18.02.12

Berlinale

Goldener Bär für Shakespeare im Knast

Die Brüder Taviani sind die große Überraschung der Berlinale: Die Italiener haben mit ihrem halbdokumentarischen Film "Cäsar muss sterben" den Goldenen Bären geholt. Immerhin gehen zwei Bären an das deutsche Kino.

Quelle: Reuters
18.02.12 1:18 min.
Die Brüder Paolo und Vittorio Taviani wurden für ihren Film "Caesar must die" ausgezeichnet. Ein Silberner Bär ging nach Deutschland, an den Regisseur Christian Petzold, für seinen Film "Barbara".

Mit dieser Wahl hatte nun wirklich niemand gerechnet. In allen Kritikerumfragen zur Berlinale lag eine ganze Woche lang Christian Petzolds DDR-Drama "Barbara" mit Nina Hoss klar vorn. Es sah ganz so aus, als ob endlich einmal wieder ein Deutscher Film den Goldenen Bären gewinnen würde. Das hat es in den vergangenen 61 Jahren überhaupt nur sechs Mal gegeben, das letzte Mal 2004 für "Gegen die Wand". Aber nein: Petzold gewann "nur" den Silbernen Bären für die Beste Regie.

Es gab höchstens zwei ernst zu nehmende Konkurrenten. Ganz am Ende des Programms überraschte der Wettbewerb noch mit einem echten Highlight, "Rebelle", einem im Kongo gedrehten Drama um Kindersoldaten, konsequent aus der Sicht eines jungen Mädchens erzählt. Zu dem Thema haben wir schon viele Filme gesehen, auch auf der Berlinale, mit Schrecken erinnern wir uns an "Feuerherz", einer kitschigen, peinlichen Aufarbeitung. Kim Nguyens "Rebelle" hingegen wählt die best-mögliche Herangehensweise an dieses Thema. Doch am Ende gab es auch dafür "nur" einen Silbernen Bären. Für die Hauptdarstellerin Rachel Mwanza.

Altmeister des italienischen Films

Und dann gab es noch den ungarischen Film "Czak a szél" (Nur der Wind), die Aufarbeitung einer realen Mordserie an Roma. Das war zwar nicht der beste Film des Wettbewerbs, wäre aber ein immanentes politisches Statement gegenüber Ungarn gewesen, einem Land, über das das Europaparlament sich ernsthafte Sorgen macht, was Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit angeht. Am Ende erhielt Benec Fliegaufs Film immerhin den Preis der Jury, die zweitwichtigste Auszeichnung, die das Festival zu vergeben hat.

Der Hauptpreis aber, der güldene Bär, geht, und das hatte niemand im Visier, an die Brüder Taviani. Sie sind Altmeister des italienischen Films, Vittorio zählt 82, Paolo 80 Lenze. Preise haben sie schon lange nicht mehr nötig, mit Werken wie "Padre Padrone" (1977) oder "Die Nacht von San Lorenzo" (1982) genießen sie längst Klassikerstatus. Und doch haben sie mit ihrem jüngsten Werk, "Cesare deve morire" (Cäsar muss sterben), ein spannendes Experiment unternommen, dass sich wohl manch jüngerer Kollege nicht getraut hätte. Ein halbes Jahr lang begleiteten sie eine Theaterinszenierung von Shakespeares "Julius Cäsar" in einem römischen Hochsicherheitstrakt. Schwerverbrecher und Mörder schlüpfen in die antiken Rollen, eignen sich mit ihren regionalen Dialekten den Duktus der Verssprache an. Und entdecken, das ist das Interessante an diesem Film, zunehmend Parallelen zu ihrem eigenen Leben. Nur die reale Bühnenpremiere ist dabei in Farbe gehalten, die Probenarbeiten in den Zellen, im Gefängnishof sind in kontraststarkem Schwarzweiß aufgenommen.

"Cesare", ein spannendes Experiment. Ein beachtliches Alterswerk. Aber der beste Film der Berlinale? Das klingt eher nach einem Kompromisskandidaten. Als habe man sich auf ein paar Jüngere nicht einigen können und sich deshalb auf ein Paar Altmeister verständigt. Kompromisse dieser Art gibt es ja leider immer wieder bei Jurys. Nicht selten gibt es ein Lager A und ein Lager B, am Ende kann sich keiner durchsetzen, will aber auch dem anderen den Triumph nicht gönnen. Vielleicht ist das auch dieser durchweg prominent besetzten Jury passiert, auch wenn sie nicht müde wurde zu behaupten, das Gegenteil sei der Fall.

Preise für Petzold und Reitemeier

Im vergangenen Jahr hat die damalige Jury tatsächlich den großen Favoriten des Festivals, den iranischen Beitrag "Nader und Simin", ausgezeichnet. In diesem Jahr hat man mit einem vollkommenen Außenseiter noch eine echte Überraschung ausgelöst. Alle anderen Preise aber gingen an die Jungen: der ungarische Regisseur Fliegauf ist 37, der dänische Schauspieler Mikkel Boe Folsgaard 27, die kongolesische Schauspielerin Rachel Mwanza gerade mal 15.

Das deutsche Kino darf sich im Mittelalter freuen. Der 51-jährige Christian Petzold wurde als Bester Regisseur für "Barbara" ausgezeichnet. Als er morgens schon bei der Verleihung der Unabhängigen Jurys den Publikumspreis überreicht bekam, den die Leserjury der Berliner Morgenpost vergibt, da meinte er noch, wer morgens ausgezeichnet würde, ginge abends meist leer aus. Er wurde eines Besseren belehrt. Für "Yella" wurde 2007 noch seine Dauermuse Nina Hoss ausgezeichnet, jetzt, bei ihrer fünften Zusammenarbeit, durfte er selber einen Silbernen Bären entgegennehmen.

Und noch ein Deutscher wurde überrascht: Lutz Reitemeier (48). Der Kameramann hat mehrfach mit Andres Veiel zusammengearbeitet, dreht aber meist weit weg von Deutschland, in China, und dort wiederholt mit Wang Quan'an. So schon bei "Tuyas Ehe", der 2006 den Goldenen Bären gewann. Nun hat er auch für Wangs jüngstes Werk "White Deer Plain", ein aufwändiges Historienepos über das Ende des chinesischen Kaiserreichs, eindrucksvolle, magische Bilder gefunden. Und bekam dafür erstmals selber einen Preis. Den konnte er allerdings nicht selber entgegennehmen: Er dreht derzeit in Saudi-Arabien.

Auch die Tavianis mussten ihren Bär – sie bekamen nur einen, den müssen sie sich teilen – ganz allein entgegennehmen. Ihre Hauptdarsteller konnten naturgemäß zur Preisverleihung nicht anreisen. Sie sitzen noch immer ein, teils lebenslänglich.

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