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14.02.10

Berlinale 2010

Sibel Kekillis großer Kampf gegen "Ehrenmörder"

Es ist einer der stärksten Beiträge der Berlinale: In Feo Aladags Regiedebüt "Die Fremde" kämpft Sibel Kekilli ("Gegen die Wand") um ihr Leben. Nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hat, wird die junge Mutter von ihrer eigenen Familie bedroht. Der Film zeigt den ganzen Irrsinn eines fehlgeleiteten Ehrbegriffs.

David Heerde

2010 gewann sie den Deutschen Filmpreis für "Die Fremde" als Beste Hauptdarstellerin.

15 Bilder

Viel war zu lesen von Schicksalen wie diesen. In Berichten aus deutschen Städten mit muslimischer Bevölkerung. Zum Beispiel Berlin, wo vor einer Woche der 2005 von ihren Brüdern ermordeten Deutschtürkin Hatun Sürücü gedacht wurde.

Oder aus der Türkei, wo erst jüngst ein Mädchen von ihrer Familie lebendig begraben wurde. In all diesen Fällen geht es um die angeblich beschmutzte Ehre der Angehörigen. Die jungen Frauen mussten sterben, weil sie ihr Recht auf ein modernes, freies Leben einfordern. So wie Umay in Feo Aladags Regiedebüt "Die Fremde", das einer der stärksten Beträge des Panoramas ist.

Umay lebt mit ihrem gewalttätigen Ehemann Kemal und dem gemeinsamen Sohn Cem in einem Vorort von Istanbul. Nach fünf Jahren hält sie es nicht mehr aus, die Gefühlskälte, die Inbesitznahme, die Gewalt. Mit ihrem kleinen Sohn flieht sie nach Berlin, zu ihrer Familie, die zunächst glaubt, sie sei nur zum Überraschungsbesuch da und ihr Mann komme bald nach.

Als die Eltern schließlich erfahren, dass sie bleiben will, fordern sie ihre Tochter auf, zurückzugehen und keine Schande über die Familie zu bringen. Umsonst hat sie auf ihr Verständnis gehofft. Als Umays Vater und ihr Bruder schließlich versuchen, den kleinen Cem zu dessen Vater nach Istanbul zu schicken, ruft sie nachts die Polizei und lässt sich aus der Wohnung holen.

Von nun an führt Umay mit ihrem Sohn ein Leben auf der Flucht, zwischen Emanzipation und erneuten Annäherungsversuchen bei ihrer Familie schwankend. In einer der bewegendsten Szenen des Films taucht sie unangekündigt bei der Hochzeit ihrer jüngeren Schwester auf – und wird brutal des Hauses verwiesen.

Die in Wien geborene Schauspielerin Feo Aladag versteht ihr selbst geschriebenes Regiedebüt, das sie mit ihrem Mann, dem deutschtürkischen Regisseur Züli Aladag ("Wut") auch produziert hat, als Plädoyer für Toleranz und Dialog, das Deutsche und Türken gleichermaßen ansprechen soll.

Entstanden ist die Idee durch Recherchen für die Amnesty International Kampagne "Gewalt gegen Frauen", wo Aladag auf zahlreiche Fälle so genannter Ehrverbrechen gestoßen war. Bei aller gesellschaftlichen Brisanz ist ihr aber vor allem ein aufwühlendes, erstaunlich differenziertes, genau erzähltes Drama gelungen, das einfache Schuldzuweisungen vermeidet. Sie zeigt ein Stück türkisches Leben als Parallelgesellschaft, ohne zu verallgemeinern und eine ganze Bevölkerungsgruppe oder Glaubensgemeinschaft per se anzuklagen.

"Die Fremde" ist auch das Comeback der Sibel Kekilli, die vor sechs Jahren auf der Berlinale wie aus dem Nichts kommend in Fatih Akins "Gegen die Wand" triumphierte, und hier als Umay den Film trägt. Sie wirkt gereift, auch als Schauspielerin.

Die Rolle ist anders als die Rebellin in "Gegen die Wand", ruhiger, aber auch stärker. Doch was Kekillis zwei Rollen verbindet, ist der unbedingte Wille, als Deutschtürkin ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wie damals drängen sich Parallelen zum Leben der Darstellerin geradezu auf, die sich noch immer vom Stigma ihrer Vergangenheit freikämpft. Umay und Sibel sind beide Überlebende. "Die Fremde" ist ihr Film.

Die bereits in der ersten Minute angekündigte Szene, als der jüngste Bruder auf offener Straße die Waffe gegen Umay richtet, räumt die letzten Zweifel daran aus, wie menschenverachtend der fehlgeleitete Ehrbegriff ist. Vielleicht ist es der konsequent richtige Schluss für einen Film, der auch den letzten Ewiggestrigen überzeugen will. Noch ist nicht abzusehen, ob "Die Fremde" tatsächlich eine Debatte über Ehrenmorde und den Willen zur Integration anregen wird. Das Potenzial dazu hat er.

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