Banksy
Ein Phantom zeigt seinen Film auf der Berlinale
Ein Wettbewerbsfilm der Berlinale war bis zuletzt unbekannt. Nun ist die Überraschung da: Der Streetart-Künstler Banksy kommt mit seinem Film - oder auch nur sein Film. Denn Banksy taucht immer nur kurz auf, verschwindet wieder und hinterlässt Kunst. Berlinale-Chef Dieter Kosslick ist erneut ein Coup gelungen.
Von Peter Zander
Ein Star ist gemeinhin jemand, den man auf offener Straße erkennt und für den man auf der Berlinale am roten Teppich friert und bibbert. Das nennt man Celebrity-Kult; und den lieben die einen und hassen die anderen. Die Berlinale hat nun aber den ultimativen Star der anderen Art eruiert: einen, den jeder kennt und doch keiner erkennt. Einer, der seinen Film auf der Berlinale vorstellen wird und womöglich neben seinen größten Fans im Kino sitzt. Und trotzdem werden sie von ihrem Glück nichts wissen. Dann ist Banksy da.
Eigentlich ist ja alles längst bekannt. Die Berlinale hat in den letzten Wochen gefühlt mindestens drei Pressemitteilungen pro Tag in die Welt gesandt. Die Pressekonferenz des Filmfestivals ist da eigentlich nur noch leeres Ritual. So auch am Montag: Da setzten sie sich wieder, alle Leiter sämtlicher Sektionen, und erzählten ein wenig von ihren Programm- und Schwer- und Höhepunkten. Aber es gab nur noch ein einziges Detail, das bis dato noch nicht bekannt gegeben war: der ominöse letzte Beitrag, der in der Wettbewerbsschiene laufen sollte. Bis zum Schluss hoffte so mancher Kinofan noch auf veritable cineastische Offenbarungen: auf Clint Eastwoods Südafrika-Drama "Invictus", obwohl der in den Staaten längst angelaufen ist, oder auf Tim Burtons "Alice im Wunderland", obwohl auch diese Hoffnung dahinschwand, als bekannt wurde, dass Burton beim großen Konkurrenten in Cannes Jurypräsident würde.
Stattdessen stellt nun Banksy einen Film vor, im Wettbewerb, aber außer Konkurrenz. Und da staunen die Cineasten und schauen sich ratlos an. Und auch Festivalleiter Dieter Kosslick musste gestehen, dass er bis vor kurzem keine Ahnung hatte, wer das sei. Aber zurück in den Redaktionen, werden die Filmredakteure von ihren Kunstkollegen mit leuchtenden Augen bedrängt. Die möchten plötzlich auch auf die Berlinale.
Das Festival blickt zurück
Banksy ist ein britischer Straßenkünstler, der für seine Schablonengraffiti bekannt ist. Doch nicht die machen ihn so hip, sondern die Tatsache, dass er auftaucht, seine Kunst hinterlässt und wieder verschwindet. Banksy ist ein Phantom, das macht ihn zum Phänomen. Der Mister Anonymus der Kunstszene hat auch schon ungefragt seine Kunstwerke in Museen aufgehängt, er hat Bücher veröffentlicht. Und jetzt hat er seinen ersten Film gedreht, "Exit Through the Gift Shop", ergo Ausgang durch den Souvenirladen. "Ein Film über einen Mann, der einen Film über mich zu drehen versucht", wie ihn die Berlinale zitiert.
Während die Cineasten von diesem letzten Bonbon vielleicht ein wenig enttäuscht sind, werden sich nun auch Kunstkenner und Graffiti-Freaks für das Filmfestival interessieren. Polizisten vielleicht auch: Auch in Berlin hat Banksy einige Graffitos hinterlassen, für das ihn das Ordnungsamt belangen könnte. Und weil der Mann auf dem Kunstmarkt inzwischen hoch gehandelt wird, könnte dabei viel Geld herausspringen. Ein gelungener Coup jedenfalls, den das Festival da aus dem Ärmel zieht, fast zu vergleichen mit dem vor zwei Jahren, als die Rolling Stones zu Filmstars wurden: Man spricht schon lange nicht mehr nur die Filmfans an, sondern gewinnt so viele unterschiedliche Interessensgruppen wie nur möglich für die Berlinale. Und sind die erst mal da, gibt es genug Programm für jeden Geschmack.
Die ganze Stadt wird Film
Die Berlinale steht erst einmal im Zeichen ihres eigenen Jubiläums. Zur 60. Ausgabe blickt das Festival auf sich selbst zurück, macht sich zum Thema seiner eigenen Retrospektive und versteckt kleine Erinnerungsfilmchen als Intros und Appetitanreger vor den eigentlichen Filmbeiträgen. Mehr Geburtstagsfeier soll’s aber gar nicht sein. Dafür hat man zu viel Neues zu bieten. Allein 392 Filme sind es in diesem Jahr im offiziellen Programm, noch einmal neun mehr als im Rekordjahr 2009 – in 834 Vorführungen (gegenüber 766 im vergangenen Jahr). Eine weitere Steigerung also, die man vor allem mit jenen Kiezkinos hinzugewinnt, mit denen die Berlinale sich nun endgültig krakenartig über die gesamte Stadt ausbreitet.
Einen Teil der Zuschauer wird man in diesem Jahr hingegen nur schätzen können: jenen nämlich, die sich vor dem Brandenburger Tor kostenlos den neu restaurierten Stummfilmklassiker "Metropolis" ansehen. Das Festival als Open-Air-Erlebnis, auch das ein Coup, sämtlichen Wettertiefs zum Trotz. Dass auch das Wahrzeichen der Stadt zur Berlinale-Leinwand wird, gehört zum Kosslick-Kalkül: Die ganze Stadt wird Film. Dass auch die Sektion Forum Expanded sich immer weiter ausdehnt, Kunstperformances ins Programm eingearbeitet werden, lässt das Filmfestival endgültig alle Rahmen sprengen und zu einem Stadtfestival werden.
Selbst die Medienkonkurrenz der gleichzeitig stattfindenden Olympischen Spiele nimmt man da gelassen in Kauf. Nur einem großen Bruder weicht man sicherheitshalber aus. Eigentlich findet das alljährliche Ritual der Berlinale-Pressekonferenz immer am Dienstag, neun Tage vor der Festivaleröffnung statt. Am Dienstag aber werden die Oscar-Nominierungen bekannt gegeben; deshalb hat man den Termin ausnahmsweise um einen Tag vorgezogen.
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