07.02.13

Filmfestspiele

Wong Kar-wai gewinnt das Duell gegen Kung Fu

Ein gemischtes Vergnügen: Der Kampfkunstfilm "The Grandmaster" eröffnet die Berlinale. Er illustriert das wachsende Problem des Festivals, das aus Amerika kaum mehr Weltpremieren bekommen kann.

Quelle: Berlinale
05.02.13 2:26 min.
Die Berlinale eröffnet mit diesem Kampfkunst-Drama von Wong Kar Wei. Der Film erzählt die Lebensgeschichte von Meister Ip Man (Tony Leung Chiu Wai), dem Lehrer von Kung Fu-Legende Bruce Lee.

Die Regeln für den Wettbewerb der Berlinale sagen unmissverständlich, dass ein Film, der dort Aufnahme finden möchte, entweder eine Welturaufführung sein muss oder erst in seinem Heimatland gelaufen sein darf. Wenden wir diese Regel auf "The Grandmaster" an, der das Festival und dessen Wettbewerb eröffnete.

Wong Kar-wais Film kam in China am 8. Januar in die Kinos. Das stellt noch kein Hindernis dar. Doch er startete zwei Tage später auch in Taiwan, das sich als unabhängiges Land betrachtet, und – was noch schwerer wiegt – vor einer Woche in Singapur, das eindeutig ein selbstständiger Staat ist und dessen Botschaft gerade einen Kilometer Luftlinie von der Berlinale entfernt residiert.

Nun könnte man diesen Start in einem Stadtstaat wie Singapur in bewährter Bankermanier als Peanuts abtun. Man könnte diese lästige Regel mit den Weltpremieren generell in Frage stellen, denn sie macht der Berlinale das Programmieren viel schwerer. Was hätte das Festival ohne sie dieses Jahr nicht alles präsentieren können! "Lincoln"! "Hitchcock"! "Life of Pi"! Wer weiß, vielleicht sogar "Django Unchained".

Die Berlinale missachtet eigene Regeln

Damit ist man gleich bei der Konzeption dieses größten deutschen Kulturereignisses, man könnte auch sagen: bei seiner Selbstachtung. Den 300.000 Zuschauern, die jedes Jahr glücklich sind, eine Karte ergattert zu haben, ist Singapur ziemlich gleichgültig. Das ist, mit Verlaub, eine kurzsichtige Betrachtung der Dinge.

Berlin ist – immer noch – eines der drei wichtigsten Festivals der Welt. Das ist keine Frage der Zuschauerzahl, Cannes hat kein Zehntel der Berliner Besucher. Es ist eine Frage des Status', und der folgt aus dem Ruf, den ein Festival bei Filme-Machern und -Produzenten und -Verleiher und -Kritikern quer über die Welt genießt. Und bei denen würde sich schnell die Kunde verbreiten, dass Berlin immer mehr "nachspielt".

Von den 24 Filmen im Wettbewerb sind sieben keine Weltpremieren, fast ein Drittel. Das liegt, gefühlt, gerade noch im grünen Bereich. Bedenklicher sieht es schon aus, nimmt man diese sieben unter die Lupe: Sechs von ihnen sind amerikanische Filme. Man kann es auch umgekehrt sagen: Es gibt keine einzige amerikanische Uraufführung im Wettbewerb. Das ist just das Problem der Berlinale: Sie bekommt kaum mehr exklusive Filme aus dem weiterhin wichtigsten Kinoland der Erde.

Keine exklusiven Filme aus Hollywood

Andererseits ist Hollywood längst nicht mehr das aufregendste Kinoland der Erde. Insofern stand es der Berlinale gut an, mit einem Film aus Asien zu eröffnen und dazu mit einem von Wong Kar-wai, der in den Neunzigern mit "Chungking Express" und "In the Mood for Love" ein eigenes Genre erfand, das Kino der Impressionen, wo ein Augenaufschlag oder der Qualm einer Zigarette größere Bedeutung erlangen konnte als die gesamte Handlung.

Wongs letzter ernst zu nehmender Film (wir sehen großzügig über sein "My Blueberry Nights" hinweg, den Abklatsch seines Stils für ein US-Publikum) war vor neun Jahren "2046", ein epischer Versuch über Liebe und Erinnerung, Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft. Es gab keinen Film, der damals in Cannes heißer erwartet worden wäre, und weil Wong bis nach dem letzten Moment daran schnitt, musste der heilige Cannes-Zeitplan seinetwegen umgeworfen werden. "2046" fand heiße Befürworter und heftige Gegner, aber eines war allen klar: Dies war das Ende der Straße für Wongs Stil. Weiter ins Extreme würde er sich nicht treiben lassen.

