Interview Was Festival-Chef Kosslick für die Berlinale plant

Berlinale-Chef Dieter Kosslick entspannt im Kino, hier im Zoo Pallast

Foto: Reto Klar

Berlinale-Chef Dieter Kosslick entspannt im Kino, hier im Zoo Pallast

Der Berlinale-Chef über die Flüchtlingskrise, verschärfte Sicherheitsmaßnahmen während des Festivals und das Stage-Theater.

Dieter Kosslick kann sich entspannt zurücklehnen: Für die nächste Berlinale (11.-21. Februar) konnte er nicht nur einen Clooney-Film zur Eröffnung, sondern auch noch Meryl Streep als Jurypräsidentin gewinnen. Das macht das Festival schon mal hochattraktiv. Aber natürlich kommt er um die derzeit allumgreifenden Themen nicht herum. Für Flüchtlinge wird er erstmals auf dem Festival spenden lassen. Und wegen der jüngsten Anschläge wurden noch einsam die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Wegen des Rückzugs der Stage Entertainment vom Musical Theater am Potsdamer Platz, das ja auch Berlinale-Palast ist, macht er sich dagegen keine Sorgen.

Berliner Morgenpost: Herr Kosslick, die Stage Entertainment stößt das Musicaltheater am Potsdamer Platz ab. Hat das Auswirkungen für die Berlinale?

Dieter Kosslick: Ich glaube – ich betone: Ich glaube - nicht. Wir haben einen Vertrag mit dem Betreiber des Potsdamer Platzes. Es gab hier am Potsdamer Platz in den letzten Jahren intensive Verkaufsbemühungen. Das hängt damit zusammen, dass die geschlossenen Immobilienfonds abgewickelt werden müssen.

Was das Theater betrifft: Das kam für uns schon überraschend. Und es wird die Stimmung für die Mitarbeiter, die auch während der Berlinale dort arbeiten, nicht aufhellen, wenn sie wissen, dass sie bald ihren Arbeitsplatz verlieren. Wir haben einen wasserdichten Vertrag, der läuft bis 2018. Die Berlinale wird also weiterhin am Marlene-Dietrich-Platz sein.

Und es ist ja nicht so, dass nicht nur wir hierbleiben wollen. Es gibt vielleicht auch ein Interesse vom Potsdamer Platz, dass wir hier bleiben. Die Umsätze, die hier während und mit der Berlinale getätigt werden sind beträchtlich. Wenn die Berlinale mal nicht mehr hier sein sollte, würden sich einige vielleicht wundern, wenn sie am Ende des Jahres in ihre Bilanzen schauen.

Verliert der Potsdamer Platz an Attraktivität, seit die Mall of Berlin einige Geschäfte aus den Arkaden abgezogen hat?

Nein, die Arkaden haben das überlebt. Vielleicht sind die kleineren Einheiten hier sogar für manche charmanter als endlos dieselben Läden in riesigen Malls. Nein, der Platz stirbt nicht aus, er ist ganz schön belebt, auch was die Hotelbelegung angeht. Aber wenn es hier nicht mehr attraktiv für uns sein wird, dann gehen wir halt.

Gibt es einen Alternativplan?

Wir werden sicher nicht 2018 ohne Alternative da stehen. Ich glaube, wir müssen wechselseitig daran interessiert sein, dass wir nett zu einander sind. Man hat ja aber am Musicaltheater gesehen, wie anders die Welt am Marlene-Dietrich-Platz innerhalb von 24 Stunden aussehen kann.

Vielleicht sind wir ja in der Hand von feindlichen Festivalländern, nämlich Kanadiern oder Korea – Ländern mit großen Filmfestivals – die den Potsdamer Platz kaufen. Vielleicht gibt es da eine heimliche Strategie, uns über Mietverträge in die Knie zu zwingen, wenn sie es schon programmatisch nicht schaffen. (lacht)

Kommen wir zu erbaulicheren Dingen. Der Scoop dieser Berlinale ist die Jurypräsidentin. Meryl Streep war, das ist eigentlich kaum zu glauben, noch nie in einer Festivaljury.

