03.09.12

Laufschuhe

Jedem Hipster seinen Neon-Racer

Von der Joggingstrecke in die Frontrow: Laufschuhe sind das modische Accessoire der Stunde – am liebsten in leuchtenden Neonfarben. Nur eins geht auf gar keinen Fall: weiße Tennissocken.

Von Anna Pietschmann
Foto: Getty

Mut zum Stilbruch: Modische Sneakers sind jetzt auch für zarte Frauenfüße ein Must-Have. Die weißen Tennissocken bleiben aber auf jeden Fall in der Schublade.

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Auf leisen Sohlen: Einer der meistfotografierten Menschen während der Couture-Schauen in Paris im Juli war eine junge russische Designerin namens Vika Gazinskaya. Auf den ersten Blick war an ihren Outfits nichts besonders Aufregendes. Okay, einmal trug sie dieses seltsame Schirmmützchen mit Schleier, aber ansonsten Stücke aus ihrer eigenen Kollektion – mal Kleid, mal Bleistifthose oder auch ein Ensemble aus Hosenrock, Poloshirt und Cardigan –, doch an den Füßen, da trug sie statt der üblichen High Heels bunte Joggingschuhe.

Von Nike, Modell Air Max, und zwar täglich andere. Eine grandiose PR waren die folgenden Abbildungen dieses vermeintlichen Stilbruchs auf den Styleblogs nicht nur für Nike, sondern vor allem auch für Gazinskaya selbst: Genau zur selben Zeit hingen ihre eigenen Entwürfe zum ersten Mal im Pariser Conceptstore Colette.

Laufschuhe zum Kostüm? War da nicht mal was? Ende der Achtziger trug Melanie Griffith im Film "Working Girl" die Uniform der aus den Vorstädten pendelnden amerikanischen Businessfrauen, bestehend aus weißen Joggingschuhen und wadenhohen Tennissocken zum Büro-Outfit.

Unterm Schreibtisch wurde das Bequemschuhwerk dann gegen hochhackige Pumps getauscht. Sogar uns Deutschen, nicht gerade für unsere modische Kompetenz bekannt, erschien Frau Griffith' Kombination damals schrullig. War es der schräge Stilbruch oder das umständliche Wechseln der Schuhe, was hier lächerlich wirkte?

Begehrte Modelle

Die Joggingwelle hat inzwischen auch die ansonsten eher fußlahmen Hipster erfasst. Dabei hat unter den weiblichen Vertretern dieser Großstadterscheinung der neonfarbene Nike-Trainer bereits den Blogger-Knödel (ein loser Dutt auf dem Oberkopf) als Erkennungszeichen abgelöst.

So begehrt ist der "HTM Fly Knit" in irisierendem Blau, dass er in Berlin fast ausverkauft ist. Restbestände werden aus München und Hamburg gemeldet. Ohnehin turnschuhaffin, greifen die Männer nun statt zu den Konsenstretern Converse Chucks ebenfalls zum Laufschuh und haben so der schon tot geglaubten Marke New Balance, zuletzt in den Neunzigern unter Modeleuten äußerst angesagt, zu einem fulminanten Comeback verholfen. Heute wird der Running-Schuh zu eigentlich allem kombiniert: zu Skinny-Jeans, Oversize-Parka, Flatterkleid, Anzug, Kostüm, Leggings.

Neben der russischen Designerin "sneakten" in Paris übrigens auch einige Moderedakteurinnen in Laufschuhen zu den Defilees und ließen ihre High Heels im Schrank. Sneaker, auf deutsch "Schleicher", nannte man die ersten, 1860 in England und Amerika erfundenen Turnschuhe, weil man mit ihnen, anders als mit den lederbesohlten Schuhen dieser Zeit, geräuschlos laufen konnte.

Dass der gute alte Turnschuh nun auch als angemessene Fußbekleidung auf den Pariser Modewochen akzeptiert wird, hat er zu guten Teilen Isabel Marant zu verdanken. Die französische Modedesignerin entwarf im vergangenen Jahr den "Betty-Sneaker", einen von Basketballstiefeln inspirierten Hightop mit Keilabsatz. Zum Sport machen war "Betty" selbstverständlich nicht geeignet, sah aber zumindest ein bisschen nach Work-out aus. Labels wie Jimmy Choo, Christian Louboutin und Pierre Hardy, bisher für himmelhohe Absatzschuhe berühmt, nehmen nun, Marants Beispiel folgend, selbst von Basketballstiefeln und Joggingschuhen inspirierte Modelle in ihre Kollektionen auf.

