27.06.12

Designer Tom Ford

"Zu Hause bin ich meistens nackt"

Der Mann, der in den 90er-Jahren Sex und Hedonismus in der Mode gesellschaftsfähig machte, geht unbeirrbar seinen eleganten Weg. Tom Ford über Vorbilder, Nacktheit — und bizarre Schönheits-OPs.

Foto: Simon Perry

Der Designer Tom Ford ist kein Freund der plastischen Chirurgie: "Ab einem gewissen Alter ist Schönheit wirklich eine Frage der Pflege. Jenseits der 40 gibt es keine natürliche Schönheit. Man kann aber besser aussehen als zuvor."

10 Bilder

Das Telefon klingelt auf die Sekunde, und Tom Ford ist vorbereitet. "Hi, Inga!" dringt seine tiefe Stimme durch den Hörer, und es klingt, als klopfe er einem alten Kumpel auf die Schulter. Wir sahen uns das letzte Mal vor Jahren, als er in New York das erste Geschäft unter eigenem Namen eröffnete.

Ein paar Mal waren wir uns zuvor bei Schauen und Interviews begegnet, als er noch mit Gucci und Yves Saint Laurent die hedonistische Welt regierte, aber all das liegt lange zurück. Auf mein Erstaunen also reagiert er mit kehligem Lachen: "Ich habe ein Bild von Ihnen auf meinem Bildschirm. Ich bin gut organisiert!"

Ein prima Anfang für ein Interview, das wir klimaneutral und zeitökonomisch zwischen Hamburg und London übers Funknetz führen. Der Grund: Mitte Juni kam Ford nach München, um sein erstes Geschäft für Damenmode in Deutschland einzuweihen. Geöffnet ist es seit einigen Monaten und gehört Marion Heinrich, die 1976 mit der Bardot-Kollektion in ihrer ersten Boutique in Schwabing für Furore sorgte und nicht mehr aufhörte, Trends mit internationalen Marken zu setzen.

Bereits 1996 vertraute sie zudem auf Gucci mit einem Store in der Maximilianstraße, in jene Zeit reicht auch die freundschaftliche Verbindung zu Tom Ford zurück, der damals Kreativdirektor des Labels war. Und sie sprechen bereits über Ford-Männer in München.

Der Designer hat viele Talente und Charisma, die Ästhetik, die all seinem kreativen Tun zugrunde liegt, überträgt sich quasi auf ein Gespräch, Humor garantiert, Stanzen sind so wenig zu befürchten wie politisch korrekte Verklemmtheit. Kurzes Aufwärmen.

Wir sprechen über Jil Sanders Rückkehr. Sie fasziniert ihn. "Wohnt sie noch in Hamburg? Warum kommt sie zurück? Wie alt ist sie? Have a break but not a stop." Kreativität bis zum Ende aller Tage ist auch Fords Motto. Bevor wir uns verplaudern, ruft er "Questions!" Und spricht bühnenreif.

Berliner Morgenpost: Was machen Sie gerade?

Tom Ford: Wie?

Berliner Morgenpost: Nun, Sie haben doch sicher viele Projekte?

Ford: Die meiste Zeit verbringe ich mit den Frauen. Für sie zu entwerfen kostet so viel mehr Zeit als alle anderen Dinge, die ich designe. Der Geschmack der Frauen und der Industrie verändert sich ständig. Bei den Männern gibt es einen klaren Rahmen. Man verändert die Silhouette alle drei Saisons, die Farben werden variiert, vielleicht rolle ich bei einer Show die Jeans hoch, um weiße Socken zu zeigen. Oder ich lasse sie wieder runter, um die Socken zu verbergen, biete vielleicht einen Loafer statt eines Stiefels.

Es ist leicht für mich, Männersachen zu designen, weil ich meine eigene Muse bin. Was will ich tragen, oder was will die 25-jährige Fantasieversion von mir tragen? Oder die 70-jährige? Wenn es um Entwürfe für Frauen geht, bin ich abhängig von den Frauen um mich herum, die mich inspirieren.

