18.02.13

Berlinale-Sieger

Entweder Minimalismus – oder reiche Eltern

Das Fernsehen ist pleite, das staatliche Geld knapp. Warum gewinnen rumänische Filme trotzdem so viele internationale Preise? Ein Gespräch mit dem Berlinale-Siegerregisseur Călin Peter Netzer.

Foto: dpa /picture alliance

Călin Peter Netzer und seine Produzentin Ada Solomon feiern den Goldenen Bären für „Die Stellung des Kindes“
Călin Peter Netzer und seine Produzentin Ada Solomon feiern den Goldenen Bären für "Die Stellung des Kindes"

Mit dem Film "Stellung des Kindes" hat Regisseur Călin Peter Netzer den Goldenen Bären der Berlinale 2013 erhalten. Der rumänische Regisseur, der mit seinen Eltern als Kind nach Deutschland auswanderte und später nach Rumänien zurückkehrte sprach im Interview über die Situation des Kinos in seinem Land.

Berliner Morgenpost: Sie haben einen ungewöhnlichen Lebenslauf…

Călin Peter Netzer: Ich bin 1975 in Rumänien geboren, 1983 mit meinen Eltern nach Deutschland ausgewandert und 1994 zurück nach Rumänien. Und bin dort geblieben. Meine Eltern leben immer noch in Stuttgart.

Berliner Morgenpost: Warum geht man mit 19 zurück in ein Land, das im Westen keinen guten Ruf hatte?

Netzer: Ich hatte mich nicht gut eingefügt in Deutschland. Von den Freunden, die man als Kind gewinnt, gab es nicht viele in Stuttgart. Meine besten Erinnerungen stammten aus Rumänien, aus Klausenburg, dort hatte ich meine glücklichsten Jahre verlebt. Dorthin wollte ich zurück.

Berliner Morgenpost: Und was waren Ihre Anknüpfungspunkte, als Sie nach Rumänien zurück kehrten?

Netzer: Ich habe angefangen zu studieren, Filmregie in Bukarest. Die Kosten für das Studium waren dort auch geringer. Allerdings habe ich mich auch dort anfangs nicht recht zu Hause gefühlt. Irgendwie lebte ich wie im Niemandsland.

Berliner Morgenpost: Rumänien erschien im Westen nicht sehr attraktiv nach dem Sturz Ceausescus: Armut, Kälte, Bestechung, alte Seilschaften…

Netzer: Das stimmt. Aber auf der anderen Seite gab es Freiheit, die man bis 1989 nicht hatte.

Berliner Morgenpost: Freiheit allein ernährt einen nicht.

Netzer: Freiheit ernährt die Seele. Das war 1990 für die Rumänen extrem wichtig. Ich war vorher zwei- oder dreimal zu Besuch dort, und mir schien alles tut. Kein Licht in den Straßen, jeder war in seiner Wohnung, alles war sehr deprimierend. Doch Anfang der Neunziger gab es eine Aufbruchsstimmung.

Berliner Morgenpost: Hat sich dieser arme Staat eine Filmförderung geleistet?

Netzer: Ja, die gibt es heute noch, und sie ist der wichtigste Finanzier für rumänische Filme.

Berliner Morgenpost: Für wie viele Filme pro Jahr reicht dieses Fördergeld?

Netzer: 2011 und 2012 waren schlechte Jahre, da kamen nur zehn bis zwölf Filme heraus. Vor der Krise waren es rund zwanzig. Dieses Jahr sollen zwischen 30 und 40 Filme fertig werden, fast wie vor der Revolution. Das liegt daran, dass viele Projekte aus den vergangenen Jahren verzögert worden sind.

Berliner Morgenpost: Wie viele Kinosäle gibt es denn?

Netzer: In Bukarest rund Hundert. Die Provinz ist das Problem. Das größere Problem ist aber, dass die ältere Generation daheim vor dem Fernseher sitzen bleibt und die junge daheim vor dem Computer. Und eine Kinoeintrittskarte kostet fast so viel wie in Deutschland, sieben oder acht Euro, was für Rumänien viel Geld ist.

Berliner Morgenpost: Seit dem "Tod des Herrn Lazarescu", der vor acht Jahren eine Nebenreihe in Cannes gewann, staunt das Ausland über die Qualität rumänischer Filme. Wird das daheim zur Kenntnis genommen?

Netzer: Ein normaler rumänischer Film macht in den Kinos rund 10.000 Zuschauer. Cristian Mungius "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage", der die Goldene Palme in Cannes gewann, hatte 75.000. Aber nur, weil er mit dem Film eine Kinotour durch die Provinz gemacht hat. Aber selbst diese Zahl ist für zwanzig Millionen Einwohner lächerlich.

Berliner Morgenpost: In Deutschland gibt das Fernsehen Gelder für Kinofilme…

Netzer: Das gab es in Rumänien auch, bis vor ein oder zwei Jahren. Dann ging das öffentlich-rechtliche Fernsehen pleite.

Berliner Morgenpost: Wo haben Sie das Geld für ihren Film her?

Netzer: Von der staatlichen Förderung und von den Werbeagenturen.

Berliner Morgenpost: Den Werbeagenturen?!

Netzer: Ja, laut Gesetz müssen Werbeagenturen vier Prozent ihrer Media-Einnahmen für Kinofilme zur Verfügung stellen. Aber auch Agenturen zahlen jetzt nicht mehr, weil auch sie die Finanzkrise getroffen hat. Die staatliche Lotterie, von der Fördergelder kamen, zahlt ebenfalls nicht mehr. Es ist extrem schwierig geworden, in Rumänien Filme zu finanzieren. Entweder man macht minimalistische Filme – "Police, Adjective", der auch einen Preis in Cannes gewann – hat nicht viel gekostet. Oder man hat reiche Eltern, wie Corneliu Poromboiu.

Berliner Morgenpost: Das starke rumänische Kino ist von Cannes international entdeckt worden? Warum sind Sie in Berlin gelandet?

Netzer: Mein Film ist im November fertig geworden. Wir haben ihn zum Sundance Festival geschickt und nach Berlin. Sundance hat ihn genommen, und zwei Tage später kam auch die Zusage aus Berlin. Aber die neuen Filme von Cristian Mungiu und Corneliu Poromboiu sollen in Cannes laufen.

Berliner Morgenpost: Der erwachsene Sohn, um den sich in Ihrem Film alles dreht, lebt sehr gut auf Kosten seiner Eltern, deren Wohlstand wohl noch auf Ceausescus Zeiten zurück geht. Gibt es solch eine Schicht reicher junger Nichtstuer?

Netzer: Die gibt es. Solch ein reicher junger Mann, der Sohn eines Magnaten, zählt zu den Finanziers meines Films. Er ist heute, glaube ich, in Berlin Shopping gegangen.

Berliner Morgenpost: Kann man versuchen, solche Leute gezielt für Filmfinanzierung anzubohren?

Netzer: Eher nicht. Was soll ich ihnen bieten, was sie sich nicht kaufen können?

Berliner Morgenpost: Den roten Teppich?

Netzer: Ja, doch, das wäre etwas. Ich verspreche einfach: "Wir gehen über den roten Teppich in Berlin oder Cannes"!

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