Das war schon länger vorbereitet. Sie war in den letzten Jahren auch schon öfter bei der Berlinale. 2012 zuletzt mit "Iron Lady", als sie mit dem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet wurde. Die Herzlichkeit, die ihr da entgegengebracht wurde, war ein richtiger Orkan, das hat sie auch gespürt. Damals sagte sie, sie würde gerne einmal länger in Berlin sein. Und ich habe geantwortet: "Da gibt es ja Möglichkeiten."

Der frühe Vogel fängt den Wurm. Wir haben Meryl gefragt und siehe da: Sie hatte Zeit und Lust. Das war ein bisschen wie ein Lotteriegewinn. Aber wir merken jetzt auch die Druckwelle: Plötzlich will jeder, wirklich jeder zur Berlinale-Eröffnung kommen. So viele Plätze haben wir nicht. Das wird uns auch Unmut einbringen.

Das liegt auch am Eröffnungsfilm. Wenn man einen George Clooney auf dem Teppich hat, ist das schon die halbe Miete?

Wenn George Clooney kommt, ist es auf jeden Fall eine super Eröffnung. Ich habe mich mal zu dem Satz hinreißen lassen, dass die Opening Night eigentlich ein Opening Nightmare (Albtraum, d. Red.) ist. Du brauchst einen Film, der vielen verschiedensten Zielgruppen gerecht wird, der Stars haben muss und nicht zu flach sein darf. Für diesen Spagat so kurz vor der Oscar-Verleihung, ist das nicht immer leicht. Und es ist auch nicht immer gelungen.

Aber "Hail, Caesar" ist in jeder Hinsicht ein idealer Eröffnungsfilm. Die Coen-Brüder machen eigentlich immer ideale Filme. Und Meryl Streep und George Clooney, das ist ein tief Roter Teppich, das ist nur schwer zu toppen. Ich warte am Ausgang des Berlinale Palasts und gebe jedem das Geld zurück, dem das nicht gefällt.

Auffallend ist, dass in diesem Jahr im Wettbewerb nur ein einziger deutscher Beitrag läuft. Das hat es auf einer Kosslick-Berlinale noch nie gegeben. Ist der deutsche Film im Allzeittief?

Es ist seltsam. Wenn ich zu viele deutsche Beiträge in den Wettbewerb nehme, werde ich gescholten. Sind es zu wenig, ist es auch nicht recht. Nein, der deutsche Film ist in keinem Tief. Ganz im Gegenteil. Wir haben zwar in diesem Jahr mit "24 Wochen" nur eine deutsche Regisseurin, aber mit "Alone in Berlin" und "Soy Nero" auch deutsche Koproduktionen im Wettbewerb.

Es gibt 72 deutsche Filme im aktuellen Programm. Dazu kommt noch die komplette Retrospektive, die sich mit fast 60 Filmen dem deutschen Film widmet. Bei insgesamt 420 Titeln ist das wahrlich keine Kleinigkeit. Und wenn man mal in die Perspektive Deutsches Kino geht und sich deutsche Nachwuchsfilmer anguckt, muss man sich wirklich keine Sorgen um die Zukunft des deutschen Films machen.

Dennoch vermisst man etwa Tom Tykwers "Ein Hologramm für den König" oder die Neuverfilmung von "Das Tagebuch der Anne Frank". Die sind ja fertig und starten auch kurz nach der Berlinale.

Tom Tykwer hätten wir wirklich gerne gezeigt, und ich glaube, auch Tom hätte den Filmgerne hier gezeigt. Es gibt bei diesem Werk aber wie immer viele Beteiligte. Wir haben wirklich alles getan, aber es hat sich nun mal nicht ergeben.

"Anne Frank" zeigen wir nicht im Wettbewerb, sondern in der Kinder- und Jugendsektion "Generation". Wir wollten von Anfang an ein Ereignis für Jugendliche, die vielleicht gar nicht mehr wissen, wer Anne Frank war. Wir haben den Wettbewerb in diesem Jahr vielleicht etwas anders designt als sonst, aber "Anne Frank" sollte immer ein besonderes Ereignis für junge Leute sein.