Berliner Morgenpost: Zum Beispiel?

Ford: Whitney in meinem Büro. Wenn ich an einem Schuh arbeite, frage ich sie: Würdest du den tragen? Was ist falsch mit ihm, probier ihn mal. Das Gleiche mache ich mit meiner Schwester, und überhaupt umgebe ich mich mit Frauen, deren Geschmack und Persönlichkeit mir gefällt. Carine Roitfeld ist weiterhin eine gute Freundin, Alisa Eisner in Los Angeles. Oder meine Mutter.

Sie ist eine sehr bodenständige Mittelklasse-Frau, doch grad mailte sie mir, sie habe in der "Vogue" eine orangefarbene iPad-Hülle aus Krokoleder gesehen, die ich entworfen habe. Die kostet ein Vermögen, aber sie wollte sie unbedingt haben. Am Muttertag waren wir essen, sie trug eine Bluse von mir. Beim Essen rutschten die Seidenschluppen ständig ins Essen, das machte mich ganz wahnsinnig, also schickte ich gleich ein Memo an die Produktion, dass sie darauf achten, dass so etwas nicht passieren kann.

Berliner Morgenpost: Was ist mit Ihrer Großmutter? Es heißt, dass sie ihren letzten Mann, den sechsten, immer Hal nannte, nach Harold, ihrem dritten Mann.

Ford: Sie nannte ihn tatsächlich so. Sie war schon alt und etwas dement. Und offensichtlich war das der Mann, den sie am meisten geliebt hatte, und ihren Mann schien das nicht zu stören.

Berliner Morgenpost: Es war also keine extravagante Haltung?

Ford: Sie war sehr flamboyant. Sehr extrem. Alles musste groß sein. Meine Mutter ist das Gegenteil. Frauen spielten verschiedene Rollen in meinem Leben und tauchen in den Kollektionen immer wieder mal auf. Aber generell gilt auch für mich: Ich mag's nicht klein. Klotzen statt kleckern! Wenn eine Farbe, dann richtig! Doch kühn ist ein besseres Wort als groß.

Berliner Morgenpost: Dann muss Ihnen die neue Bewegung in der Szene gefallen, nämlich, dass Models nicht mehr kindlich mager sein sollen.

Ford: Ich mache Kleidung für Erwachsene, die nicht unbedingt Small tragen müssen. Ich glaube, unsere Kultur idealisiert die ultradünne Silhouette als Reaktion darauf, dass die Masse immer dicker wird. In Amerika ist Adipositas ein wirkliches Problem. Dünn ist selten, deshalb auffällig und erfüllt damit ein Modekriterium. Bei Schlanken sind auch die Bewegungen eleganter, man sieht Details des Körpers.

Wenn jemand sehr schwer ist, dann erkennt man womöglich gar nicht, wo der Arm ist und wo der Körper. Gurgelndes Lachen. Oh Gott, das klingt ja schrecklich!! Hoffentlich verstehen mich Ihre Leser nicht falsch.

Berliner Morgenpost: Das Superdick-Phänomen schwappt allmählich auch zu uns rüber.

Ford: Ich lebe in Europa, ich weiß, wovon Sie sprechen. Amerika ist ein Land der Extreme. Sehr bizarr, es ist inzwischen ein geteiltes Land, mit einer extremen Linken und einer extremen Rechten, mit extremer Gewalt und extremer politischer Korrektheit. Es gibt unglaubliche Freiheiten und absurde Restriktionen. Und es wird immer schlimmer! Ich bin liberaler Demokrat, und man kann in den USA durchaus in einem liberalen Umfeld leben, so wie meine Freunde und ich, man kann sich in einer komplett liberalen Blase aufhalten.

