Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
03.01.09

Rasur

Der Barbier von Kreuzberg

Wer heute beim Herrenfriseur nach einer Rasur fragt, erhält in den meisten Fällen ein verwundertes Kopfschütteln, vielleicht ergänzt um die Erklärung, das sei "wegen Aids" gar nicht mehr erlaubt. "Das ist natürlich großer Quatsch", sagt Dirk Kramprich vom Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks.

"Die Bartrasur ist auch heute noch Teil der Ausbildung im Friseurhandwerk, und bei sauberen Gerätschaften und sterilisierten Klingen ist nichts Gesundheitsgefährdendes zu befürchten."

Wenig geändert seit der Erfindung King C. Gillettes, der vor gut 100 Jahren den ersten "Sicherheitsrasierer mit auswechselbarer Klinge" entwickelte, hat sich bei den türkischen Barbieren, die bekanntlich zu den Berühmtesten der Welt gehören. Einer von ihnen ist Sasmaz Yavuz, der einen kaum sieben Quadratmeter großen Salon am Kottbusser Tor in Kreuzberg betreibt. "Nassrasur: 6 Euro" steht auf einem Pappschild, und das ist zugleich die einzige Schaufensterdekoration des Ladenabteils in der Passage namens "Orient Bazar" an der Kottbusser Straße 3 ist, in der ausschließlich türkische Händler ihre Dienste anbieten. Vor dem Laden stehen vier Plastikstühle, auf denen Männer breitbeinig die türkische Tageszeitung "Hürriyet" studieren, den obligatorischen "Cay" (Tee) aus dem Samowar in kleine Gläser füllen und warten, bis sie an der Reihe sind. Oft lassen sich Männer - trotz des scheinbar günstigen Preises - allerdings nicht bei Yavuz rasieren. Und deutsche Männer sind erst Recht eine Seltenheit. Die rücken ihren Bartstoppeln lieber zuhause mit ihrem Schwingkopf-Rasierer zu Leibe. Allerdings: mit der Rasier-Zeremonie von Sasmaz Yavuz kann auch der hypermodernste fünffach Schwingkopf-Titan-Rasierer nicht mithalten. Außerdem ist die türkische Rasier-Zeremonie ein Stück traditioneller männlicher Wellness, lange bewährt, bevor dieses Modewort durch den deutschen Blätterwald rauschte.

Schaum lange und sorgfältig auftragen

Den Anfang macht - wie es Großvater im Doppelripp-Unterhemd immer vor dem Badezimmerspiegel zu tun pflegte - das Rasierschaumschlagen. Mit einem ganz normalen Rasierpinsel und ganz normalem Rasierschaum von Palmolive aus der Tube. "Der Trick dabei ist, dass der Schaum lange und sorgfältig aufgetragen werden muss. Dann macht er die Haare richtig weich, und sie können gut abrasiert werden", erklärt Yavuz. Bei trockener Gesichtshaut mischt Yavuz eine Portion Nivea-Creme unter den Schaum.

Der Schaum steht gut, und jetzt verrät Yavuz noch ein kleines Geheimnis. Rasiermesser wie früher gibt es nämlich kaum noch. Aber es gibt Rasiermesserhalter, mit Plastikgriff, auf dem großen Basar in Istanbul, und es gibt Rasierklingen, einzeln verpackt, von Gillette. Damit die auf das Rasiermesser passen, knickt Yavuz sie mit zwei geübten Handgriffen auf die passende Größe. Et voilà - die Rasur kann beginnen. Mit den härteren Stellen unterhalb der Koteletten fängt der "Berber", wie der Männerfrisör in der Türkei heißt, an. Mit zwei Fingern klemmt er ein Stückchen Haut ein, und mit traumhaft sicheren Bewegungen fährt er mit dem Messer über die angestraffte Haut. Angst vor dem Messer haben die Kunden schon - auch wenn sie es nicht zugeben - doch die ist unbegründet. Vor "Rasierbrand", den Pickeln nach der Nassrasur am Hals, wo die Haut weicher ist, braucht sich übrigens auch niemand fürchten. "An diesen Stellen am Hals darf man nie gegen den Strich rasieren", sagt Yavuz mit fachmännischer Miene, "sondern immer vorsichtig mit den Haaren". Nach der ersten Rasur trägt er den Rest des Rasierschaums auf, der "Feinschliff" beginnt.

"So, bitte abwaschen!" Die Reste von Schaum und Haaren wäscht der Kunde sich selbst unter dem Waschbecken ab, erst mit warmem Wasser, dann mit kaltem. Anschließend wird er vorsichtig mit einem flauschigen Frotteetuch abgetrocknet. Doch fertig ist die Prozedur noch lange nicht. Mit wieselflinken Bewegungen wickelt der schnauzbärtige Barbier sich schwarzen Bindfaden in einer tausendfach geübten Zickzack-Anordnung um die Finger, und wie mit einer Schere aus Bindfaden fährt er damit im oberen Wangenbereich hin und her. Der Kunde verzieht etwas das Gesicht - ganz schmerzfrei scheint diese Prozedur nicht zu sein. Das sei "für die langen Härchen", erklärt der Meister geduldig, die mit dem Rasiermesser scheinbar nicht abgehen. Mit einer kleinen Schere werden hervorstehende Nasenhärchen gestutzt. Glühende Metallstäbchen, wie sie Barbiere in der Türkei auch heute noch in die Ohrlöcher führen, um dort Härchen abzuschmelzen, verwendet Yavuz nicht. Dazu sei sein Salon zu klein, entschuldigt er sich. Als Belohnung für die Schönheitskur gibt es eine schwungvolle, entspannende Gesichtsmassage. Den Kopf auf der dicken Gummirolle des antiken Barbierstuhls, knetet und streicht Yavuz das Gesicht des Kunden, der diesen Teil der Prozedur sichtlich genießt. Den Abschluss bildet eine Prise duftendes Zitronen-Kölnischwasser und eine Lage Puder auf die glänzende Haut. "Gut so?", fragt Sasmaz eher rhetorisch. Ein breites Grinsen seines Kunden ist ihm Antwort genug.

Gillettes revolutionäre Erfindung

Natürlich ist eine derart aufwendige Prozedur nicht jeden Tag möglich und auch nicht jedermanns Sache. Für die Milliarden sich nass rasierender Männer der Welt hat der Amerikaner King Camp Gillette vor mehr als hundert Jahren die Nassrasur mit der Erfindung des Sicherheitsrasierers revolutioniert, vereinfacht und sicherer gemacht. Im September 1901 gründete Gillette die "American Safety Razor Company". Im ersten Jahr verkaufte die Firma 51 Apparate und 168 Klingen. Nachdem der Erfinder 1904 ein Patent auf sein Produkt anmeldete, schnellten die Verkaufszahlen nach oben: 90 000 Apparate und 1,2 Millionen Klingen konnte er absetzen. Allerdings sollte es bis zum 1. Weltkrieg dauern, bis die Wegwerf-Klinge sich richtig durchsetzte und aus der Wechsel-Rasierklinge ein Massenprodukt mit weltweiter Verbreitung und Beliebtheit wurde.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote