14.02.13

Protz-Rap

Derek Khan – Der Hoflieferant der Hip-Hop-Stars

Einst stylte Derek Khan die Hip-Hop-Elite – und begann, selbst zu prassen wie ein Star. Um den Lebensstil zu finanzieren, brachte er geborgte Diamanten zum Pfandleiher, bis er ins Gefängnis musste.

Von Dagmar von Taube
Foto: Daryl Visscher

Schwamm auf der großen Welle: Ex-Hip-Hop-Stylist Derek Khan cool im Pool in einer Privatresidenz der Emirates Hills in Dubai
Schwamm auf der großen Welle: Ex-Hip-Hop-Stylist Derek Khan cool im Pool in einer Privatresidenz der Emirates Hills in Dubai

Derek Khan, 55, ist ein auffallend höflicher Mann, sein Anzug ist golden und von Gucci. Er war der New Yorker Stylist der Hip-Hop-Elite von Mary J. Blige, über Madonnas Tänzer, bis hin zu P. Diddy in den 80er-, 90er-Jahren. Heute lebt er in Dubai.

Die Welt: Herr Khan, früher die Big-Shots des Raps, heute beraten Sie die Hautevolee von Dubai in Sachen Abendmoden. Sorry, aber haben wir uns da verhört?

Derek Khan: Nein, genauso ist es. Und es gibt sogar Parallelen: Rap ist Kapitalismus und Competition, zu zeigen, was man hat. Am Ende geht's ums Gewinnen. Gleichzeitig geht es um die ungenierte Freude am Glanz und Ruhm. Es ist dieser Stolz und dieses Selbstbewusstsein, mit dem sie sich mit Gold behängen, das unterscheidet Rapper von reichen Erben: Es kommt aus einer Leistung heraus – das zeigt sich hier in Dubai genauso wie damals.

Die Welt: Sie waren 17, als Sie nach New York kamen.

Khan: Ich war Verkäufer bei Neiman Marcus, später bei Gucci. Meine erste Kundin war Greta Garbo. Zu Hause hatte sie Picassos und Monets hängen, aber sie selbst sah aus wie eine Vogelscheuche. Sie liebte Schirme und Schals, wohl auch, weil sie sich hinter ihnen verstecken konnte. Sie war sehr scheu. Ich zeigte ihr jedes Stück, gekauft hat sie nie etwas. Anders als Jackie Kennedy, die ich später kennenlernte. Sie war sportlich, aber schick. Immer sehr schick. Die Madison und die Fifth Avenue waren ihr Laufsteg.

Die Welt: Wie war es mit P. Diddy, Jahre später dann?

Khan: Diddy ist ein Perfektionist und verrückt nach Bling-Bling. Er besitzt die schönsten Uhren! Es ist interessant, im Gegensatz zu den Kennedys, den klassisch Reichen, machen sich Rapper ja gar nicht viel aus Besitz. Die wollen gar kein Haus mit Gemälden an den Wänden – mobiler Reichtum, Autos, Schmuck, ist ihnen viel lieber. Das, was der Rapper besitzt und im Ernstfall verteidigen würde, trägt er am Körper. Damit kann er notfalls flüchten. Auch darum sind gute Turnschuhe so wichtig für ihn.

Die Welt: Welche sind denn da die besten?

Khan: Der absolute Klassiker unter den Hip-Hop-Leuten ist der "Nike Airforce 1". Sie müssen weiß sein und immer frisch aus der Box: brandneu.

Die Welt: Früher XL-Baggyhosen, heute, so scheint es, laufen Hip-Hopper nur noch im Anzug herum.

Khan: Die ersten Rapper sahen aus wie Discoqueens. Grandmaster Flash, Africa Bambaataa, das war die große Verkleidung. Run-D.M.C. brachte dann den Streetlook auf die Bühne, der Turnschuh als Statussymbol. Mit P. Diddys Erfolgen kam das große Geld ins Spiel, die Brilli-Nummer und die Kopie des weißen Reichtums: der Anzug als Ausdruck des Erfolgs und Mafia-Chic aus Bezug zum Verbrechertum. Wobei Hip-Hopper wie Jay-Z auch mit ihren Looks spielen. Die gehen gern mal zu Geschäftsterminen im Streetlook, um zu zeigen: Okay, ihr tragt hier alle Anzüge, ihr habt alle studiert, super. Und ich komm' aus dem Getto, ich hab' früher Drogen verkauft, aber: Ihr arbeitet heute alle für mich!

Die Welt: Was haben Sie im Gefängnis getragen?

Khan: Weiße T-Shirts, Khakis. Sehr "Banana Republic"...

Die Welt: Sie saßen 2002 bis 2004 in Amerika im Knast.

