06.02.13

Wong Kar-wai

"Mit der Zeit wird man zu seinem eigenen Feind"

Der Mann, der die Dunkelheit liebt: Der chinesische Regisseur Wong Kar-wai trägt Sonnenbrille und dreht nur nachts. Im Interview gibt sich der Jury-Präsident der Berlinale aber alles andere als düster.

Quelle: Berlinale
05.02.13 2:26 min.
Die Berlinale eröffnet mit diesem Kampfkunst-Drama von Wong Kar Wei. Der Film erzählt die Lebensgeschichte von Meister Ip Man (Tony Leung Chiu Wai), dem Lehrer von Kung Fu-Legende Bruce Lee.

Die Berlinale wird eröffnet von "The Grandmaster", dem neuen Film des chinesischen Großmeisters Wong Kar-wai. Und Wong, dessen "Chungking Express" und "In the Mood for Love" längst Kult sind, hat in Berlin noch mehr zu tun: Er ist der Jury-Präsident der 63. Festspiele. Ein Gespräch über die Konkurrenz unter Regisseuren, Dreharbeiten bei minus 25 Grad und das Karma von Filmen.

Berliner Morgenpost: Da steht Ihnen ja ein ziemlicher Stress bevor…

Wong Kar-wai: Drei Filme pro Tag ist wirklich viel, da ist man beim dritten schon ziemlich erschöpft. Insbesondere, da die Filme immer länger werden. Daran bin ich aber unschuldig. Meine Filme sind üblicherweise unter zwei Stunden.

Berliner Morgenpost: Außer "2046".

Wong: Der war auch nicht viel drüber, neun Minuten. Bedenken Sie: Niemand sieht den Film häufiger als dessen Regisseur. Schon deshalb ist es gut, kürzere zu machen. Die grundlegende Struktur eines Dreistünders muss viel stabiler sein als für einen Zweistünder. Es ist wie die Vorbereitung auf einen 100- oder 800-Meter-Lauf.

Berliner Morgenpost: Was uns zu den verschiedenen Versionen Ihres "Grandmaster" bringt. Die chinesische Fassung ist länger als jene, die wir im Westen zu sehen bekommen und damit bei der Berlinale.

Wong: In China hat mein Film 132 Minuten, im Westen sind es sieben Minuten weniger.

Berliner Morgenpost: Was sind die Unterschiede?

Wong: Ich habe dort gekürzt, wo die Erzählung dem westlichen Publikum unverständlich ist. Im Original erklärt Tony Leung ausführlich seinen Familienhintergrund. In der Fassung für den Westen sagt er nur, dass der Vater eine Familienfirma leitet, die Waren nach Hongkong exportiert.

Berliner Morgenpost: Sie waren schon Jury-Präsident in Cannes und in Shanghai, wo Sie Anthony Minghella ersetzten, als der starb. Was für ein Präsident sind Sie? Ausgleichend oder wegweisend?

Wong: Ich würde eine Jury gerne nicht als Jury sehen, nicht als ein Organ, das ein Urteil fällt. Wir sollten bescheidener sein. Wir sollten die Dinge vergessen, die wir übers Filmemachen wissen, und den Film möglichst wie ein normales Publikum ansehen. Wir sollten uns auch die Schuhe nicht anziehen, die uns hingestellt werden. Wir sind nicht da, um neue Talente zu entdecken, und wir sind nicht da, Filmen mit einer wichtigen Botschaft zu helfen, und wir sollten uns nicht darum kümmern, ob ein Film 500.000 oder 50 Millionen Dollar gekostet hat.

Berliner Morgenpost: Was wird Ihr Rat an die Jury sein?

Wong: Ich werde meine Kollegen bitten, ihre Gründe dafür dazulegen, warum sie einen Film mögen. Nicht dafür, warum sie ihn nicht mögen. Das Auswahlkomitee wird uns nur Filme präsentieren, die ein gewisses Niveau besitzen, da braucht man über Negatives nicht zu diskutieren.

Berliner Morgenpost: Ist es überhaupt möglich, völlig unterschiedliche Filme in einem Wettbewerb zu vergleichen?

Wong: Jeder sieht Filme mit anderen Augen, denn jeder hat eine andere Filmbildung genossen. Außerdem sagt mir meine Jury-Erfahrung, dass Regisseure ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr mit anderen konkurrieren, sondern mit sich selbst. Man wird zu seinem eigenen Feind, die Frage lautet: Ist dein neuer Film noch so gut wie deine alten? Almodóvar etwa, ich frage mich, ob er je eine Goldene Palme gewinnt, denn man wird bei seinen nächsten Filmen immer seine vergangenen heranziehen und einen finden, bei dem etwas besser war als bei dem aktuellen.

