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20.02.10

Berlinale

Wenn ein Geburtstagspräsent zum Kuckucksei wird

Gegen Ende der Berlinale wird immer noch mal die Starschiene bedient. Dafür werden Filme nur deshalb in das Festivalprogramm aufgenommen, um dem roten Teppich noch etwas Auftrieb zu geben. In diesem Jahr sollte es das "Birthday Special" "Nine" sein. Doch nicht nur Daniel Day-Lewis und Penélope Cruz haben abgesagt, selbst der Regisseur blieb am Ende aus.

Es gibt in der Filmgeschichte immer mal wieder große Projekte, die als todsicher gelten, denen jeder blind eine Erfolgsgarantie bescheinigen würde. Und dann erweisen sie sich doch als Rohrkrepierer und Totgeburten. Die Dan-Brown-Verfilmung "Das Sakrileg" war so ein Fall. Man hatte ein Erfolgsbuch, einen Erfolgsregisseur und einen Superstar. Und doch hat am Ende, wo man meinte, nichts falsch machen zu können, nichts gestimmt.

Auf dieser Berlinale gibt es gleich zwei solchen Fallbeispiele zu studieren, beide laufen in der Sektion Berlinale Special. Erst "Henri 4". Ein Literaturklassiker (Heinrich Mann). Ein Regisseur mit Reputation (Jo Baier). Große, epische Historienbilder. Und ganz viele Stars (Ulrich Noethen, Hannelore Hoger, Joachim Król, etc. etc). Aber dann steht die Premiere an; ein Teil der Gäste sagt vorsorglich ab; der Rest ist betroffen vom Ergebnis und schimpft laut oder ärgert sich im Stillen. Das war am ersten Wochenende.

Ein Film voller Frauen

Nun, zum Ausklang des Festivals, gab es "Nine". Auch bei diesem Werk glaubten alle an ein sicheres Highlight. Ein Broadway-Hit, der verfilmt wird. Von Rob Marshall, Broadway-Choreograph und Filmregisseur, der auch schon das Musical "Chicago" erfolgreich auf die Leinwand gebracht hat. Ein Film voller Frauen, und jede, die mitwirkt, scheint mindestens einen Oscar mit in das Projekt gebracht haben zu müssen. Und doch ist das Ergebnis eine Enttäuschung auf ganzer Linie.

Alles begann mit einer Krise. Die hatte Federico Fellini 1963, als er seinen neunten Film drehen sollte. Genauer: seinen achteinhalbten, denn Film Nr. 7 war nur ein Teil des Episodenfilms "Boccacio 70". Doch Fellini wusste nicht, wie er den Erwartungen nach dem Erfolg von Film Nr. 8, "La dolce vita", gerecht werden sollte. Er verfiel in eine Sinn- und Schaffenskrise – und bewältigte sie, indem er sein Alter Ego, Marcello Mastroianni, im Film einfach genau dasselbe durchleben und durchleiden ließ. Patient geheilt, Film Meisterwerk.

1982 stemmten der Stückautor Arthur Kopit und der Komponist Maury Yeston den Film auf die Bühne. Ein eher schwaches Musical, das aber überzeugt und zusammengehalten wird durch seine starke Musik. Und mit dem Clou auftrumpft, dass außer dem armen Regisseur alle Rollen von Frauen gespielt werden. Das hätte Fellini gefallen. "Nine" ist nun also so etwas wie ein Rücksturz ins Kino. Auch wenn man hier großzügig aufrundet und keine halben Sachen macht.

Der Anfang ist grandios

Und der Anfang ist auch grandios. Eine Kamera surrt. Wir hören die Stimme von Daniel Day-Lewis als Regisseur in der Krise. Allmählich sehen wir ihn in einer Pressekonferenz über Film philosophieren. Je mehr man über ein Projekt rede, desto toter sei die Idee. So kaschiert er, dass er gar keine hat. Dann flüchtet er. Die Pressekonferenz. Den Drehset. Die Realität. Er nistet sich in ein Hotel ein und flieht in farbige Fantasien, in denen alle Frauen aufmarschieren, die ihm je etwas bedeutet haben. Es treten auf: seine heißblütige Geliebte (Penélope Cruz). Seine leidgeplagte Gattin (Marion Cotillard). Seine filmische Muse (Nicole Kidman). Die verstorbene Mamma (Sophia Loren). Eine Hure aus seiner Kindheit (Fergie von den Black Eyed Peas). Eine Vogue-Journalistin (Kate Hudson). Und immer wieder seine Kostümbildnerin (Judi Dench), die ihn in die Realität zurückholen soll. Und lakonisch meint, Regie führen sei nichts anderes als eine einfache Abfolge von Ja-oder-Nein-Entscheidungen.

Im Musical ist dieser Part die Produzentin. Aber so weit mag man in Hollywood nicht gehen. Nein, der Produzent in diesem Film muss männlich sein. Und damit ist die Frauenpower-Idee des Bühnenstücks schon mal dahin. Leider wurde auch ein Großteil der Musik gestrichen. Stattdessen wurden eigens für den Film drei neue Songs komponiert, die sich aber lediglich als gefällige Popsongs erweisen. Gut für den Verkauf des Soundtracks, schlecht für den Film. Hier hat jeder weibliche Star einen großen Auftritt, darf auch mal singen. Fergie interpretiert den Hit des Musicals, "Be Italian". Judi Dench muss den anderen Schlager stemmen, "Folies Bergères", und schlägt sich nicht ganz so wacker. Doch all diese Auftritte sind nur Intermezzi. Marshall inszeniert nur die Stars, keinen Film. "Nine" zerfällt in eine Nummernrevue, die die Rahmenhandlung kaum zusammenhält. Hier haben wir also den umgekehrten Casus wie bei Fellini: Ein Erfolgsregisseur dreht einen Film, glaubt an ein Meisterwerk – und erleidet Schiffbruch.