Mit "designt" meinen Sie kuratiert?

Ja. Dieser Wettbewerb wurde mit einem anderen Blickwinkel programmiert. Man kann nicht theoretisch programmieren, man wählt schließlich aus den Filmen aus, die es aktuell gibt. Da kann man mehr auf Mainstream setzen oder macht es, ich sage mal, nicht so geländegängig. Wie in diesem Jahr, wo es auch mal einen achtstündigen Wettbewerbsbeitrag gibt und der Rote Teppich schon morgens um 9.30 Uhr ausgerollt wird.

Acht Stunden sind kein Tag, weiß man seit Fassbinder. Aber dennoch: Wer soll sich das anschauen?

Auch für lange Formate gibt es ein Publikum und der lange Filmgenuss ist heutzutage gar nicht außergewöhnlich. Man denke an Binge-Watching, das sogenannte "Suchtansehen" bei Serien. Das serielle Prinzip setzt sich immer weiter durch, auch immer mehr Filmemacher drehen Serien. Und wir betreten da kein Neuland. Serielle Formate haben wir in den vergangenen Jahren ja schon öfter gezeigt. Zum Beispiel acht Stunden Dominik Grafs "Im Angesicht des Verbrechens". Ausverkauft und alle blieben sitzen.

Aber im Wettbewerb gab es das noch nicht. Ist das denn fair, einen Achtstünder gegen Zweistünder antreten zu lassen?

Das ist nur unfair gegenüber einem Film, den wir an dem Tag nicht zeigen können.

Alles dreht sich momentan um die Flüchtlingskrise. Bildet sich das auch auf dem Festival ab?

Das zeigt sich in mehreren Filmen, am direktesten im italienischen Wettbewerbs-beitrag, "Fire at Sea", für den Gianfranco Rosi zwei Jahre auf Lampedusa gedreht hat. Viele Filmemacher betreiben Ursachenforschung, warum es zu den Flüchtlingsströmen kommt. Wir selbst rufen erstmals während des ganzen Festivals zu Spenden auf, um das Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin (www.bzfo.de) zu unterstützen, das medizinische und psychotherapeutische Hilfe bietet.

Wir arbeiten darüber hinaus mit mehreren Initiativen zusammen, einer Willkommensklasse in der Sektion "Generation". Beim Berlinale Street Food wird die Flüchtlingsinitiative "Über den Tellerrand kochen" Essen aus dem Mittelmeerraum anbieten, wir haben zudem ein Patenschaftsmodell mit Initiativen, die mit Flüchtlingen ins Kino gehen, und unterstützen andere Initiativen, die beim Festival Präsenz zeigen

Zum Schluss müssen wir noch auf die Sicherheitsvorkehrungen zu sprechen kommen. Letztes Jahr haben wir bereits wegen der Anschläge auf Charlie Hébdo gefragt. Verschärft sich nach den erneuten Paris-Anschlägen die Lage noch einmal?

Um die Sicherheit der Festivalbesucher und der Gäste zu gewährleisten, werden alle dafür notwendigen Maßnahmen gegebenenfalls auch kurzfristig umgesetzt werden. Das tun wir schon immer. Wir haben ein Sicherheitskonzept, aber das können wir natürlich nicht öffentlich machen, sonst ist es keins mehr. Wir werden alles tun, was die Experten uns vorschlagen.
Und wir proben das seit Jahren.

Ein ganz einfaches Beispiel, das wir immer wieder haben: dass noch mal tausend Leute mehr zur Eröffnung kommen wollen. Jetzt sind es schon rund 4000 in drei Kinos. Ab einer bestimmten Grenze ist es mir egal, wer da noch kommen will und für wie wichtig sich die Personen halten. Es gibt eine feuerpolizeiliche Auflage, und die werde ich erfüllen. Denn wenn was passieren sollte, wird mein Arbeitsvertrag um 20 Jahre verlängert. Aber nicht am Potsdamer Platz, sondern hinter Gittern. Und dieses Risiko kann ich nicht tragen.

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