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Berlinale 2010

Werner Herzog ist ein Wahnsinns-Präsident

Werner Herzog wird in diesem Jahr der Internationalen Jury vorsitzen. Eine bessere Wahl hätte das Festival kaum treffen können. Für den Filmemacher ist es auch so etwas wie eine Heimkehr. Schließlich hatte er als Debütant vor 33 Jahren seinen Film "Lebenszeichen" vorgestellt. Und erhielt prompt einen Silbernen Bären für den besten Erstling. Herzog wird sich wohl als ein Präsident ganz im Sinne von Dieter Kosslick gerieren.

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Berlinale 2009 - Premiere "My one and only"
Foto: dpa
Oscarpreisträgerin Renée Zellweger sitzt 2010 in der Jury der 60. Berlinale.

Wir sind schuld. Als im November die Nachricht vermeldet wurde, Werner Herzog werde der Jury-Präsident der kommenden Berlinale, da druckten wir ein Interview mit ihm ab, das wir kurz zuvor mit ihm geführt hatten. Darin erzählte er uns unter anderem, dass er im vergangenen Jahr nicht ein einziges Mal im Kino gewesen wäre. Er erklärte aber auch, warum: weil er selber nicht weniger als drei Filme und eine Oper inszeniert und obendrein noch ein Buch übersetzt hatte. Davon blieb in der Öffentlichkeit (und einer Meldung, die eine Nachrichtenagentur bundesweit streute) indes nur die erste Hälfte hängen, und prompt hieß es: Die Berlinale hat einen Kinomuffel zum Jury-Präsidenten.

Ist natürlich reiner Unsinn. Zugegeben, auch in einem normalen Jahr kommt der 67-Jährige im Schnitt nur auf zwei bis drei Filme. Und, das bekennt er ganz frohgemut, "die meisten davon sind ziemlich schlecht." Das aber habe durchaus einen pädagogischen Wert: Er lerne nämlich nur von schlechten Filmen. Also Kommando zurück: Werner Herzog ist kein Kinomuffel. Und ergo als Jurypräsident keine Fehlentscheidung (auch wenn er ein solches Amt bisher noch nie ausgeübt hat). Nein, im Gegenteil: Werner Herzog ist ein Wahnsinns-Präsident. Wenngleich durchaus in des Wortes doppelter Bedeutung.

Natürlich ist der Mann verrückt. Wer sonst käme auf die Idee, einen Dampfer durch den südamerikanischen Dschungel zu schicken und zur Not auch über einen Berg hieven zu lassen? Wer sonst dreht mitten in der Sahara, in der Antarktis oder klettert auf höchste Berge? Der Mann aus München sucht immer wieder die entlegensten, die unwirtlichsten Winkel dieser Welt auf der Suche nach neuen, unverbrauchten, nie gesehenen Bildern. Und das Menschenmögliche, das reicht ihm nicht, stets muss auch das Menschenunmögliche möglich gemacht werden, um seine Vorstellungen umsetzen zu können.

Wie weit kann man gehen? Das ist die Grundfrage im Herzogschen Oeuvre, die er sich immer wieder aufs Neue stellt und beantworten will. Das ist zunächst einmal ganz wörtlich, also geographisch zu verstehen. Und die Antwort ist schnell parat: Überall hin kann man gehen, auch mit der sperrigsten technischen Ausrüstung. Man muss nur wollen. Das aber - der Wille und seine unbedingte Verwirklichung - ist auch schon der rote Faden seiner Filmhandlungen. Denn immer geht es um Grenzgänger - und nicht zufällig sind das ausschließlich Männer -, die einen Plan haben, von dem sie nicht ablassen, den sie, allen Widrigkeiten zum Trotz, umsetzen wollen. Sie gehen dabei nicht nur bis an ihre Grenzen, sondern weit darüber hinaus, sie gehen bis zum Äußersten. Widerstände sind nur da, um überwunden zu werden. Ja mehr noch: Sie sind zwingend nötig, um den Triumph erst wirklich auskosten zu können.

Etwa "Aguirre, der Zorn Gottes": Ein hispanischer Soldat, der sich auf der Suche nach dem sagenumwobenen El Dorado durch den Dschungel kämpft, bis all seine Begleiter dem Wahnsinn, dem Wassermangel oder den Indios zum Opfer gefallen sind. Oder "Fitzcarraldo": der Mann mit der gelben Mähne und dem weißen Anzug, der, weil er Caruso liebt, eine Oper im Dschungel erbauen will und sich dafür mit besagtem Dampfer durch den Fluss quält. Natürlich ist das Wahn-Sinn. Genauso, wie einen Film darüber zu drehen, wenn alles sich gegen einen verschwört.