Selbst die Pressekonferenz fiel aus

Das konnte man vorab nicht ahnen. Nicht wenige hofften daher sogar, "Nine" könne die Berlinale eröffnen. Denn "Chicago", die andere Musical-Verfilmung von Rob Marshall, ist, wir erinnern uns, bis heute der geglückteste Eröffnungsfilm, den Dieter Kosslick je auf einer seiner Berlinalen gebracht hat. Und womöglich hätte man gleich eine ganze Riege von Stars auffahren können. Aber dann wurde der Film weggeschnappt vom Filmfestival in Dubai, von dem Kosslick einmal ein bekanntes Shakespeare-Zitat abgewandelt hat in "du bai or not du bai".

Nun wird gegen Ende der Berlinale immer noch mal die Starschiene bedient; oft mit Filmen, die nur deshalb in das Festivalprogramm aufgenommen werden, um dem roten Teppich noch etwas Auftrieb zu geben. So haben wir hier auch schon mal "Hitch – Der Date-Doktor" gehabt, nur um Will Smith zu erleben zu dürfen. "Nine" wurde deshalb nicht nur als Berlinale Special, nein, gar als "Birthday Special" präsentiert. Doch am Ende haben nicht nur Daniel Day-Lewis und Penélope Cruz abgesagt, auch Marion Cottilard kam nicht, und selbst der Regisseur blieb am Ende aus. Die Stars gibt es also nur auf der Leinwand zu bewundern, und auch eine Pressekonferenz – wie der Film ja mit einer solchen beginnt – fiel aus. Die Berlinale hat sich da ein Geburtstagspräsent gemacht, das sich als Kuckucksei erweist. Wie wenn kein Mensch zur Geburtstagsfete vorbei kommt.

Wie "Jud Süß – Film ohne Gewissen", das Berlinale-Debakel vom Vortag, ist auch "Nine" ein Film über das Filmemachen, der einen Blick in das Innere des Business freigibt. In beiden Werken geht es, grob vereinfacht, um das, was Künstler umsetzen wollen, und um das, was andere daraus machen, die ganz andere Ziele damit verfolgen. Was die Berlinale als doppeltes Lehrstück zeigt, dem erliegt sie am Ende selbst: Sie hat eine große Geburtstagstorte aufgefahren und viele Kerzen angezündet. Aber am Ende ist keiner da, sie auszublasen. Und der Kuchen schmeckt auch nicht.

Wiederholung: Sonnabend (20. Februar), Urania, 17.30. Ab Donnerstag im Kino

Die Wettbewerbsfilme der Berlinale 2010
Im offiziellen Wettbewerb der 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin konkurrieren 20 Filme um den Goldenen Bären (sechs weitere Werke werden außer Konkurrenz gezeigt):
„Jud Süß" – Film ohne Gewissen"



von Oskar Roehler (Deutschland), mit Tobias Moretti, Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Justus von Dohnanyi und Armin Rohde
„Shahada"



von Burhan Qurbani (Deutschland)
„Der Räuber"



von Benjamin Heisenberg (Deutschland), mit Andreas Lust und Franziska Weisz
„The Ghost Writer („Der Ghostwriter")



von Roman Polanski (Frankreich/Polen), mit Ewan McGregor, Pierce Brosnan und Kim Cattrall
„Greenberg"



von Noah Baumbach (USA), , mit Ben Stiller, Rhys Ifans und Jennifer Jason Leigh
„Howl"



von Rob Epstein und Jeffrey Friedman (USA)
„The Killer Inside Me"



von Michael Winterbottom (Großbritannien), mit Casey Affleck, Jessica Alba und Kate Hudson
„Mammuth"



von Benoît Delépine (Frankreich), mit Gérard Depardieu und Isabelle Adjani
„En Familie" (A Family)



von Pernille Fischer Christensen (Dänemark)
„En ganske snill mann" (A Somewhat Gentle Man)



von Hans Petter Moland (Norwegen), mit Stellan Skarsgård
„Submarino"



von Thomas Vinterberg (Dänemark)
„San qiang pai an jing qi" (A Woman, A Gun And A Noodle Shop)



von Zhang Yimou (China)
„Tuan Yuan" (Getrennt zusammen)



von Wang Quan'an (China)
„Caterpillar"



von Koji Wakamatsu (Japan)
„Bal" (Honig)



von Semih Kaplanoglu (Türkei)
„Na Putu" (On the Path)



von Jasmila Zbanic (Bosnien)
„Shekarchi" (The Hunter)



von Rafi Pitts (Iran)
„Eu când vreau sa fluier, fluier" (If I Want To Whistle, I Whistle)



von Florin Serban (Rumänien)
„Kak ya provel etim letom" (How I Ended This Summer)



von Alexei Popogrebsky (Russland)
„Rompecabezas"



von Natalia Smirnoff (Argentinien)
Außer Konkurrenz:
„Shutter Island"



von Martin Scorsese (USA), mit Leonardo DiCaprio, Ben Kingsley und Max von Sydow
„Please Give"



von Nicole Holofcener (USA), mit Amanda Peet
„The Kids Are Alright"



von Lisa Cholodenko (USA), mit Julianne Moore, Annette Benning und Mark Ruffalo
„My Name Is Khan"



von Karan Johar (Indien), mit Kajol und Shah Rukh Khan
„Otouto" (About Her Brother)



von Yoji Yamada (Japan)
„Exit Through the Gift Shop" (Ausgang durch den Souvenirladen)



von Banksy (Großbritannien)
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