Haariges Outing
Die Intimrasur wird jetzt auch für Männer zum Muss
Donnerstag, 24. September 2009 15:48 - Von Sebastian GeislerIhre Bärte pflegen Männer ganz ungeniert, sogar stolz. Die Rasur entlegener Körperregionen wird hingegen ungern thematisiert. Doch inzwischen hat die Industrie den Trend zur Intimrasur beim Mann aufgegriffen. Jetzt liefert sie ein Gerät für die empfindlichste Körperregion – denn wo Haare sind, wird auch rasiert.
Heutzutage spricht man praktisch über alles. Und das nicht nur in Partylaune. Wobei: Haben Sie Spaß an Provokationen und bewegen sich – Satire darf alles – gern auch mal abseits von Anstand und Taktgefühl? Dann tun Sie beiläufig und ungeniert einfach mal Folgendes kund: „Ich habe just gestern eine Intimrasur durchgeführt. Sehr sinnvoll, das.“„Huch!“, wird die Fraktion derer, die über derlei Dinge gern den Mantel des Schweigens breiten, parieren. Zumindest aber ernten Sie einen verlässlichen Lacher, wenn Sie die Katze sozusagen aus dem Sack lassen.
Aber mal im Ernst. Ganz plötzlich nämlich: ernsthaftes Interesse. „Du rasierst dich?“ Dann, nach einer Pause: „Untenrum?“ Vor allem scheint dann das Wie von allgemeinem Interesse: Nimmt man „dazu“ den Beinrasierer der Freundin? Oder sogar den eigenen Nassrasierer, den fürs Gesicht? Mit der Schere vorarbeiten? Schon ist eine veritable, vor allem eine abendfüllende Fachsimpelei vom Zaun gebrochen. Sie stehen nun im Mittelpunkt der Party. Man hängt an Ihren Lippen: „Mit oder ohne Schaum?"
Luca Tonis Wildwuchs wirkt unzeitgemäß
Selbst Bayerns Stürmer Luca Toni verstand es, mit diesem Trick die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen: Er rasiere sich nicht die Brust, gab er in einem „Gala“-Interview zu Protokoll. Eine Art Outing, denn mittlerweile gehört das Rasieren und Zupfen von Brust- und Körperbehaarung bei Männern zum guten Ton. Mit seinem Bekenntnis zum Wildwuchs erscheint Stürmer Toni nicht nur unzeitgemäß, sondern geradezu kantig.
Einzug gehalten hat der Trend zur Rasur über die Erkenntnisse aus Hydro- und Aerodynamik im Sportbereich. Schwimmer müssen sich rasieren, na klar, dann flutschen sie durchs Becken wie Fische. Profiradfahrer entledigen sich ebenfalls konsequent störender Beinhaare, aber massentauglich wurde der blanke Oberkörper vor allem im gnadenlosen Beauty-Light der Fitnessstudios. Bei Bodybuildern soll kein Haar die adonishafte Erscheinung stören.Vom Brusthaar bis zum Schameshügel sind es wahrlich nur wenige Zentimeter. Inzwischen hat die Industrie den Trend aufgegriffen und liefert auch an männliche Kunden entsprechendes Gerät: Der BodycruZer von Braun, für den „Keinohrhase“ Til Schweiger Werbung macht, ist das aktuelle Topmodell dieser noch jungen Sparte der Körperhygieneindustrie. Dem Rasurgerät an sich nähert man sich mit gehörigem Respekt – schließlich ist der mit ultrascharfen Klingen bewehrte Apparat zum Einsatz an ultraempfindlichen Stellen bestimmt. Es überwiegen Skepsis und – man hört ja so viel! – Furcht vor blutigen Szenarien, die nachts in der Notaufnahme bei peinlichen Verhören enden. Unbegründet, übrigens. Wer den BodycruZer einschaltet, hört ein Brummen, das mit seiner souveränen Gleichförmigkeit sowohl Präzision als auch Wertarbeit verspricht.
Im Jahr 2000 sorgte Robbie Williams für Diskussionen. Im Video zu „Rock DJ“ war klar zu sehen: der Mann rasiert. „Nichts Neues unter der Sonne!“, denken wir abgeklärte Philosophen. Verdeckte nicht schon die berühmte „Venus“ von Botticelli, immerhin aus dem Jahre 1485, ihre Scham mit wallendem Kopfhaar?
Pflege "unter der Gürtellinie" ist nicht mehr anstößig
Mitte der 90er-Jahre wurde der Berliner Frank Schäfer als „Intimfriseur“ bekannt. Sein Chef hatte als Marketinggag die Intimfrisur gepriesen. Wider Erwarten kamen dann Kunden. Wollte man früher möglichst schrill aussehen, erinnert sich Schäfer, möchte man heute lieber dem Wildwuchs Einhalt gebieten, der Natur Form geben, im besten Sinne: kultivieren. Dass und wie die Damen sich mit „Brazilian Waxing“ ihres Haarwuchses entledigen, verarbeitete popkulturell die US-Serie „Sex and the City“.
Es ist eine wichtige Erkenntnis und geradezu ein letzter Schritt der Aufklärung, dass die Pflege „unter der Gürtellinie“ genau das nicht ist, was ebendieser Ausdruck suggeriert: anstößig.Doch Vorsicht: „Etwa alle fünf oder zehn Jahre findet eine Verschiebung der Mode in die eine oder andere Richtung statt“, sagt Dr. Kevin Powell, Laborleiter bei Gillette. In den 70ern habe man gern Brusthaar getragen, heute ist eben glattrasiert in. Sicher, der Gegentrend ist auch in Sachen Rasur nur eine Frage der Zeit.
Aber, und auch das wollen wir nicht verschweigen: Wo oft rasiert wird, wächst auch schneller etwas nach – zumindest fühlt es sich so an.
Erschienen am 07.07.2009






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