsam eingerichtet ist.

Ein zweites Hausbeispiel, das größtmögliche Einfachheit zum Maßstab macht, liegt in der französischen Provence, wo ein bereits fast verfallenes Natursteinhaus restauriert wurde. Dazu entfernte der Architekt alle historisch wertlosen Einbauten, ließ die aus regionalem Kalkstein gemauerten Innenwände unverputzt und begradigte lediglich das Fugenbild – Naturstein, Pastelltöne an den Wänden und weiße Waschtische und Wohntextilien verschmelzen auf diese Weise zu einer gelungenen Wohneinheit.

"Natürlich lässt sich aus jedem Haus und aus jeder Wohnung alles rauswerfen. Es gilt aber, den richtigen Grad zu finden", sagt Innenarchitekt Johannes Berschneider aus Neumarkt bei Nürnberg. Auch er stellt bei vielen Menschen eine Tendenz zur Klarheit und Einfachheit in den Wohnungen fest. "Es gilt oft, neue Perspektiven zu finden – und zwar im Wortsinn, wenn man an einer bestimmten Stelle im Raum ständig sitzt und im übertragenen Sinn, wenn sich im Umbau der eigenen vier Wände auch eine neue Lebenssituation widerspiegeln soll", sagt er. Das sei zum Beispiel dann der Fall, wenn die Kinder ausziehen und man die Möglichkeit hat, bisher fest in Beschlag genommene Ecken neu zu nutzen. Dabei komme es auf das richtige Raumgefühl an.

Unter Klarheit versteht Berschneider deshalb auch ganz bewusstes Komponieren von Blickachsen – eine kleine Wohnung wirke zum Beispiel deutlich größer, wenn sie den anschließenden Garten durch eine feste Blickachse mithilfe eines Wanddurchbruchs miteinbeziehe. Expertenrat empfiehlt Berschneider bei Reduzierung und Umbau dringend, da die Bewohner selbst oft den neutralen Blick dafür verloren hätten, wenn sie sich täglich in den Räumen aufhielten. Allerdings rät Berschneider auch, nicht sofort alles wegzuwerfen: "Wenn es geht, erst einmal in den Keller damit. Weggeworfen ist alles in wenigen Minuten, bis sich ein neues Wohngefühl einstellt, dauert es deutlich länger."

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