20.02.13

Berlinale

Eine Jury geht auf Distanz zu ihrem Preisträger

Mit dem Friedensfilmpreis wurde Regisseur Mahdi Fleifel ausgezeichnet. Nun distanzieren sich die Beteiligten - wegen seiner Haltung zu Israel.

Von Igal Avidan
Foto: Reto Klar

Mahdi Fleifel (rote Jacke) nimmt den Friedenspreis für „A World not Ours“ entgegen
Mahdi Fleifel (rote Jacke) nimmt den Friedenspreis für "A World not Ours" entgegen

Die Jury des Friedensfilmpreises der Berlinale, der von der Heinrich-Böll-Stiftung finanziert wird, rückt von seinem eigenen Preisträger ab. Der dänisch-palästinensische Regisseur Mahdi Fleifel hatte den Preis für seinen Dokumentarfilm "A world not ours", ein Film über den Alltag von Palästinensern in einem libanesischen Flüchtlingslager, am Sonntag entgegengenommen. In einer Stellungnahme distanzierte sich Christoph Heubner, Sprecher der Jury, mit Nachdruck von politischen Äußerungen, "die nach dem Beschluss der Jury und der Vergabe des Preises bekannt geworden sind". Heubner, der auch Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees ist, betonte, dass der Regisseur "mit seinen Äußerungen alle Möglichkeiten seines Films, neue Gesprächsebenen zu schaffen, zerstört". Er stellt fest: "Jeder Versuch, Israels Existenzrecht in Frage zu stellen, ist indiskutabel. Jeder Versuch, einen Frieden im Nahen Osten ohne Juden und ohne den Staat Israel zu beschwören, schafft neue Konflikte und Sprachlosigkeiten."

Rückkehrrecht der Palästinenser

In einem Interview mit dem Autor sagte Mahdi Fleifel: "Ich glaube, das Beste wäre es, wenn Israel als nationale Heimat der jüdischen Religion aufhören würde zu existieren." Der Regisseur Fleifel besteht auf das Rückkehrrecht der Palästinenser – nach Israel, nicht in den künftigen Palästinenserstaat. Er akzeptiert die Umfrageergebnisse, wonach die allermeisten Flüchtlinge gar nicht in ihre Heimat zurückkehren wollen, weil sie nicht in einem jüdischen Staat leben wollten. "Aber diese ganze Idee eines jüdischen Staates ist lächerlich", sagt er. "Warum soll ein Staat auf irgendwelche Weise auf Religion basieren? Gott war doch kein Immobilienmakler, der Länder nach der Religion verteilte, sondern die Religion ist eine private Angelegenheit". Fleifel sieht keinen Sinn darin, "dass Juden in den Nahen Osten ziehen, um ein Land mit biblischen Ansprüchen zu kolonialisieren".

Seinen Film nannte Fleifel nach einer Novelle des palästinensischen Schriftstellers Ghassan Kanafani, "der wohl als erster Palästinenser den Nobelpreis für Literatur gewonnen hätte". Die Jury in Oslo hätte aber wohl noch größere Probleme gehabt als die Berliner Jury: Denn Kanafani war auch Pressesprecher der radikalen Palästinensergruppe PFLP, die 1972 hinter dem Blutbad im israelischen Flughafen Lod stand (die Täter gehörten zur Japanischen Roten Armee), bei dem 26 Zivilisten getötet wurden. Er selbst wurde kurz danach in Beirut von einer Autobombe getötet, wohl vom israelischen Mossad.

Die Frage ist nicht, ob der Film an sich sehenswert ist. Denn das ist er allemal. Mit viel Empathie und Humor schildert er das Leben in dem Flüchtlingslager, wo die Menschen bereits in der dritten Generation eng beieinander und ohne jegliche Perspektiven leben. Dem Film gelingt es, Sympathie für Palästinenser in einem Flüchtlingslager zu erzeugen, gerade weil er nicht propagandistisch, sondern menschlich vorgeht. Die Palästinenser sind nicht per se gut, manche Palästinenser foltern oder erschießen andere, die libanesischen Polizisten halten Kontrolle an den Checkpoints und lassen auch den Filmemacher nicht hinein. Die Palästinenser, die außerhalb des Lagers kaum berufliche Perspektiven haben, können von den Freiheiten, die Fleifel als dänischer Staatsbürger genießt, nur träumen. Wenn alle vier Jahre die Welt die WM feiert, wollen vor allem die Jugendlichen in diesem Camp mitjubeln, obwohl sie, wie der Filmtitel sagt, nirgendwo hingehören. Daher hissen sie brasilianische, deutsche und italienische Fahnen auf den Dächern und machen mit.

Und "A world not ours" ist auch ein mutiger Film, weil Fleifel trotz Verbot am Checkpoint der libanesischen Armee, die das Camp umzingelt, heimlich dreht. Er lässt auch den 32-jährigen Abu Iyad in die Kamera hinein die Führung der Fatah, der er jahrelang als Funktionär angehörte, als korrupt bezeichnen, die Hamas kritisieren und den bewaffneten Kampf für die Befreiung Palästinas für gescheitert erklären. "Wir sind staatenlos und daher zählen wir hier nichts", sagt Abu Iyads und flieht anschließend illegal nach Europa. Er wird aber in Athen festgenommen und in den Libanon abgeschoben. Nun hofft Fleifel, dass sein Freund in Berlin Asyl erhält.

Die Frage ist nur, ob der Regisseur ausgerechnet einen Friedensfilmpreis gewinnen sollte. Und hier gibt es bei der Jury augenscheinlich ein Umdenken. So versichert Marianne Wündrich-Brosien, Mitbegründerin des Friedensfilmpreises, dass Fleifels Film ausgezeichnet wurde, weil er der Welt die "Inhumanität des Lagerlebens" vermittelt, wobei "Israel keinesfalls im Vordergrund steht". Nur die Szene, bei der Fleifel erzählt, dass er während seines Besuchs in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem nur an die schlagenden israelischen Soldaten denken konnte, findet sie "nicht zu fassen". Fleifels Äußerungen über eine Welt ohne einen jüdischen Staat für sie "natürlich schlimm" sei. Sie glaubt, dass, wenn die Jury diese Aussagen gekannt hätte, sie Fleifel den Preis nicht verliehen hätten. Diese seien auch kontraproduktiv, wenn man den Film in Israel zeigen will, "denn nach solchen Statements würde doch keiner zur Aufführung kommen".

Monica Chana Puginier, Mitglied der Jury und der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, ist überzeugt, dass die Jury keinesfalls einen Film ausgezeichnet hätte, dessen Regisseur Israels Existenzrecht in Frage stellt. "Einige Jurymitglieder schauten sich den Film erst am Freitagabend an, eilten aber sofort anschließend zu unserer Sitzung über die Preisverleihung, sodass sie diese Äußerung, die auch in der anschließenden Diskussion im Kinosaal fielen, vor der Abstimmung nicht kannten."

Für seinen Film, der auf jahrelange Dreharbeiten beruht, verdient Fleifel Lob. Auch dafür, dass er vor Augen führt, dass ein Frieden nur mit der Lösung des Flüchtlingsproblems möglich wird. Der Film ist "ein Plädoyer für einen neuen Friedensprozess im Nahen Osten", argumentierte die Jury des Friedensfilmpreises die Auszeichnung. Aber nur in einem Nahen Osten mit Israel, betonen sie nun.

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