Goldener Bär
Warum Berlinale-Gewinner Kaplanoglu Honig mag
Mit "Honig" ("Bal") hat erstmals seit 46 Jahren wieder ein türkischer Film den Goldenen Bären der Berlinale gewonnen. Regisseur Semih Kaplanoglu erzählt in seinem poetischen Werk von einer Kindheit in einer von Zerstörung bedrohten Natur im ländlichen Anatolien. Mit Morgenpost Online sprach der Gewinner über die Poesie der Langsamkeit.
Von Marcus Rothe
Als besten Film des Festivals kürte die Berlinale-Jury das türkische Werk "Bal" ("Honig"). Regisseur Semih Kaplanoglu nahm den Goldenen Bären von Jury-Präsident Werner Herzog entgegen.
Zurück in Berlin, wirkte Semih Kaplanoglu ein wenig bleich. Am Sonnabendmittag durfte er, bei der Verleihung der Unabhängigen Preise, bereits den der Ökumenischen Jury entgegennehmen. Danach zog er sich erst einmal für Stunden in sein Hotel zurück. Denn abends hieß es, noch einen wichtigeren Preis entgegenzunehmen: den Hauptpreis der Berlinale, den Goldenen Bären. Dazu sagte er, der Preis könne dazu beitragen, dass die Bedrohung der Natur abgewendet werden könne. "Letztendlich ist es ja auch ein Preis, der an die Natur verliehen wurde, die wir im Film sehen können. Denn der Film erzählt meines Erachtens vor allem von der Schönheit und der Seele dieser Natur. Glauben Sie mir, wenn Sie das live und in Wirklichkeit sehen, ist es noch viel beeindruckender und charaktervoller als ich das in meinem Film einfangen konnte. Wenn Menschen diese Naturschönheit zu sehen bekommen, dann wird sich hoffentlich eine breitere Öffentlichkeit bilden gegen den Bau von Kraftwerken, die eine Umwelt- und Naturzerstörung mit sich bringen würden."
Morgenpost Online: In welcher Verbindung steht Ihr Film "Bal" (Honig) zu "Süt" (Milch) und "Yumurta"(Ei), den beiden ersten Teilen ihrer Trilogie?
Semih Kaplanoglu: In "Yumurta" zeige ich die Figur des Poeten Yusuf im Alter von 43 Jahren und in "Süt" ist er 18 Jahre alt. "Honig" zeigt ihn im Alter von sechs Jahren. Ich habe "Yumurta" begonnen, weil ich zum Kern dieser Figur vordringen wollte. Darüber hinaus will ich nicht mehr über die Verbindungen zwischen den drei Filmen sagen, weil ich sie nicht im herkömmlichen Sinne erklären oder das Geheimnis dieser Figur verraten will.
Morgenpost Online: Der sechsjährige Yusuf vermisst seinen Vater, muss seinen Tod verarbeiten. Kehren Sie im letzten Teil ihrer Trilogie wie in einer Selbstanalyse an die Urszenen ihrer Kindheit zurück, die ihr weiteres Leben geprägt haben?
Kaplanoglu: Ja, ich war 42 Jahre alt, als ich die Drehbücher zu meiner Trilogie geschrieben habe. Zuerst schrieb ich über Yusuf im Alter von 18 Jahren, dann über ihn als erwachsenen Mann und schließlich habe ich mich mit seiner Kindheit beschäftigt. Ich habe dann zuerst den Film über 43jährigen Yusuf gedreht, weil ich ähnlich alt war und einfacher Entsprechungen zwischen ihm und meinem Leben fand. Mir schwebte vor, diese Figur im Laufe der anderen Filme immer mehr zu entkleiden, um herauszufinden, welche Wurzeln er hat, was in ihm steckt, was ihn im Wesentlichen ausmacht. Anders gesagt: Ich wollte zurückkehren an die Quelle des Flusses.
Morgenpost Online: Warum geben Sie schon am Anfang des Films einen Hinweis darauf, dass der Vater des kleinen Yusuf sterben wird?
Kaplanoglu: Schon in einer der ersten Szene sehen wir, wie Yusuf seinem Vater einen Traum erzählen will, aber von ihm daran gehindert wird. Später erfahren wir, dass Yusuf in diesem Traum seinen Vater sterben sieht. Ich wollte schon früh im Film diese Spur zum Tod des Vaters legen, denn sie ist die zentrale Frage, die sein weiteres Leben bestimmen wird.
