Besucherandrang
Nofretete hält im Neuen Museum Hof
Die Besucher kamen so frühzeitig und so zahlreich, dass die Leitung des Neuen Museums schließlich nachgab. Statt um 10 Uhr öffnete das Haus am Sonntag bereits um 9.30 Uhr zum zweiten Tag der Offenen Tür mit freiem Eintritt. Tausende waren bereits am Sonnabend gekommen.
Von Alexander Krex
Tag der offenen Tür im Neuen Museum: Nach mehr als zehn Jahren Sanierung können die Berliner endlich einen ersten Blick in den Bau auf der Museumsinsel werfen.
Die schon legendäre Berliner Kulturschlange ist zurück: Auch am Sonntag lockte Nofretete die Massen. Vor dem Neuen Museum in Berlin hat sich auch am Vormittag wieder eine mehrere Hundert Meter lange Warteschlangen gebildet. Wie schon am Vortag hatten sich die ersten Besucher bereits Stunden vor Öffnung des Museums angestellt. Das Museum reagierte auf den großen Andrang und öffnete seine Türen bereits eine halbe Stunde früher um 9.30 Uhr statt wie angekündigt um 10 Uhr. Insgesamt kamen an diesem Wochenende 16.500 Besucher.
Die Schlange - ein Phänomen, das zuletzt die Ausstellungen des Museum of Modern Art und des Metropolitan Museum of Art ("Die schönsten Franzosen kommen aus New York") in der Neuen Nationalgalerie hervorgerufen haben. Diesmal ist die schöne ägyptische Königin der Anziehungspunkt schlechthin. Alle wollen Nofretete in die Augen schauen. Und nehmen dafür auch in Kauf, mehr als zwei Stunden zu warten – und das bei dem ungemütlichen Herbstwetter.
Einzelne Fans waren am Sonnabend sogar schon um 6 Uhr auf die Museumsinsel gekommen, vier Stunden zu früh, um ganz vorne in der Schlange zu stehen, wenn sich die Türen zu den beeindruckenden Sälen öffnen. Wenige Minuten vor 10 Uhr schlängelten sich die Wartenden bereits mehrere Hundert Meter bis zum gläsernen Schneckenhaus des Deutschen Historischen Museums. Später am Vormittag ging die Reihe der Kunstliebhaber bereits quer durch den Lustgarten. Denn nur maximal 1200 Gäste durften gleichzeitig im Neuen Museum sein. Am Ende des ersten Tages waren es rund 8000 Besucher, die Nofretete einen Besuch abgestattet hatten.
Trotz des großen Andrangs auffällig still
Dabei ist es vergleichsweise düster in der Gegenwart der Schönen. Die berühmte Büste zeigt sich ihren Bewunderern in einem achteckigen Raum mit nur spärlicher Beleuchtung. Glück hatte, wer sie ablichten konnte, als kurzzeitig die Scheinwerfer eines Fernsehteams ihr Antlitz erhellen. Der grau-grüne Samtteppich, der den Glaskasten der Pharao-Gemahlin umgibt, schluckt laute Geräusche. Deshalb war es trotz des großen Andrangs auffällig still bei ihr und man konnte Gesprächen ausländischer Touristen entnehmen, dass sie Mühe hatten, "No-fre-te-te" flüssig über die Lippen zu bringen.
Die Berliner waren einfach nur begeistert. "Man kann sich gar nicht vorstellen, dass sie wirklich so alt ist", sagte Franka Herwig. Die 24 Jahre alte Marzahnerin war mit ihrer Mutter ins Neue Museum gekommen. "Nofretete jetzt hier zu sehen, ist noch beeindruckender, als ich dachte." Dass die junge Frau zu den ersten Besuchern zählte, hat sie ihrer Mutter Rita Herwig zu verdanken. Sie hatte sich schon um 8 Uhr draußen angestellt. Tochter Franka kam erst um 10 Uhr dazu, nach dem Frühstück.
Nicht nur Exponate – darunter Sarkophage und Statuen, Schmuck und Vasen – waren von Menschen umringt, auch um Burger Wanzek scharten sich die Besucher. Das gehört zu seinem Beruf. Der Prähistoriker führt Gruppen durch die Säle. Sein Fachgebiet ist die Vor- und Frühgeschichte – Thema einer der beiden Ausstellungen im Neuen Museum. "Es ist schon etwas Besonderes, in diesem geschichtsträchtigen Haus zu führen", sagte er. Zumal der Vaterländische Saal, der Ausgangspunkt eines Rundgangs durch die prähistorische Sammlung, "die Keimzelle des vorgeschichtlichen Museums" sei. Dass der ägyptische Teil der Schau im Vergleich mehr Blicke auf sich zieht, ficht Wanzek nicht an. Ganz im Gegenteil, beides ergänze sich wunderbar. "Chronologisch als auch inhaltlich gibt es zahlreiche Verbindungen."
Massive, steinerne Sarkophage üben Faszination aus
Vor den farbigen Fresken, die die Wände des zweiten, des Ägyptischen, Hofs umlaufen, standen Kira Vogel und Peter Dahl. Im Frühjahr hatten die Berliner Studenten das vom britischen Architekten David Chipperfield restaurierte Gebäude schon einmal besucht. Nun waren sie gespannt darauf, wie die Exponate in den Räumen präsentiert wurden. "Das fügt sich wunderbar ineinander", sagte Dahl. "Als noch alles leer war, sah man jedes architektonische Detail. Das hat uns fasziniert." Die Ausstellungsstücke seien so in Szene gesetzt, dass daneben Chipperfields besondere Architektur, die die Narben des Weltkrieges bewusst einbezieht, immer noch zur Geltung komme.
Der Ägyptische Hof war ein weiterer Ort, an dem sich Besucher sammelten. Die massiven, steinernen Sarkophage übten eine Faszination aus. Nur manch einem Kind machten die schulterhohen Steinquader Angst. "Wir wollten doch zum Goldenen Hut?", sagte ein kleines Mädchen mit leiser Stimme und versuchte, den Vater am Arm aus dem Raum zu ziehen.
Mehr Freude als das Jenseitige schien den Jüngsten denn auch die europäische Vorgeschichte im obersten Stockwerk zu bereiten, allen voran die lebendig wirkende Figur eines Künstlers aus der Eiszeit sowie die Faustkeile. Dabei gab es auch hier Morbides wie beispielsweise das Skelett eines urzeitlichen Elchs, das 1956 beim Bau der U-Bahn zwischen Hansaplatz und Turmstraße gefunden wurde und den berühmten Schädel von Combe Capelle, Überrest eines frühen Homo sapiens'. Prähistoriker Burger Wanzek erzählte, dass der Jahrzehnte als verschollen galt und erst 2001 zufällig im Archiv des ehemaligen Frühzeit-Museums im Schloss Charlottenburg wieder auftauchte.
Trotz aller spannenden Geschichten um den altsteinzeitlichen Schädel wird er es kaum mit dem schönsten Kopf im Neuen Museum, dem der Nofretete, aufnehmen können. Und so wundert es nicht, dass manche Besucher ihre Präferenzen schonungslos aussprachen: "Wir haben sie gesehen, können wir jetzt gehen?"
Öffnungszeiten: Am Sonntag (18. Oktober) von 10 bis 18 Uhr bei freiem Eintritt. Montag, Dienstag, Mittwoch und Sonntag 10 Uhr bis 18 Uhr; Donnerstag bis Sonnabend 10 Uhr bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet 10 Euro (ermäßigt 5 Euro). Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren haben freien Eintritt.
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