Oder aber in einer extrem konservativen Blase. Nur selten vermischen sie sich. Mir fällt es schwer zu verstehen, was manche Leute denken. Dass sie überhaupt noch so denken! Wenn Mr Obama nicht gewinnt, werde ich sehr deprimiert sein. Sprächen wir über finanzielle Verantwortung, wären sicher viele von uns Republikaner. Aber absurderweise ist die Republikanische Partei von einer religiösen Sekte gekidnappt worden. Das ist befremdlich.

Berliner Morgenpost: Warum entwerfen Sie eigentlich wieder für Frauen? Ihr Leben könnte entspannter sein.

Ford: Es geht um Leidenschaft. Ich will etwas schaffen. Ich bin keiner, der von dem Tag träumt, an dem er aufhören kann zu arbeiten. Ich wäre allerdings froh, wenn ich Zeit für einen weiteren Film hätte. Ich habe das Drehbuch zu einem Buch, das ich kürzlich gekauft habe, fertig, aber ich hatte vergessen, wie langwierig und schwierig es ist, das Geschäft mit Damenmode zum Laufen zu bringen.

Deshalb sehe ich jetzt nicht, dass ich den Film innerhalb der nächsten eineinhalb Jahre schaffen werde. Doch die Frauen haben mir einfach gefehlt. Sie bieten die meisten Möglichkeiten. Auch für größtmöglichen Frust!

Berliner Morgenpost: Aber auch der Jubel ist ja üblicherweise lauter als bei den Männern.

Ford: Ich vermisste die Stimme in der Gegenwartskultur, die man in Frauenkleidung mehr reflektieren und ausdrücken kann als in Männerkleidung, Kosmetik oder Sonnenbrillen. Ich bin überkritisch mir gegenüber, aber mit der Herbst-Kollektion habe ich jetzt den richtigen Rahmen gefunden, sie hat etwas von meiner Gucci-Zeit, ist aber keine Kopie, sondern die 2012-Version.

Ich habe sozusagen meine gemütliche Ecke verlassen, nun muss ich diese Frau nur noch durch die nächsten 30 Jahre bringen!

Berliner Morgenpost: James Bond trägt schon Tom Ford. Ist nun das Bond-Girl dran?

Ford: Ich ziehe Leute meistens so an, dass sie aussehen wie Filmstars. Luxuriöser Minimalismus ist meine Sache. Das hat mit der Prägung zu tun. Es gibt ja den Moment, in dem man Schönheit zum ersten Mal begegnet ist. Meine Lieblingszeit in der Kunst sind die 60er, mein Fashionmoment waren die 70er. Daraus habe ich wohl die meisten Ideen entnommen. Bei Armani ist sichtbar, dass er in den 30er- und 40er-Jahren aufwuchs. Oder Nicolas Ghesquière: Sein Geschmackslevel sind immer die 80er.

Berliner Morgenpost: Brezeln Sie sich auch jeden Tag auf?

Ford: Sicher! Ich trage nichts, was nicht von mir ist!

Berliner Morgenpost: Und zu Hause?

Ford: Bin ich nackt. Sobald ich ins Haus komme, ziehe ich alles aus. Das macht Richard (Buckley, sein Lebenspartner seit 1987) ganz wahnsinnig, besonders beim Essen. Aber wenn ich mit dem Hund in den Garten gehe, ziehe ich meist einen Morgenmantel und Slipper über.

Berliner Morgenpost: Keine Sweatshirts und Jogger?

Ford: Nein, nein. Ich habe aber verschiedene Kostüme. Das Städter-Outfit für Los Angeles ist Anzug und Krawatte, in New Mexico sind es Jeans, Stiefel, T-Shirt und Cowboyhut – den dort zu tragen kommt mir völlig normal vor. Und auf Mustique, wo wir immer Weihnachten verbringen, Badehosen, Loafers, Polohemden.

Ich habe quasi Uniformen für die verschiedenen Gesichter meines Lebens. Und wenn ich zu Hause mal etwas anziehe, sind das seidene Schlafanzughosen und T-Shirt.

