Berlin-Usedom
Wenn die Fahrradtour zum Horrortrip mutiert
Unsere Reporterin fuhr von Berlin nach Usedom. Es war nicht ihre beste Idee: Fehlende Kondition, das alte Supermarkt-Rad und der strömende Regen machten ihr die ersten 90 Kilometer nicht leicht.
Im Nachhinein ist man immer schlauer. Das mussten mein Hintern und ich schmerzlich erfahren. Mein Arbeitskollege und guter Freund fragte mich, ob ich Lust hätte, mit ihm und drei seiner Kumpels eine Radtour von Berlin nach Usedom zu machen. Es würde ganz entspannt werden. Gab er zumindest vor. Geplant wären 50 Kilometer am Tag, auf ebener Strecke. Sie hätten Zelte, ich solle nur Schlafsack und Isomatte einpacken. Ich, eher unsportlich, war zwar skeptisch, sagte aber zu. Am Morgen der Tour stand ich extra früh auf, machte noch Buletten und Mini-Schnitzel.
Am Himmel strahlender Sonnenschein. Ich freute mich. Doch diese Freude hielt nur vor bis ich mit meinem Herren-Supermarkt-Rad am Treffpunkt ankam. Denn dort erwarteten mich, neben meinem Freund noch weitere drei Jungs mit Profi-Rennrädern und flüssigem Dextro-Energen in ihren Flaschen. So haben Jan Ullrich und Erik Zabel in ihrer Jugend wohl auch ausgesehen.
Es war neun Uhr morgens, und nachdem meine Begleiter einen kurzen Blick auf die Karte geworfen hatten, sagten sie: "Bis 17 Uhr müssten wir die 90 Kilometer gemacht haben". "Wie bitte? Das kann ich niemals schaffen!" Die Jungs redeten mir gut zu, obgleich auch sie beim Anblick meines Supermarktrades mehr als beunruhigt aussahen. Ich hingegen begann schon jetzt zu schwitzen, vor Panik.
Nicht nur fix und fertig, sondern auch angeschwipst
Trotzdem fuhren – äh, rasten wir los, ich immer ganz hinten. Natürlich. Die einzige Pause, die wir machten, war genau einen halben Liter Bier lang. Das Ergebnis: Ich war um 13 Uhr nicht nur fix und fertig, sondern auch noch angeschwipst. Zumindest für 30 Minuten, denn dann hatte ich alles wieder ausgeschwitzt.
Nach unzähligen Schimpfwörtern, langem Jammern und einigen Tränen meinerseits waren wir tatsächlich um 17 Uhr in Warnitz am Campingplatz. Und dann war es auch mit dem Sonnenschein vorbei. Um 17.15 Uhr schüttete es aus Eimern. Eines unserer Zelte war so nass, das wir es nicht benutzen konnten. Ergebnis: Wir nächtigten zu fünft im Dreier-Zelt. Von Schlaf konnte dank der Enge und den Muskelschmerzen nicht die Rede sein.
Morgens um sieben zog sich mein Kollege an, packte seine Sachen, und eine Stunde später saß er im Zug zurück nach Berlin. Ihm hatte der Regen den Rest gegeben. Ich wollte mir diese Blöße trotz allem nicht geben. Ich fuhr nicht heim. Dafür mit wundem Hintern und Riesenmuskelkater nach Usedom. Zusammen mit den Dreien. Und im Zug.
Mit meinem Kollegen habe ich vier Wochen lang nicht gesprochen. Inzwischen habe ich's ihm aber verziehen. Immerhin habe ich dazugelernt. Wenn ich noch mal eine Radtour mache, dann plane ich sie selbst.


