Viel ist geschrieben worden über das sado-masochistische Verhältnis zwischen dem Regisseur Werner Herzog und seinem Star Klaus Kinski, die auch noch "Nosferatu", "Woyzeck" und "Cobra Verde" zusammen drehten. Viel ist auch darüber gedreht worden, nicht zuletzt von Herzog selbst. In seinem Dokumentarfilm "Mein liebster Feind" wirft sich der Schauspieler mit rollenden Augen auf den Filmemacher, würgt ihn mit bloßen Händen und brüllt mit sich überschlagender Stimme wie ein Rasender: "Dreh doch, du Sau!" Herzog, das arme Opfer eines irre gewordenen Stars. Aber das ist natürlich nur eine Selbstinszenierung, Selbststilisierung. Wer hat den armen Irren denn in diese entlegenen Ecken getrieben, wer treibt denn Horden von Indios an, den Dampfer mit Seilen und Pflöcken über den Berg zu ziehen? Werner Herzog ist ein stiller Mensch, mit melancholischen Augen und einer ganz sanften Stimme. Der Irrsinn Kinskis war ein ganz extrovertierter, ein schauspielerischer. Der von Herzog ist zurückgenommener, kontrollierter, aber nicht weniger zwanghaft.

"Knallverrückt" wie Ludwig II.

Kinski musste meinen Fitzcarraldo spielen, hat Herzog seinerzeit wieder und wieder gesagt - weil er ihn sonst selbst hätte spielen müssen. In seinem Größenwahn und Aberwitz weiß sich Herzog mit niemand Irdischem zu vergleichen - bis auf einen Wittelsbacher König. Der einzige, der "Fitzcarraldo" sonst noch hätte drehen können, sagte er in seiner vermeintlich demütigen Art, "wäre Ludwig II. von Bayern gewesen, mit seinen wunderbaren Märchenschlössern." Ein Bayer wie Herzog. Aber ging nicht auch von dessen Egomanie ein besonderer Wahnwitz aus? Und hat Thomas Mann diesen Ludwig in seinem Roman "Doktor Faustus" nicht gar als "knallverrückt" bezeichnet?

Und doch: Herzog, der Wahnsinns-Präsident, das ist auch ganz positiv gemeint. Denn die Wahl dieses Mannes zum Jury-Vorsitz ist eine wahnsinnig gute. Immerhin hat der Mann ja, 33 Jahre ist das jetzt her, sein Filmdebüt auf der Berlinale vorgestellt, "Lebenszeichen" hieß es. Und wurde prompt mit einem Silbernen Bären für den besten Erstling ausgezeichnet. Der Film wird auch in der Retrospektive gezeigt, die das Festival sich zum 60. Geburtstag selbst gewidmet hat. Und Herzog taucht noch einmal auf, in "Die Spur der Bären", einer Filmdokumentation über die 60 Jahre dieses Festivals, wo er, blutjung, in einer aufgehitzten Anti-Stimmung gegen das Festival seine Kollegen um Ruhe bittet, weil Aggressionen doch genau das seien, was man jetzt von ihnen erwarte.

Später stand Herzog dem Festival durchaus mit nicht weniger aufgeladenen Gefühlen gegenüber. Seinen letzten Film hatte er dort 1992 gezeigt, "Lektionen in Finsternis". Und sie wurden ihm wirklich eine Lektion. Denn Herzog widerfuhr, was auch viele andere deutsche Filmemacher auf dem deutschen A-Festival hatten erleben müssen: Sein Werk wurde vom gesamten Saal hasserfüllt niedergebrüllt. Überhaupt aber ist der Filmemacher dem Deutschen Kino abhanden gekommen, hat er seit "Mein liebster Feind", seit elf Jahren also, keinen Film mehr in Deutschland gedreht - oder vielmehr produziert (gedreht hat er ja stets überall sonst wo). Seine letzten, in den USA produzierten Filme wie "Grizzly Man", "Rescue Dawn" oder "Encounter of the End of the World" wurden zwar hoch gelobt und erhielten zahlreiche internationale Preise, kamen hierzulande aber nicht mal mehr in die Kinos.

Doch nun kommt Herzog als Jury-Präsident nach Berlin (kurz bevor mit "Bad Lieutenant" erstmals wieder ein Herzog-Film in Deutschland startet). Eine Rückkehr, eine Heimholung also. Und Dieter Kosslick - das muss man dem Festivalchef lassen - darf dieses Verdienst für sich in Anspruch nehmen. Immer wieder soll er Herzog eingeladen und gedrungen haben, und auch er verfolgte sein Ziel wie ein klassischer Herzog-Held: unermüdlich.