Morgenpost Online: Also verdichten Sie autobiographische Momente Ihrer Kindheit?
Kaplanoglu: In der Schule soll Yusuf lesen und schreiben lernen, aber als er von seinen Mitschülern ausgelacht wird, zieht er sich zurück und beginnt zu stottern. Das habe ich selber als Kind erlebt: In der Schule muss man plötzlich in einer Atmosphäre des Wettbewerbs leben. Wer liest zuerst? Wer wird gelobt, wer bekommt seine Medaille? Ich habe ein ganzes Jahr gebraucht, bevor ich laut vor der ganzen Klasse lesen konnte. Auf die ersehnte Medaille für das laute Vorlesen, die man im Film sieht, musste ich viel länger als meine Mitschüler warten. Ich kann mich noch gut an den Stress in diesem ersten Schuljahr erinnern und ich habe später herausgefunden, dass viele Kinder ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Also ist es ein allgemeines Problem, über das ich nachdenken wollte. Andererseits beschreibe ich, wie ausgehend von dieser Schulerfahrung ein späterer Dichter aufwächst. Dichter versuchen doch ständig, der Sprache gewisse Worte zu entreißen. Ich versuche, diesen Moment einzufangen, in dem ein angehender Dichter mit der Sprache "bricht" und sein eigenes Reich aus Wörtern aufbaut.
Morgenpost Online: Die Tonspur ist in Ihrem Film reich an Details und schafft Assoziationen, aber was hat es mit der kleinen Glocke auf sich, die man den ganzen Film über hören kann?
Kaplanoglu: Diese Glocke ist in der Tasche des Jungen versteckt und dient dazu, mit dem kleinen Falken zu kommunizieren, ihn zu rufen. Wenn der Falke zum Haus zurückkehrt, weiß der Junge, dass auch sein Vater nicht mehr weit entfernt sein kann. Als der Vater seine Falken abrichtet, bindet er ihnen eine kleine Glocke an die Klauen, so dass der Falke weiß, wohin er zurückkehren muss und der Besitzer versteht, wo sich der Falke gerade befindet.
Morgenpost Online: Die wiederkehrenden ruhigen Momente des Films entfalten ihre eigene poetische Kraft. Haben Sie diesen besonderen Rhythmus aus einer musikalischen Idee heraus entwickelt?
Kaplanoglu: Ich versuche vor allem, mit diesen stillen Momenten das Gefühl dafür zu vermitteln, wie die Zeit vergeht. Ich bevorzuge lange Einstellungen, in denen ich einerseits die Handlung konzentrieren und der Zeit Zeit lassen kann. Ich habe versucht, die verschiedenen Geräusche der Natur so benutzen, als wären sie religiöse Hymnen. Ich habe mit diesen Geräuschen so gespielt, dass sie eine Art musikalische Tonspur schaffen, aber ich wollte nicht zusätzlich noch Musik einsetzen. Denn in den meisten Fällen wird die Musik in Filmen nur benutzt, um dem Zuschauer bestimmte Gefühle abzupressen. Für mich schmälert das aber die künstlerische Dimension eines Films. Ich vertraue da eher auf die Kraft der natürlichen Töne und Geräusche, um innerhalb der Dramaturgie bestimmte Situationen in Szene zu setzen.
Morgenpost Online: Hat die Langsamkeit Ihres Films auch mit der Sicht der Kinder auf die Welt und ihrem ganz anderen Verhältnis zur Zeit zu tun?
Kaplanoglu: Sie haben Recht, Kinder leben in ihrer eigenen Welt und nehmen die Zeit ganz anders wahr, subjektiver als wir Erwachsenen. Sie können sich nicht lange konzentrieren – besonders wenn sie vor der Kamera stehen und schauspielern müssen. Im Film sieht man auch, wie unterschiedlich ihre Wahrnehmung ist, je nachdem, in welchem Umfeld sie leben. Wenn Yusuf in die Schule kommt, ist seine Zeit aufgeteilt, zerstückelt. Wenn er dagegen in der Natur ist, steht ihm eine unbegrenzte, eine ganz freie Zeit zur Verfügung. Die Schule begrenzt seine Freiheit und diesen Konflikt muss er durchstehen. Ich versuche Filme zu machen, die einen eigenen, mir entsprechenden Rhythmus schaffen.
