Unser Star für Oslo
Lenas Balkan-Konkurrenz setzt auf Humtata-Pop
Nur noch wenige Tage bis zum Eurovision Song Contest: NDR-Blogger und Grand-Prix-Experte Jan Feddersen analysiert die Konkurrenz von Lena Meyer-Landrut. Die Balkanländer setzen auf Humtata-Pop. Feminem aus Kroatien bestechen durch Properheit, und aus Serbien kommt das androgynste Modell dieser Saison.
Für Deutschland startet Lena Meyer-Landrut beim Grand Prix. Auch ihre Konkurrenz kann sich sehen lassen.
Es gibt ESC-Aspiranten, die muss man nicht wegen ihrer Musik mögen, sondern ihrer Haare wegen. Milan Stankovic aus Serbien ist das queerste, androgynste Modell dieser ESC-Saison – er ist, versehen mit einer eher durchschnittlichen Komposition von Goran Bregovic, die passende Begleitung für Hera Björk: Sie gibt die Gabi, er trägt dazu den blonden Pony des Jahres. Beide wollen wir, Hand in Hand, auf der After-Show-Party des Finales sehen! Milan Stankovic muss nur das erste Halbfinale überstehen: Wir hoffen auf ihn und Punkte aus seinen Nachbarländern, sonst wird es knäpplich.
Gleich eine Startnummer weiter, auf der neunten, verheißt Licht und Donner Bosnien & Herzegowina – aber mir scheint, was dieser Act wirklich meint, ist eher "Funzel und Rumpel”. Vukašin Brajic ist ein eher unauffälliger junger Mann, der durch manche Castings gestählt wurde. Aber sein Auftritt droht so müde zu werden, weil das Lied einfach nicht interessant, ja, nicht einmal folklorehaft-besonders ist. Mit dem ersten Sieg für Bosnien wird das gewiss nix. Für das Finale mag das langen, denn das Land hat einfach sehr viele Freunde in allen Teilen Europas.
Juliana Pasha aus Albanien soll die Christina Aguilera ihres Landes sein? Soll sie. Ihr Lied , deutsch: "Ich kann nicht ohne dich”, ist mit das ödeste des gesamten 55. ESC – irgendwie an angloamerikanischen Vorbildern orientiert, aber nicht vom gleichen Appeal, den Frauen wie die Spears verkörpern. Doch sie soll live von Extraklasse sein: Möglich, dass sie auf der Bühne so sehr alles gibt, dass man ihr doch ein paar Laszivitätssonderpunkte zuerkennen möchte.
Mazedonischer Rock ? Gjoko Taneski gibt ihn uns, als vorletzter Kandidat im ersten Halbfinale, als vierter Teil des Balkans in diesem. Und das klingt nicht schlecht – die Nummer von diesem Mann, der die Volljährigkeit sehr viele Frühlinge hinter sich hat, beweist uns, dass Exjugoslawien nicht nur eine musikalische Cevapcicihölle sein muss – ein Landstrich mit Menschen, die seltsame Trachten tragen und dramatische Lieder singen. Es wäre fein, könnte dieser Act, meinetwegen mit nachbarschaftlicher Punktehilfe, es in die Endrunde schaffen: Rock, und sei es in einer stubenreinen Variante, wäre dann als Stil dort auch vertreten.
Sloweniens prächtige Zeiten – Nusa Derenda, Darja Svajger – sind lange vorbei. Dieses Jahr kommt neuerlich aus Ljubljana ein Act, der die Zwiespältigkeit des Landes in ästhetischer Hinsicht spiegelt. Einerseits Musikantenstadl, andererseits Nachtklubdisco . Das Ensemble Roka Zlindra & Kalamari bietet keine Show wie aus einem rummeligen Ausflugslokal an einem slowenischen Bergsee, sondern eine Erinnerung an das tragische Ausscheiden von Global Kryner, Österreich 2005, im Semifinale. Das könnte diesem Act in diesem zweiten Semifinale auch leicht passieren. Achtung: Nicht dreimal hören – es liegt sonst stark im Ohr!
Feminnem sind uns ja nicht in so guter Erinnerung: Abba-Nachmacherinnen des Jahres 2005 – echt übel, das. Ihr diesjähriges "Lako je sve” ist ein durchsichtig aufs Gefallen setzendes Balkanpopstück, das durch die Properheit der Sängerinnen auch nicht an Eleganz gewinnt. Sie werden es wohl ins Finale schaffen, dank vieler Migrationsanrufe aus anderen Ländern – obwohl Kroatien im zweiten Halbfinale auf keinen bosnischen oder serbischen Support rechnen darf.
Alles in allem: Ein Balkanpaket, das typischer nicht gepackt sein könnte. Sehr viel Humtata-Pop, extrem angereichert durch weiblich anmutende Reize, siehe Serbien. Im Finale ist kein Act sicher, aber zwei schaffen es ja mindestens immer.
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