In Joggingschuhen über den Laufsteg

Der belgische Modeschöpfer Raf Simons, seit ein paar Monaten auch Creative Director des Hauses Dior, setzt bei seiner eigenen Modelinie sogar ganz auf den Runner. "Nach der Ära des Sneakers bricht nun die Ära des Laufschuhs an", sagt Marieke Van Dongen, Senior Designerin bei Raf Simons. Für die Herbstkollektion mit dem Titel "Run Fall Run" (sic!) entwarf das Designteam Herren-Laufschuhe in metallischen Waldgrün-, Burgunder- und Anthrazit-Tönen und kombinierte sie zu Anzug und Krawatte. Auch die Models bei Salvatore Ferragamo und Valentino trugen bei den Schauen für Frühling 2013 Schuhwerk, mit dem sie ebenso gut zu einem Marathon hätten antreten können. Da bekommt das Wort "Laufsteg" plötzlich eine ganz neue Bedeutung.

Günstiger und im besten Falle auch funktionaler als die Kreationen der großen Labels sind Schuhe spezialisierter Sportartikelhersteller (der New Balance 574 Backpack ist allerdings eher Modeaccessoire als Laufschuh). Wer jetzt versucht ist, seinen ausgelatschten Joggingschuhen, Zeugen der eigenen mehr oder weniger erfolgreichen Laufversuche im Park, eine zweite Karriere zu gönnen, sollte sich besser zurückhalten. Viele sind designtechnisch, nun ja, nicht unbedingt auf der Höhe der Zeit. Auf der Coolness-Skala kommen sie der Trekking-Sandale gefährlich nah.

Technologie und Design aus der Schweiz

Die vier minimalistischen Modelle des jungen Schweizer Start-ups "On" hingegen überstehen den modischen Alltagstest mit Bravour: eine Farbe für die Schuhe, eine kontrastierende für Schnürsenkel und Sohle. "Der Design-Aspekt ist uns sehr wichtig", sagt Mitbegründer David Allemann. Doch stolz ist er vor allem auf die sogenannte "On Cloud Tec"-Technologie, die der Duathlon-Weltmeister und Ironman-Gewinner Olivier Bernhard, einer der zwei anderen Firmengründer, zusammen mit Forschern entwickelt hat.

Dank einer Sohle aus dreizehn Gummi-Elementen, die wie aufgeschnittene Gartenschläuche aussehen, soll man in ihren Schuhen wie auf Wolken laufen, weich auf dem Boden landen, sich dann aber wieder kraftvoll abstoßen können. Nur bei "On" gebe es so etwas, erzählt Allemann und fügt hinzu, dass die Technik bisher auch noch nicht von ihren mächtigen Konkurrenten kopiert worden sei.

Mittlerweile begeistern sich immer mehr internationale Athleten für den Nischenschuh: Die Marathonläuferin Tegla Loroupe aus Kenya trägt sie, genau wie die Schweizer Triathletin Caroline Steffen. Bei den Olympischen Spielen in London rannte der französische Triathlet David Hauss in "Cloudracern" auf den vierten Rang.

Die "Vogue" diskutiert

Unlängst diskutierten zwei Moderedakteurinnen der amerikanischen "Vogue", Emily Holt und Chioma Nnadi, auf der Website des Magazins, ob man sich nun für Sneaker-Modelle von Luxusmarken oder für die athletischen Exemplare klassischer Sportfirmen entscheiden sollte. Holt legt den Unsportlichen unter uns, zu denen sie sich auch selbst zählt, die luxuriösere Varianten des Trainers, etwa von Alexander Wang oder Céline, ans Herz. Denn plötzlich mit einem sportlichen Modell aufzukreuzen, verzerre doch die Tatsachen und sei nicht authentisch.

Egal für welches Modell man sich entscheidet: Die weißen Tennissocken bleiben auf jeden Fall in der Schublade.

Foto: Havaianas

Kein Sommer ohne die brasilianischen Ur-Badelatschen Havaianas.

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