"The Grandmaster" ist das Ende der Wongschen Denkpause – und der Versuch eines Neuanfangs. Ein klares Signal ist schon "The Grandmaster" (Der Großmeister), so faktisch, so dingfest wie kein anderer Wong-Titel, die sonst nach Poesie riechen, wie "Happy Together" oder "Fallen Angels".

"Grandmaster" ist das Ende von Wongs Denkpause

Der Grandmaster ist Tony Leung, Wongs alter Weggefährte in einem halben Dutzend Filmen über zwei Jahrzehnte, und er spielt einen in China legendären Kung-Fu-Meister namens Ip Man, bei dem angeblich auch Bruce Lee gelernt haben soll. Es geht im "Grandmaster" um diverse Kampfkunsttraditionen in China, eine südliche und eine nördliche und deren Vereinigung, und in einer Sequenz muss Tony Leung die verschiedensten Stile meistern, um Großmeister aller werden zu können.

Wong soll jahrelang die Stilvarianten studiert haben (und er hatte, vor zwanzig Jahren, mit "Die verlorene Zeit" bereits einen Martial-Arts-Film gedreht) – und es ist trotzdem kein Kampfkunstfilm geworden, sondern ein Wong-Film. Das lässt sich selbst an Hand der Action-Sequenzen feststellen. Gleich in seinem ersten Kampf, in dem Leung gegen die traditionelle Übermacht von Gegnern antritt, interessiert Wong etwas ganz Anderes als krachende Körpertreffer und zertrümmerte Einrichtungsgegenstände.

Da Leung & Co. im strömenden Regen fechten, treten sie ständig in knöcheltiefes Wasser, und die entstehenden Kaskaden zelebriert Wong in Zeitlupe. Oder, wenn Leungs große Liebe Zhang Ziyi zum Winter-Showdown mit dem Oberschurken "Razor" (Rasierklinge) antritt, stöbert es auf dem einsamen Bahnhof in der Mandschurei aufs Heftigste, der Schnee wirbelt auf – und nun kommt der typische Wong Kar-wai-Touch.

Der längste Zug aller Zeiten

Während die Kontrahenten auf dem Bahnsteig kämpfen, fährt hinter ihnen ein Zug ab, und das Defilée der Wagons dauert so lange wie der Kampf. Ein Zug offenbar von enormer Länge, mindestens so lange wie die Strecke von Shanghai nach Beijing, ein Zug, den es nie gegeben hat und nie geben wird, ein Wong-Kar-wai-Zug, der nur vorbeifährt, um das Gefühl von Zeit außer Kraft zu setzen, wie Wong das häufig versucht.

Es ist, im Gegensatz zu vielen Wong-Filmen, bei "The Grandmaster" möglich, eine faktische Inhaltsangabe zu schreiben: Kung-Fu-Meister lebt durch die chaotische Zeit der ersten chinesischen Republik zwischen dem Fall des Kaisertums und dem Sieg der Kommunisten. Er leidet unter der japanischen Besatzung, verliebt sich in eine Kung-Fu-Kämpferin, aber die Liebe bleibt unerfüllt (beinahe überflüssig zu sagen bei Wong).

Dass sich die Handlung derart greifen lässt, deutet das Problem des "Grandmaster" an. Es ist ein ziemlich linearer Film, der eigentlich nicht linear sein will. So lange die Handlung auf der Stelle stehen und Wong den Moment zerdehnen kann, vermag "Grandmaster" es mit den schönsten Filmen Wong Kar-wais aufzunehmen. Das Kung-Fu-Genre lässt sich auch nahtlos mit Wongs Feiern der Momente vereinen; neuere Kampfkunstfilme sind bereits in diese Richtung vorgestoßen, auch bei Johnnie To wird im Regen gekämpft.

Was "Grandmaster" zu einem gemischten Vergnügen macht, ist dieses Hybrid zwischen generationsumfassendem Epos und impressionistischer Farbtupferei. Auf das Tupfen mag Wong nicht verzichten, und so bricht das Epos in der zweiten Hälfte in sich zusammen.

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