Wiederaufbau
Wie David Chipperfield das Neue Museum sieht
Freitag, 16. Oktober 2009 07:25 - Von Isabell JürgensHeute wird das Neue Museum nach mehr als zehnjähriger Bauzeit wiedereröffnet. Beim Wiederaufbau hat der britische Stararchitekt David Chipperfield bewusst auf eine Kopie der verloren gegangenen Teile verzichtet und den Stüler-Bau modern interpretiert. Morgenpost Online sprach mit ihm über die zum Teil harsche Kritik daran.
Morgenpost Online: Wann haben Sie das Neue Museum das erste Mal gesehen und was haben Sie dabei gedacht?
David Chipperfield: Das war 1981. Ich hatte als Student den Schinkelpreis für Nachwuchsarchitekten gewonnen und war nach Berlin eingeladen worden, um mir Schinkels Bauten anzusehen. Über den Grenzkontrollpunkt Friedrichstraße reiste ich nach Ost-Berlin ein. Es war ein kalter, regnerischer Tag, und es stand eine lange Schlange vor dem Alten Museum. Auch an die Ruine des Neuen Museums kann ich mich erinnern. Ich war sehr beeindruckt von ihrer physischen Präsenz, die trotz der großen Zerstörungen zu spüren war. Dass sich ein wesentlicher Teil meines beruflichen Lebens um diese Ruine drehen würde, konnte ich natürlich nicht ahnen.
Morgenpost Online: Nun wird das Neue Museum nach 15 Jahren der Planungs- und Bauzeit eröffnet. Sind Sie erleichtert?

Morgenpost Online: Hat es Sie überrascht, dass Ihr Konzept für die Restaurierung des Neuen Museums in Deutschland so heftig und auch so kontrovers diskutiert wurde?
Chipperfield: Nur am Anfang, mittlerweile habe ich mich an das enorme öffentliche Interesse, das man in Deutschland solchen Themen entgegenbringt, gewöhnt. Im angelsächsischen Raum finden solche Architektur-Debatten in den Tageszeitungen gar nicht statt. Ich denke, dass das Interesse an Themen wie Wiederaufbau und in welcher Form er geschehen sollte, viel damit zu tun hat, dass in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Krieg alles hinterfragt wurde. Diese Art der Reflektion setzt sich offensichtlich bis heute fort.
Morgenpost Online: Was denken Sie über das Bauvorhaben zum Humboldt-Forum in Mitte, das ja auf drei Seiten eine Rekonstruktion des Berliner Schlosses vorsieht?
Chipperfield: Ich kann verstehen, dass die Menschen sich wünschen, Verlorengegangenes zu ersetzen. Ich habe auch grundsätzlich nichts gegen das Bauvorhaben. Was mich am Wettbewerb zum Bau des Humboldt-Forums, an dem ich ja als Jury-Mitglied beteiligt war, aber wirklich störte, war die fehlende inhaltliche Auseinandersetzung. Kein Mensch wollte über das Konzept des Gebäudes, über seine Inhalte und seine Aussage sprechen, alles reduzierte sich auf die Barockfassade. Jede Auseinandersetzung mit dem Gesamtwerk war unmöglich. Aber, um es klar zu sagen: Das jetzt vorliegende Nutzungskonzept ist gut und selbst in dieser Situation kann der Bau gelingen.
Morgenpost Online: Sie spielen damit auf die derzeit schwelende Schloss-Diskussion an, die sich vor allem daran abarbeitet, ob Franco Stella ein geeigneter Schlossbaumeister ist oder nicht. Tut Ihnen Ihr italienischer Kollege denn leid?
Chipperfield: Ja, Stella tut mir leid. Die Diskussion, die derzeit geführt wird, ist doch rein politisch und beschäftigt sich wieder nicht mit den Inhalten. Da hatte ich es besser. Beim Neuen Museum ging es nicht um meine Person, sondern um die Auseinandersetzung mit der Architektur.
Morgenpost Online: Ihr Berliner Architekturkollege Hans Kollhoff hat mit seiner Rüge den Gerichtsstreit um Franco Stella ausgelöst. Haben Sie dafür Verständnis?
