27.11.12

Starfotograf McCurry

"Ich habe in Afghanistan wunderschöne Dinge erlebt"

Steve McCurry hat eines der berühmtesten Titelfotos der Welt geschossen: das afghanische Mädchen mit den leuchtend grünen Augen. Nun holte er für den Pirelli-Kalender Supermodels in die Favelas.

Foto: National Geographic

Weltweit bekannt wurde McCurry durch sein Titelfoto auf dem Cover des National Geographic Magazins.

1 Bilder

Ein Bild hat Steve McCurry über Nacht weltberühmt gemacht. Es zeigt das junge afghanische Mädchen Sharbat Gula mit den leuchtend grünen Augen. Es ist das wohl bekannteste Titelfoto der "National Geographic"-Geschichte.

Nun hat der ehemalige Kriegsfotograf elf Topmodels wie Adriana Lima oder Petra Nemcova, die sich allesamt sozialen Projekten verschrieben haben, für den Pirelli-Kalender 2013 in Rio de Janeiro fotografiert. Im Interview spricht er über die Arbeit am wohl berühmtesten Kalender der Welt, seinen Eindruck von der brasilianischen Metropole und seine Angst der Herausforderung vielleicht nicht gewachsen zu sein.

Berliner Morgenpost: Den Kalender zu fotografieren gilt gemeinhin als Ritterschlag für einen Fotografen. Wie haben Sie sich auf diese Herausforderung vorbereitet?

Steve McCurry: Wenn du so etwas anfängst, dann willst du etwas besonderes machen. Vielleicht sogar den besten Kalender überhaupt. Zumindest sagst du dir das selbst. Du darfst mit den besten Models der Welt arbeiten, sie stellen dir das beste Equipment zur Verfügung und du hast die beste Mannschaft um dich herum. Da will man natürlich auch sein Bestes geben. Das ist eine Arbeit auf höchstem Niveau. Die Herausforderung besteht darin, auf diesem Niveau mithalten zu können, das ist wie bei einem Fußballspiel in der Champions League, bei dem sich die Spieler messen wollen. Da will man natürlich nicht enttäuschen.

Berliner Morgenpost: Sie haben für den Kalender die schönsten Frauen der Welt fotografiert. In Ihrer Karriere haben Sie allerdings auch die Schattenseiten des Lebens kennengelernt. Sie haben den Krieg in Afghanistan fotografiert. Wie gehen Sie mit diesem Kontrast um?

McCurry: Das ist so nicht ganz richtig. Natürlich habe ich die schreckliche Seite des Krieges gesehen. Ich habe in Afghanistan aber auch wunderschöne Dinge erlebt. In meinem Gedächtnis überwiegen großartige Erinnerungen an einzigartige Menschen und bemerkenswerte Momente. Wie dieses Bild des jungen Mädchens mit den grünen Augen, das um die ganze Welt gegangen ist. Dafür bin ich dankbar. Mit elf dieser außergewöhnlichen Frauen arbeiten zu dürfen, die versuchen, aus der Welt einen besseren Platz zu machen, gehört sicher zu den Höhepunkten meines beruflichen Lebens.

Diese Frauen sind nicht deswegen einzigartig, weil sie wunderschön sind, sondern genau diese Schönheit dazu nutzen, sich dafür einzusetzen, dass diese Welt ein Stückchen besser wird. Sie alle kämpfen auf ihre Art und mit ihren Projekten, sie sind alle wunderschön, bezaubernd, einfach hinreißend. Auf diese Weise schließt sich der Kreis zwischen Gut und Böse wieder.

Berliner Morgenpost: Als Kulisse für ihre Fotos haben sie sich unter anderem für die Favelas in Rio de Janeiro entschieden. Warum?

McCurry: Ich wollte die Umgebung wirken lassen und die Frauen so natürlich wie möglich fotografieren. Ich selbst sehe mich als einen Straßenfotografen, deswegen habe ich versucht, die Models mit der Umgebung, der Straße, den Häusern, der Nachbarschaft verschmelzen zu lassen. Im Grunde ist eine Favela nichts anderes als eine normale Nachbarschaft. Wenn du einmal da bist, die Kinder spielen siehst, die kleinen Läden wahrnimmst, dann hat so wenig so tun mit dem ängstlichen Bild das uns in den Köpfen herumschwirrt.

Für viele, die nicht aus den Favelas kommen hört, sich das vielleicht gefährlich an, aber wir sind da nicht mit einer bewaffneten Armee im Schlepptau reingegangen, die uns vielleicht hätte beschützen können. Ein lokaler Guide war dabei und mehr nicht. Das hat auch gereicht. Eine Favela ist ein kulturelles Experimentierfeld. Wenn Sie sich zum Beispiel die Bilder mit dem Hotel anschauen, sehen sie welches kulturelle Potenzial diese Viertel haben. Diese Farben, die Atmosphäre sind einfach zauberhaft.

Berliner Morgenpost: Brasiliens ehemaliger Präsident Lula hat gesagt, als er die Favela Santa Marta für Touristen freigab, nur wer sich auch diesen Teil Brasiliens anschaut, wird das Land wirklich kennenlernen. Stimmen Sie ihm zu?

McCurry: Viele Leute haben vielleicht noch ein einseitiges Bild davon, was eine Favela ist. Sie haben Angst vor Gewalt und Kriminalität und all den Problemen, die es natürlich gibt. Ich habe eine ganz ähnliche Erfahrung in den Slums in Indien gemacht. Von außen sieht es manchmal furchterregend aus, aber wenn du dann drin bist, ist alles plötzlich ganz normal. Natürlich sind das keine reichen Leute, aber die ganz große überwiegende Mehrzahl sind gute, anständige Mitbürger.

Berliner Morgenpost: Was haben Sie als nächstes vor?

McCurry: Ich werde mich als Fotograf mit dem Buddhismus in Burma beschäftigen.

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