Khan: Das muss ich der Reihe nach erzählen: Ich lernte mit 28 Andy Warhol und Keith Hearing kennen. Wir gingen in die "Sound Factory", wo auch Prince war und Madonna. Wir hatten kein Geld, aber wir sahen toll aus. Wir waren Verkäufer, aber cool. Wir waren die Club-Kids, Madonnas Tänzer gehörten dazu, die ganze "black crowd". Ich hatte keine Ahnung vom Musikbusiness, plötzlich war ich mittendrin: Ich wurde der Stylist der Superstars. Plattenfirmen sprachen mich an. Sie suchten einen Stylisten, der das Image ihrer Künstler veränderte. Hip-Hop war dieses "ugly thing", sie wollten mehr Glamour.

Die Welt: Jeder wollte mit Ihnen arbeiten.

Khan: Göttlich! Topdesigner boten mir an, mich aus ihrem Fundus zu bedienen. Auch die großen Juweliere irgendwann – Harry Winston, Van Cleef & Arpels, Tiffany. Ich war der, der die Haute Couture mit der Hip-Hop-Welt vermählte und kannte irgendwann alle. Ich habe das Celebrity-Styling angefangen, mit dem großen Unterschied: Wir machten damals Stars aus echten Talenten. Und so spazierte ich für meine Klienten fröhlich ein und aus bei Bulgari oder Graff wie andere in den Supermarkt und kam mit Vier-Millionen-Dollar-Juwelen am Handgelenk und um den Hals wieder raus. Bis es passierte ...

Die Welt: Was denn?

Khan: Das Musikgeschäft kippte. Downloads killten die Verkäufe. Meine Styling-Aufträge nahmen ab, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Ich war es gewohnt, drei Millionen Dollar im Jahr zu verdienen, 20.000 pro Tag. Meine Ansprüche waren hoch, plötzlich kam nichts mehr rein, und ich saß auf meinen unbezahlten Rechnungen – Mitarbeiter, Anwälte, das "Beverly-Hills-Hotel" für Wochen inklusive Roomservice, Champagner. Die Dollars schmolzen in meinen Händen. Ich verlor die Kontrolle, als eine Honorarüberweisung an mich platzte, die ich in Gedanken längst ausgegeben hatte. Da musste ich handeln.

Die Welt: Sie versetzten die geborgten Juwelen im Pfandhaus.

Khan: Ich ging zu einem Juwelier, lieh mir, wie ich es immer tat, Diamanten für eine angebliche Fotoproduktion, die aber nie stattfand – es ging ja so leicht. Die brachte ich zum Pfandleiher. Das Problem war nur: Ich musste den Schmuck nach spätestens zwei Wochen auch wieder auslösen. Also musste ich zum nächsten Juwelier, lieh mir dort ein noch größeres Stück, löste das ein gegen Cash und das andere mit dem neu gewonnen Geld aus. Auf diese Weise jonglierte ich über Monate mit Tausenden von Dollar. Es war der Albtraum.

Die Welt: Ihre reichen Klienten konnten nicht helfen?

Khan: Das ist die Krux bei vielen dieser Stars: Sie leben im immensen Reichtum, aber besitzen keinen Penny. Die Autos sind oft Leihgaben, die Plattenfirmen stellen die Villen, Yachten, Flugzeuge, damit ihre Stars wirken wie die Big Willis.

Die Welt: Wie ging das dann weiter?

Khan: Die Angst, nicht rechtzeitig Geld flüssig machen zu können, hat mich fast umgebracht. Wenn mich jemand sieht! Ich nahm zehn Kilo ab, konnte nicht mehr schlafen, essen, arbeiten. Ich war ständig in Panik, dass mich ein Juwelier anrufen würde: "Wir brauchen das Collier zurück! Jetzt! Sofort!"

Ich hatte mehrere Pfandhäuser. Manche befanden sich auf der gleichen Straße wie die Juweliere. Ich war natürlich getarnt, Sonnenbrille, Mantel – im Pelz zu Tiffany und im Hoody ins Leihhaus. Eines Morgens klingelte das Telefon: Ein Juwelier war dran, ich flog auf und stellte mich der Polizei. Es ging dann ganz schnell: Ich wurde abgeführt, direkt nach Rikers Island, das schlimmste Gefängnis. Da saß ich im grauen Anzug zusammen mit Mördern und Sexualverbrechern.

Die Welt: Eineinhalb Jahre lang ...

Khan: Ich hatte nie wirklich eine Familie, also auch niemanden, der mich mal besuchte, geschweige denn, dass einer meiner Klienten nach mir gefragt hätte. Mir ist plötzlich klar geworden, woher ich kam und wie schnell man alles verlieren kann. Nach 18 Monaten wurde ich entlassen. Ich bekam ein Flugticket nach Trinidad, meiner Heimat, 20 Dollar in die Hand und musste für immer die USA verlassen. Das war vor neun Jahren.

Die Welt: Und heute, was machen Sie in Dubai?

Khan: Ich bin Berater im Rahmen eines gigantischen Ölgeschäfts, ein Millionen-Deal zwischen Indien und Dubai, den ich vermittelt habe. Das ist das Tolle in Dubai: Keinen kümmert es, woher du kommst oder was du gemacht hast. Hier geht's ums Jetzt. Ich war gleich ehrlich, jeder kennt meine Geschichte. Ich bin wie die Rapper: Ich habe die Hoffnung nie aufgegeben.

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