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11.01.10

Berlinale

Berliner Kunsthalle wird zum Auto-Kino

Die Berlinale wird nicht müde, sich neue, immer ungewöhnlichere Örtlichkeiten zu suchen. Gerade erst wurde bekannt, dass die feierliche Aufführung des komplettierten Stummfilmklassikers "Metropolis" auch gratis als Open-Air-Vorführung am Brandenburger Tor übertragen wird. Nun soll auch die Temporäre Kunsthalle am Schloßplatz eingebunden werden.

dpa

10 Bilder

Was bitte macht ein Ford oder ein BMW in der Kunsthalle? Die White Box am Schloßplatz wird demnächst zum Autokino. Popcorn wird knautschen, wir werden es an einem Kiosk in der Ausstellungshalle erwerben können. Phil Collins, Jahrgang 1970, könnte der Sohn des britischen Sängers sein, ist aber Fotograf und Videokünstler aus Glasgow und kam vor einiger Zeit auf die glorreiche Idee, 15 bis 20 Autos, vom Mini bis zum Golf, in die Kunstbox einzustellen. Gebrauchtwagen, versteht sich.

Eine der vier weißen Wände wird als formidable Leinwand fungieren. Jeweils vier Leute können sich in den einzelnen Wagen gemeinsam die Filme anschauen. Das wird eng, und wenn man sich nicht kennt, vielleicht auch etwas merkwürdig. Auf jeden Fall werden die zwei Vordermänner die bessere Sicht haben. Der Sound wird direkt über UKW-Frequenz in die Karossen übertragen. Man sollte sich dringend anmelden, soviel weiche Logenplätze auf den Hintersitzen gibt es schließlich nicht.

Renaissance der alten Kino-Art

Ob man sich für ein Lieblingsgefährt einbuchen kann? Kuscheln im Mini? "Wir machen, was wir können", lacht Kuratorin Angela Rosenberg und bietet gleich die Theorie: "Die Autos bieten so etwas wie private Räume in der großen Halle. Von weitem sehen sie in ihrer Ansammlung aus wie eine städtische Landschaft." Für den Künstler Collins ist diese Installation auf Rädern in gewisser Weise subversiv, denn er hinterfragt die Präsentationsform(en) vom Medium Film. Was ist heute zeitgemäß, wie haben sich die Sehgewohnheiten verändert: Das sind Fragen, die mitschwingen.

Die Berlinale fand diese Auseinandersetzung mit dem Genre, den Spagat zwischen dem klassischen Format und anderen filmischen Praktiken so spannend, dass sie nun mit der Kunsthalle kooperiert. Zwischen Kuppel und Heckfront wird sich das Forum Expanded, das Grenzbereiche auslotet, vom 11. bis 21. Februar mit einer Auswahl von experimentellen Filmen und Videos hier auch auf vier Rädern präsentieren. Hitchcock-Fans erwartet bereits am 4. Februar (ab 21 Uhr) die Nacht der Nächte: Egal ob auf Vorder- oder Rücksitz, mit Thermoskanne oder Proviant, können sie sich von dem Master of Suspense "Psycho" anschauen – in der inzwischen legendären Video-Version des Briten Douglas Gordon, der das Original auf die Länge eines Tages ausdehnte. Mal sehen, wer 24 Stunden durchhält!

Aber ehrlich, wer braucht heute noch so etwas Altmodisches wie ein Autokino? In Zeiten, da man Filme längst auf den Computer und kleinsten iPods herunterlädt? Doch in den USA, so ein Bericht, gibt es derzeit eine regelrechte Renaissance der "passin pitts" (Fallgruben der Leidenschaft), wie die prüden Amerikaner diese moralische Bedrohung in den Fünfzigern bezeichneten. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Die Menschen suchen verbindende Erlebnisse, wollen zugleich Privatsphäre, vielleicht spielt auch etwas Nostalgie mit – perfekt für ein Indoor-Kino in Blech.

Die Kunsthalle geht in den Endspurt – acht Monate bis Ende August bleiben noch, dann weicht sie dem Schloß-Projekt. Was aus dem praktischen Kunstquadrat wird, steht noch in den Sternen. Zieht es weiter im Dienste der Kunst? Davon war einmal die Rede. Es gäbe verschiedene Optionen, heißt es heute, und "Gespräche im In- und Ausland", so gibt Geschäftsführer Benjamin Anders Auskunft.

Ein Fassadenwechsel wird noch zu bestaunen sein, drei Ausstellungen sind noch zu erwarten. Nach "Auto-Kino!" folgt "Squatting", eine Gruppenschau mit 15 Künstlern, die sich dem Thema Erinnerung widmen. Das bietet sich an, an einem historischen und prominenten Platz wie dem Schloßplatz.

Im August ist Schluss

Im ersten Jahr gab es Katzenjammer in der Kunsthalle, nach dem konzeptionellen Neustart – mit freiem Eintritt – läuft es besser. 10.000 Besucher sahen, nein, lauschten Karin Sanders akustischem Berliner Atelier, in dem 566 (!) unsichtbare Künstler ihre Arbeiten und Projekte auf Band verewigten – in den skurrilsten Formen. Sonntag ging diese Schau zu Ende. Die Kunstbox zeigte sich dabei nackt bis auf die weißen Wände, die einzig gerahmt wurden von einzelnen Künstlernamen.

Was hätten die Kunsthallen-Macher besser machen können? "Schwer zu sagen", meint Angela Rosenberg, "Aber jetzt bin ich froh, genau an dem Punkt zu sein, wo wir jetzt sind. Dort wären wir nicht, wenn wir nicht genau diese Erfahrungen gesammelt hätten". Hat sich an der Kunsthalle der oft und häufig beschworene Produktionsstandort Berlin für junge Kunst auch beweisen können? "Ich denke, in den letzten zwei Ausstellungen ist das offensichtlich geworden. Aber das ist kein geschlossener, sondern ein ständiger, offener Prozess", so Rosenberg. "Ich mag den Begriff des Experimentierfeldes, zumal wenn wir kurzfristig agieren. Wir haben versucht, Aktuelles aufzugreifen. Die Kunsthalle ist ein Ort, wo Ideen entstanden sind." Das Autokino ist nur eine davon, und eine ziemlich gute dazu.

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