Chipperfield: Ich kenne Hans Kollhoff als sehr ernsthaften Menschen. Er hat sich jahrelang mit dem Schloss beschäftigt und viel darüber nachgedacht. Er ist natürlich verärgert, dass den Wettbewerb dann ein Mann gewonnen hat, der sich andere Architekten zu Hilfe holen musste, weil er es allein nicht schafft. Ich glaube nicht, dass es nur verletzte Eitelkeit war, weil Kollhoff lediglich einen der dritten Preise gewonnen hatte. Dazu ist er einfach eine viel zu korrekte Person.
Morgenpost Online: Anfang nächsten Jahres beginnen die Arbeiten am Bau eines neuen Eingangsgebäudes für die Berliner Museumsinsel. Wird es wieder Proteste geben?
Chipperfield: Nein, ich erwarte keinen Protest. Wir haben die ursprünglichen Pläne für die James-Simon-Galerie nach den vielen Protesten noch einmal komplett umgearbeitet, und ich kann sagen, mir gefällt diese Überarbeitung auch richtig gut. Uns ist eine wirklich intelligente Lösung für die Verbindung von Neu und Alt gelungen.
Morgenpost Online: Haben Sie diese ganzen Rekonstruktionsdebatten satt, oder warum haben Sie den Auftrag für die Umgestaltung des Kudamm-Karrees in ein Shoppingcenter am Kurfürstendamm angenommen?
Chipperfield: Wieso so negativ? Das ist doch ein äußerst interessantes City-Projekt und weit mehr als ein Shoppingcenter. Wir haben es hier mit einem wichtigen Vorhaben für den Kurfürstendamm zu tun, der zumindest in diesem Abschnitt dringend eine Neubelebung braucht. Außerdem ist die Aufgabenstellung doch denkbar komplex.
Morgenpost Online: Allerdings. Von dem geplanten Bauvorhaben sind die beiden Kudamm-Bühnen betroffen, für deren Erhalt es schon etliche Demonstrationen gab. Bereitet Ihnen das Kopfschmerzen?
Chipperfield: Nein, das ist doch gerade das Interessante an diesem Projekt. Eine gute Lösung zu finden, alle Bedürfnisse von Kultur über Handel bis hin zu dem Bürohochhaus, was es im Inneren des Gebäudes ja auch noch gibt, zusammenzubringen. Das Kudamm-Karree bietet also alles, was Architektur überhaupt erst interessant macht.
Morgenpost Online: Sie selbst bauen in betont sachlicher Zurückhaltung mit Beton und Glas, wohnen selbst in London und auch in Charlottenburg in Gründerzeit-Altbauten. Warum?
Chipperfield: Sie meinen wohl, warum ich mir kein eigenes Haus baue? Das habe ich getan, in Spanien habe ich mir ein sehr modernes Ferienhaus gebaut. Aber im Ernst: Ich liebe alte Gebäude, warum sollte ich also nicht in ihnen wohnen? In London gibt es in der Innenstadt auch gar keinen bezahlbaren Platz für so ein Vorhaben. In der deutschen Hauptstadt Berlin sieht das schon anders aus. Tatsächlich habe ich schon Pläne gemacht, den Parkplatz vor unserem Büro in Mitte zu bebauen. Aber ein paar Jahre wird das schon noch dauern, das ist vor allem eine ökonomische Frage.
Morgenpost Online: Haben die Berliner Angst vor modernen Gebäuden?
Chipperfield: Aber nein. Wie in allen Kulturen gibt es auch hier viele, die Altes bewahren wollen. Das ist wohl nur in China anders, wo alle das Neue lieben. Im Ernst: Ich finde, die Berliner sind ausgesprochen offen für moderne Architektur, das sieht man an allen Ecken und Enden.
Morgenpost Online: Wo denn zum Beispiel?
Chipperfield: Nehmen Sie meine Lieblingsgebäude in Berlin. Mies van der Rohes Nationalgalerie oder Frank O. Gehrys Bankgebäude am Pariser Platz. Auch die nordischen Botschaften sind toll oder die Erweiterung der Schweizer Botschaft.
Morgenpost Online: Und welche Gebäude finden Sie missglückt?
Chipperfield: Ich rede lieber über die schönen Dinge. Von mir werden sie keine Kollegenschelte hören.

















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