Berliner Morgenpost: In diese Verlegenheit werden Sie in Berlin nicht kommen, denn Ihr "Grandmaster" läuft aber außer Konkurrenz. Stimmt es eigentlich, dass der ganze Film -–inklusive der Tagesszenen – nachts gedreht wurde?

Wong: Es stimmt. Das gilt für all meine Filme. Die Erklärung ist eine praktische: Tagsüber lassen sich die äußeren Umstände, vom Lärm bis zur Hitze, nicht kontrollieren, nicht bei einem Außendreh und letztlich auch nicht im Studio. Bei "Grandmaster" steckten meine Darsteller zehn, zwölf Stunden in ihren Kostümen, das war ihnen tagsüber nicht zuzumuten.

Berliner Morgenpost: Man kennt Sie nur mit Sonnenbrille. Hat die auch etwas damit zu tun?

Wong: Die trage ich, damit ich dann tagsüber schlafen kann (lacht). Nein, meine Augen sind einfach sehr empfindlich.

Berliner Morgenpost: Bei Ihren Filmen, in denen alles auf Stimmungen ankommt, könnte man hinter Nachtdrehs auch ästhetische Entscheidungen vermuten.

Wong: Das ist überhaupt nicht so. Wenn Sie einen persönlichen Grund suchen, dann meine biologische Uhr. Ich arbeite besser in der Nacht, wo alles ruhiger ist.

Berliner Morgenpost: Aber nicht unbedingt einfacher. Ich stelle mir diese Szene in der Mandschurei vor, in der es Schnee gibt und der Atem den Schauspielern als weiße Fahne aus dem Mund dampft…

Wong: Ja, das war ziemlich hart. Um fünf Uhr in der Früh war es dort beißend kalt. Aber ich dachte mir dort: Jetzt geht es dir wie einem normalen Schichtarbeiter. Der kommt auch mit dem Sonnenaufgang nach Hause und legt sich schlafen.

Berliner Morgenpost: Tony Leung, Ihr Kung-Fu-Großmeister, brach sich beim Dreh den Arm…

Wong: … nicht nur einmal, zweimal! Wir mussten den Drehplan komplett umstellen. So sind wir nach Nordchina gefahren, mitten im kältesten Winter, obwohl wir dorthin erst im Frühling wollten. Jede Nacht zeigte das Thermometer minus 25 Grad. Aber letztlich glaube ich, dass jede Filmproduktion ihr eigenes Karma besitzt. Dagegen lässt sich gar nichts tun, manche Änderungen werden einem aufgezwungen. Der Bahnhof in der Mandschurei sollte nur in zwei Szenen vorkommen, dann haben wir dort gedreht und gedreht, und die Sequenz wurde immer länger.

Berliner Morgenpost: Die Idee, Sie könnten einen Kung-Fu-Film drehen, erschien zuerst absurd.

Wong: Ja. Das heißt: nein. Ich habe mir schon immer zugetraut, einen guten Kampfkunstfilm zu drehen. Wie ich im übrigen auch glaube, einen guten Horrorfilm drehen zu können. Meine Mutter liebte Horrorfilme, aber ich habe mich als Kind immer davor gefürchtet. Deshalb weiß ich sehr genau darüber Bescheid, wie man ein Publikum zum Gruseln bringt.

Berliner Morgenpost: Sieht man sich diese sehr verschiedenen Genres an, den Wong-Kar-wai-Film und den Kung-Fu-Film, würde ich sagen: Bei "Grandmaster" gewinnt letztlich Wong Kar-wai.

Wong: Für mich gibt es keinen Gewinner. Die beiden, sie tanzen gut miteinander. Mir hat der Kampfkunstfilm eine völlig neue Perspektive verschafft, eine Erregung beim Dreh, die ich bisher nicht kannte. Es war eine ganz besondere Energie: Für die letzten Szenen haben wir neunzig Stunden am Stück gedreht.

Berliner Morgenpost: Wie viel Stunden!?

Wong: Neunzig. Jeder hatte das Gefühl, so etwas wird ihm im Leben nicht mehr passieren. Das will man auskosten.

Berliner Morgenpost: Zum Schluss: Was ist mit der chinesischen Zensur los? Der neue Bond wurde um fünf Minuten beschnitten, "Cloud Atlas" um vierzig. Auch Ihr "2046" war damals betroffen.

Wong: In China gibt es keine FSK, keine Altersfreigaben. Wird ein Film freigeben, gilt das für jede Altersstufe. Bei jeder Szene stellt sich die Frage: Ist diese Szene schon für ein kleines Kind geeignet? Die Lösung kann nur darin bestehen, dass auch in China Altersstufen eingeführt werden.

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