Berliner Morgenpost: Ihr Lebenspartner Richard Buckley hat 25 Jahre in München gelebt, wie ist Ihr Eindruck von Deutschland?

Ford: Vor ein paar Jahren begleitete ich Richard zu einem Klassentreffen. Auf einer Kreuzung an der Maximilianstraße knallten wir in eine Straßenbahn: Totalschaden, ich hatte nur einen Kratzer, die Polizei war sehr nett, aber Richard war kurz davor, mich umzubringen … das ist meine Erinnerung an München.

Berliner Morgenpost: Waren Sie auch schon mal bei einem Klassentreffen?

Ford: Ja, vor zwei Jahren, zum 30-jährigen Jubiläum unserer Highschool-Graduation. Es war beängstigend. Die Mädels sahen klasse aus. Aber die Männer waren in sich zusammengefallen! Ich nicht!

Berliner Morgenpost: Ein Klassiker!

Ford: Ab einem gewissen Alter ist Schönheit wirklich eine Frage der Pflege. Früher dachte ich das nicht, aber jetzt finde ich eigentlich jeden 20-Jährigen schön, die Haut ist so glatt und frisch, sie haben Haare auf dem Kopf! Jenseits von 40 gibt es keine natürliche Schönheit. Man kann aber besser aussehen als zuvor. Wenn man sich zusammenreißt.

Berliner Morgenpost: Es wird nur teuer.

Ford: Definitiv! Aber man gewinnt über die lange Distanz. Ich bin im vergangenen Jahr 50 geworden und viel glücklicher als früher. Ich sage, was ich denke, habe keine Zeit zu verschenken für Mist. Das hatten wir auch nicht mit zwanzig, aber damals wussten wir es nicht.

Berliner Morgenpost: Das führt uns zur plastischen Chirurgie. Haben Sie Carla Bruni gesehen?

Ford: Schrecklich, schrecklich. Schrecklich.

Berliner Morgenpost: Wird der Wahn mal wieder aufhören?

Ford: Ich weiß es nicht. Man kann darüber philosophieren, warum sich Menschen, nur weil es keine biologischen Grenzen mehr gibt, in ein Bild verwandeln, das sie gern wären. Es dürfte interessant werden zu beobachten, wohin das führt – vielleicht zu Giraffen? Michael Jackson, klar, er war ein Freak, aber er hat sich zu dem gemacht, den er sehen wollte. Das ist faszinierend.

Aber vom menschlichen Standpunkt aus finde ich es bizarr. In Kalifornien meinen 13-jährige Mädchen, die ihre Mütter nur mit aufgespritzten Lippen und falschen Brüsten kennen, nicht nur, dass sie Mascara und Lippenstift brauchen, sondern dass es Zeit wird, Lippen und Brüste aufpumpen zu lassen! Weil das der gelernte Schönheitsstandard ist. Als Kind fand ich die Malerin Georgia O'Keeffe gruselig. Sie war eine Freundin meines Großvaters, und als ich sie das erste Mal sah, mit elf, zwölf, war ich erschrocken: Warum tut sie nichts für sich??

Ich war es gewohnt, dass meine Mutter stets geschminkt war, schon beim Frühstück, und wenn es an der Tür klingelte, griff sie erst zum Lippenstift und dann zur Klinke. Wenn ich jetzt Fotos von O'Keeffe betrachte, wird mir klar, dass sie ihren Look genauso kalkuliert hat wie alle anderen auch. Sie wusste genau, was sie tat mit dem schwarzen Haarbergen und den vielen Falten. Und: Sie war schön. Nur eben auf andere Weise.

Ich habe eine gespaltene Persönlichkeit in Bezug auf meine Arbeit. Einerseits bin ich in gewisser Hinsicht ein Buddhist, auch materiellen Dingen gegenüber. Andererseits bin ich ja an dem Prozess beteiligt, der Unsicherheiten schafft, das andauernde Bedürfnis nach Veränderung. Das reißt mich manchmal auseinander.

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