Kosslick und Herzog, das harmoniert prächtig. Denn nicht nur interessieren sich beide für das abwegiger bekannte, das abwegige, noch zu entdeckende Kino. Beide operieren, wenn auch auf höchst unterschiedliche Weise, als Filmförderer. Kosslick hat dies, als Vorsitzender der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, jahrelang praktiziert; er tut dies aber auch als Berlinale-Chef mit anderen Mitteln weiter: durch die Gründung des Talent Campus, in dem versierte Filmemacher mit dem Nachwuchs ins Gespräch kommen, durch die Gründung des World Cinema Fund, der unterentwickelte Kinonationen fördert (und den mitfinanzierten Filmen auch eine Plattform auf dem Festival bietet). Herzog hätte längst auch einmal zum Talent Campus eingeladen werden müssen. Denn kürzlich erst hat er eine eigene Filmschule ins Leben gerufen. Keine hehre, institutionalisierte Einrichtung. Sondern die Rogue Film School, eine "Schurkenfilmschule" also - für die Filmguerilla von morgen.

Schurke: Den Begriff würde er sofort auch auf sich beziehen. Er fand den Namen so gut, dass er ihn sogar als Markenzeichen eintragen ließ. Und damit will er, da wird er sogar militärisch, ein "guter Soldat des Kinos" werden. Wenn Herzog von seiner Schule erzählt, kommt er ins Schwärmen und bekommt einen ganz verklärten Blick. Das sei wie ein Wanderzirkus. "Ich mache das an unterschiedlichen Lokalitäten in unregelmäßigen Abständen, zwei-, drei Mal im Jahr. Wochenendseminare. Ich miete Konferenzräume in Hotels an, lasse mir von jungen, inspirierenden Filmemachern Filme zuschicken, werde sie selektieren und klein halten. So dass auch wirklich jeder mir Fragen zu seinen Projekten stellen kann."

Und denen bringt er quasi eine Guerilla-Taktik des Drehens bei, wie er sie selbst immer wieder praktiziert hat. Zuletzt etwa in einem seiner drei Filme des Vorjahres: "My Son, my Son, what have ye done?" Für eine Szene daraus drehte er in China, ohne Dreherlaubnis, versteht sich, auf einem riesigen Viehmarkt. Dutzende von Polizisten seien dort positioniert gewesen, mehr noch: "Hunderte von Militärs, man spürte auch, da sind große Spannungen." Nur wenige Wochen später ist dort ein großer Aufstand ausgebrochen, bei dem Hunderte ihr Leben verloren haben. "So etwas", doziert der Herr Filmprofessor, "kann man nur guerilla-style machen. Und wer den Mut nicht hat und diese List gegen einen übermächtigen Apparat an Bürokratie nicht aufbringt, der sollte dann eben nur Studiofilme machen." Keine Frage aber, dass das das Letzte wäre, was Herzog vorschwebt. Und deshalb will er, der große Schurke, die Fackel weiterreichen an viele weitere Schurken: "um ein Klima zu schaffen, unter dem außergewöhnliche Filme entstehen können." Man sieht, der Mann hätte dringend und längst einmal in den Talent Campus der Berlinale eingeladen werden müssen. Nun wird man mit Spannung erwarten dürfen, welche Filme er im Wettbewerb bevorzugt.

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Die Wettbewerbsfilme der Berlinale 2010

Dabei haben ihm Festivals eigentlich nie etwas bedeutet. Das sagte er zumindest vergangenen September, als er - als wohl erster Regisseur auf einem A-Festival - mit gleich zwei Werken im Wettbewerb von Cannes vertreten war. Und das Bewerten, dessen Tätigkeit ihm nun erstmals übertragen wird, sei auch, gesteht er nun ein, ein wenig heikel: "Preise vergibt man am ehesten für einen Zuchtbullen auf der Landwirtschaftsausstellung." Doch im vergangenen Jahr ging der Goldene Bär an "Eine Perle Ewigkeit", einen peruanischen Film, der damit eine Aufmerksamkeit erhielt, die ihm sonst nie zugekommen wäre. "Daher denke ich, dass ein Wettbewerb durchaus einen Sinn hat."

Werner Herzog wird sich also mit größter Wahrscheinlichkeit als ein Präsident ganz im Kosslick'schen Sinne gerieren. Er wird mehr nach Entdeckungen aus Ländern, die kinematografisch nicht so erschlossen sind, Ausschau halten als sich mit klassischer Konfektionsware zu begnügen. Er wird wohl ein besonderes Auge auf die Debütanten richten, als der er selbst einmal auf der Berlinale hervorgegangen ist. Und er ist gleichwohl einer der ganz wenigen Filmemacher dieser Welt, der bei einem Bären nicht sofort an das Filmfestival in Berlin denkt. Hat er doch bei "Grizzly Man", seinem Dokumentarfilm über den Tierschützer Timothy Treadwell, mit echten Bären gearbeitet.

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