08.02.13

Nick Cave-Interview

"Berlin baute mich auf, ich galt dort als Exot"

Nach vier Jahren Pause hat Nick Cave wieder ein Album mit den Bad Seeds aufgenommen. Der Sänger über alte Süchte und das alte West-Berlin.

Foto: WireImage / Getty Images

Zuweilen fragen seine Zwillinge, 12 Jahre alt, was Nick Cave so treibt. In seinem Haus wird zumindest keine seiner Platten gespielt
Zuweilen fragen seine Zwillinge, 12 Jahre alt, was Nick Cave so treibt. In seinem Haus wird zumindest keine seiner Platten gespielt

Nach vier Jahren Pause hat Nick Cave, 55, wieder ein Album mit den Bad Seeds aufgenommen. Es heißt "Push the Sky away", präsentiert auf dem Cover die hüllenlose Cave-Gattin Susie Bick, und überzeugt auch sonst mit sehr femininen Qualitäten, wie uns Cave beim Gespräch im Londoner Hotel "The Langham" zu berichten weiß. Steffen Rüth hat ihn getroffen.

Berliner Morgenpost: Nick, wie findet ihre Frau das Bild vorne auf dem Album?

Nick Cave: Super. Sie hat überhaupt nichts dagegen gehabt. Ich meine, sie sieht toll aus oder etwa nicht (lacht)? Meine Frau hat sich sogar richtig gefreut über das Foto. Die Fotografin ist Französin und heißt Dominique Issermann. Sie ist an dem Tag bei uns, weil sie ein Fotoshooting mit meiner Frau macht. Meine Frau zieht sich gerade um, deshalb ist sie nackt. Ich komme zufällig rein, und Dominique knipst einfach mal schnell.

Verstehe.

Einige Leute beschweren sich über das Cover. Erstaunlich, mich überrascht das. Insbesondere Frauen denken komischerweise oft, dass andere Frauen, die so etwas tun, also zum Beispiel sich ausziehen, von Männern, dazu gedrängt wurden. Meine Frau würde garantiert niemals etwas tun, das sie nicht wirklich tun wollte, keine Feministin dieser Welt muss sich ihrer annehmen.

Wie entsteht ein neuer Nick-Cave-Song?

In drei Stufen. In der ersten Phase will ich etwas schreiben, weiß aber noch nicht, wie ich es angehen soll. Dann sitze ich da und ärgere mich, dass mir nichts einfällt-. Die zweite Stufe ist erreicht, wenn ich eine Idee habe. Ganz oft passiert das nachts um 2 oder 3 Uhr, wenn ich aufwache. Die Nacht hat etwas Magisches für mich. Der dritte Teil ist dann die eigentliche Arbeit, die darin besteht, meine kleine Eingebung zu etwas Brauchbarem auszubauen.

Ist es ein Aspekt von Kunst, dass der Hörer nicht ahnt, wie anstrengend ihre Erschaffung ist?

Ich habe über die Jahre viele Kollegen getroffen, die weitaus bessere Ideen haben als ich, die aber nicht in der Lage sind, diese dritte Stufe zu erklimmen, sich einfach mal hinzusetzen und was fertigzustellen. Was schade ist. Die kriegen es einfach nicht gebacken. Ich bin gut darin, Dinge gebacken zu kriegen. Das ist mein Talent.

"Push the Sky away" ist ein ausgesprochen erotisches, sinnliches Album.

Der Sound ist sinnlich, das war so gewollt. Wir lassen klanglich viel Platz, viel Raum, was auch zu einer gewissen Wärme im Sound führt. Auch sind die Songtexte viel femininer als bei, sagen wir mal, Grinderman, wo es ja doch meist recht machohaft und brachial zugeht. Push the Sky away" ist auf eine weibliche Art sexy.

In "Water's Edge" treffen sich die Mädchen und die Jungs am Strand, um ihre Unschuld zu verlieren. Was ist daran weiblich?`

"Water's Edge" ist für mich ein vertontes Gedicht über Fruchtbarkeitsriten. Ich lese selbst viel Lyrik, auch gern altertümliche, sogenannte primitive Lyrik. Ein ganzes Genre der Lyrik beschäftigt sich mit diesen Sexualbräuchen, üblicherweise kommen darin Männer mit erigierten Penissen vor, die auf Frauen mit großen Ärschen springen…(lacht). In "Water's Edge" haben diese Mädchen iPods um, die weißen Kopfhörer hängen aus ihren Ohren, abgesehen davon ist es dieselbe Geschichte wie im Altertum. Auch hier haben wir es wieder mit einer Beobachtung zu tun, ähnlich wie in "Mermaids". Ein alter Knacker sitzt da, guckt sich das alles an und bedauert, dass er nicht mehr im passenden Alter für diese Art der Zeremonie ist. Diese Songs sind recht voyeuristisch.