Morgenpost Online: Faszinierend ist, wie sich das Kind diesem besonderen Rhythmus anpasst. Sind Sie kein Freund des Naturalismus?
Kaplanoglu: Es gibt einige sehr lebendige Szenen, in denen man den Jungen rennen sieht, aber aus dramaturgischen Gründen war es wichtig, dass er sich im Innern des Hauses sehr langsam bewegt, so hat er es auch in seinem Traum erlebt. Ich will meine Filme nicht mit antinaturalistischen Elementen bereichern, im Gegenteil: Ich versuche, alles in der Realität wurzeln zu lassen. In den letzten vier Jahren habe ich bei der Arbeit an meiner jetzt vollendeten Trilogie versucht, meinen eigenen Stil zu finden, den ich als "spirituellen Realismus" beschreiben würde.
Morgenpost Online: Der Vater Yusufs arbeitet als Bienenzüchter. Interessierte Sie daran auch der Kontrast vom Leben in der Natur, dem Lernen in der Schule und der perfekt organisierten Gesellschaft eines Bienenstocks?
Kaplanoglu: Ja, aber neben dem symbolischen Wert des Bienenstocks interessierte mich vor allem seine Funktion, den Honig zu produzieren. Ich habe viel darüber gelesen, wie Bienen leben, sich organisieren und Honig produzieren. Ich habe sogar unter Bienenzüchtern gelebt, aber mich faszinierte am Ende, wie sehr sie die Seele des Waldes verkörpern. Der Honig ist so etwas wie die Essenz von all dem, was in dem Wald wächst. Diese Metapher war mir wichtiger als das "soziale" Leben der Bienen!
"Bal" (Honig) von Semih Kaplanoglu (Türkei)
"Eu cand vreau sa fluier, fluier" ("Wenn ich pfeifen möchte, pfeife ich") von Florin Şerban (Rumänien)
Roman Polanski für "The Ghostwriter" ("Der Ghostwriter") (Frankreich/Polen)
Grigori Dobrygin und Sergei Sergei Puskepalis in "Kak ya provel etim letom" ("How I Ended This Summer") von Alexei Popogrebsky (Russland)
Shinobu Terajima in "Caterpillar" von Koji Wakamatsu (Japan)
Pavel Kostomarow (Kamera) für "Kak ya provel etim letom" ("How I Ended This Summer") von Alexei Popogrebsky (Russland)
Wang Quan'an für "Tuan Yuan" ("Apart Together") (China)
"Sebbe" von Babak Najafi (Schweden)
"Eu cand vreau sa fluier, fluier" ("Wenn ich pfeifen möchte, pfeife ich") von Florin Şerban (Rumänien)
"Händelse Vid Bank" ("Zwischenfall vor einer Bank") von Ruben Östlund (Schweden)
"Honig" von Semih Kaplanoglu (Türkei)
"Kawasaki's Rose" von Jan Hrebejk (Tschechien)
"Still Alive in Gaza" von Nicolas Wadimoff (Schweiz)
"Neukölln Unlimited" von Agostino Imondi und Dietmar Ratsch (Deutschland)
"Echoes Of The Rainbow" ("Echo des Regenbogens") von Alex Law (China)
"Son of Babylon" von Mohamed Al-Daradji (Irak)
"La Bocca del Lupo" ("The Mouth of the Wolf") von Pietro Marcello (Italien)
"Shahada" von Burhan Qurbani (Deutschland)
"En ganske snill mann" ("A Somewhat Gentle Man") von Hans Petter Moland
"Waste Land" von Lucy Walker (England)
"The Kids Are All Right" von Lisa Cholodenko (USA)
"Son of Babylon"" von Mohamed Al-Daradji (Irak)
"Waste Land" von Lucy Walker (England)
"Kawasaki's Rose" von Jan Hrebejk (Tschechien)
"Winter's Bone" von Debra Granik (USA)
"En Famille" von Pernille Fischer Christensen (Dänemark)
"Parade" von Isao Yukisada (Japan)
"El vuelco del cangrejo" ("Crab Trap") von Oscar Ruíz Navia (Kolumbien, Frankreich)
"Lebendkontrolle" von Florian Schewe (Deutschland)
"Yī yè Tài běi" ("Au revoir Taipei") von Arvin Chan (Taiwan)
"Die Fremde" von Feo Aladag (Deutschland
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