Wie kommen Sie damit klar, wenn Sie urplötzlich einen Hit haben?

Wann hatten wir den denn?

"Where the wild Roses grow", Mitte der Neunziger.

Ach ja, stimmt. Das war eine seltsame Anomalität. Ich war zu der Zeit weder körperlich noch mental in der passenden Verfassung, um einen Hit zu haben. Oder um überhaupt in der Öffentlichkeit zu stehen. Insofern war es ganz schön interessant, zwei Wochen hintereinander mit Kylie Minogue bei "Top of the Pops" aufzutreten und diesen Song vor einer Horde Teeniemädchen zu präsentieren, während mein Heroinproblem immer mehr außer Kontrolle geriet. Ich war ja kaum in der Lage, das alles durchzustehen, ich setzte mir Spritzen in irgendwelchen Klos.

Sie konnten den Erfolg nicht genießen?

Will ich so nicht sagen. Ich hatte meinen Spaß. Bloß waren wir nicht der Lage, jetzt mehr Kapital aus diesem Hit zu schlagen. Wären wir clever gewesen oder hätten wenigstens einen klugen Manager gehabt, mag es etwas anders ausgesehen haben. Aber vielleicht auch nicht. Wir waren drogensüchtige, lustige Idioten.

Ist das Leben besser ohne das ganze Zeug?

Macht das Leben mehr Spaß? Nein. Ist es klarer? Ja, natürlich. Zum Problem wurde die Sache mit dem Heroin erst, als ich älter wurde. Da musste ich aufpassen, dass ich nicht zur traurigen Gestalt wurde.

Gibt es im Rock'n'Roll ein Alter, ab dem man verantwortungsbewusst leben sollte?

Nein, das will ich nicht verallgemeinern. Für mich kam eine Zeit, als die Drogen einfach nichts mehr brachten. Ich fühlte nicht mehr das, was ich vielleicht zehn Jahre zuvor gefühlt hatte. Ich weiß nicht, ich kam mir blöd vor. Also gewöhnte ich es mir ab.

Sind ihre Zwillinge Arthur und Earl alt genug, um mit ihnen über ihre Songs zu sprechen?

Die beiden sind jetzt 12. (überlegt) Ich weiß nicht genau. Manchmal fragen sie sich, was ich so treibe. Es ist so: Ich erlaube nicht, dass meine Platten bei uns im Haus gespielt werden.

Ach. Wieso das nicht?

Ich will das nicht, zumindest nicht, während ich im Haus bin. Aber die Regel ist eher theoretischer Natur, denn niemand ist scharf darauf, meine Musik zu Hause zu hören (lacht). Ab und zu gucken die Kids im Internet mal nach und stolpern über einen Song von mir, den sie mögen. Warum auch immer. Das ist ganz süß. Aber sie kommen nicht an und fragen, worum es in den Texten geht.

Sie haben selbst in Berlin gelebt, kurz bevor die Mauer fiel. Wie gefällt ihnen Berlin heute, 25 Jahre später?

Ach, keine Ahnung. Ich bin immer mal wieder dort, aber das neue Berlin fasziniert mich nicht so. Ich weiß nur, dass die jungen Leute total heiß darauf sind und Tag und Nacht in Berlin Party machen.

Und was war damals das Besondere?

Es war einfach unglaublich. Ich war so um die 25, damals war es noch ein ganz anderes Berlin. Es war nicht hip, im Gegenteil. Berlin war ein Ort, an dem sich fast nur Deutsche aufhielten, erstaunlich viele Jungs, weil sie nur in Berlin nicht zur Armee eingezogen wurden. Als ich ankam, war ich ziemlich pleite und perspektivlos. Berlin baute mich auf, ich galt dort als Exot. Als irgendwie cool und gefährlich.

Das Partyleben ist heute auch ausgelassen.

Die Clubszene war nicht vergleichbar mit der heutigen, wir hatten unsere Schuppen, in denen wir feierten. Berlin war voll von tollen Drogen, tollen Frauen, Abenteuern aller Art. Ach, es war schon herrlich.

Sie machen sich auf dem Album lustig übers Älterwerden, sehen aber immer noch aus wie vor zehn, 15 Jahren.

Ich tue nichts dafür. Sport lehne ich komplett ab, ich gehe allenfalls spazieren. Ich trinke nicht mehr, das hilft. Und ich habe den dunklen Verdacht, dass die Drogen hilfreich waren. Ich habe ungefähr 25 Jahre meines Lebens Heroin genommen, das macht schlank. Es gibt ja diese Denkschule, die besagt: Wenn du lange heroinsüchtig warst und davon loskommst, dann regenerieren sich deine ganzen Zellen.

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