16.02.13

Elle s'en va

Catherine Deneuve geht mal eben Zigaretten holen

Emmanuelle Bercot hat den ultimativen Raucherfilm gedreht. Die Deneuve spielt eine Ex-Schönheitskönigin die vor den Ruinen ihres Lebens steht

Foto: © Fidélité

Dieser Film gefährdet ihre Gesundheit: Catherine Deneuve raucht in Emmanuelle Bercots Roadmovie „Elle s‘en va“ eine Zigarette nach der anderen
Dieser Film gefährdet ihre Gesundheit: Catherine Deneuve raucht in Emmanuelle Bercots Roadmovie "Elle s'en va" eine Zigarette nach der anderen

Raucher, also Zigarettenabhängige, soweit wir uns noch an welche erinnern, hatten – war man mit ihnen befreundet – ja diverse Nachteile. Sie mussten ständig unterwegs sein, um einen Ort zum Rauchen zu suchen. Hatten sie einen, redeten sie. Konnten gar kein Ende finden.

Emmanuelle Bercots "Elle s'en va" ist geradezu der idealtypische Raucherfilm. Und das nicht nur, weil Catherine Deneuve darin eine Fluppe nach der anderen durchzieht, dass einem am Ende auch deswegen die Tränen in den Augen stehen.

Sie hat einen Hang zu getigerten Klamotten, schneeleopardgemusterten Hemden und getüpfelten Hosen. Ihre besten Jahre liegen hinter ihr. Mit der Tochter ist sie verstritten, ihrem Enkel ist sie seit Jahren nicht mehr begegnet. Den Mann hat sie an ein Hühnerbein verloren, das sich ihm in der Kehle quergesetzt hat.

Bettie ist dann mal weg

Dem rustikalen Restaurant, das sie führt, ein traditionelles Ding namens "Auberge", geht's mies, obwohl es ordentlich läuft. Ihr – verheirateter – Langzeitlover hat sie für eine 25-Jährige verlassen. Sie wohnt mit ihrer Mutter im Haus, die jeder von uns längst im Hummeraquarium ertränkt hätte, vor dem Bettie gern sitzt und die letzte, naja, die vorletzte, sagen wir, eine der letzten Zigaretten des Tages raucht. Irgendwann, zwischen Abschmecken und Abdecken, sehen wir sie von hinten. Die Schultern sacken kurz ab. Sie setzt sich ins Auto und fährt Zigaretten holen.

Das ist ja ein zutiefst männlicher Raucher-Mythos. Die Geschichten von den Kerlen, die Zigaretten holen fuhren und dann irgendwann von irgendwo in Argentinien anriefen, weil sie da ein neues Leben angefangen hatten, das am Ende aussah, wie das alte, das sie angeblich nicht mehr ausgehalten haben.

Betties Argentinien heißt am Ende Auvergne. Und es wäre – wie für die ganzen Argentinien-Fahrer – besser gewesen, wenn sie da nie angekommen wäre, sondern mit ihrem Mercedes einen kapitalen Motorschaden gehabt hätte in der Mitte des Films.

Vor den Puzzle-Teilen eines Lebens

Wobei man sagen muss, dass Emmanuelle Bercot schon in ihrem prinzipiell hinreißenden Pariser Ausländer-Polizeifilm "Polisse" (in Deutschland hieß er "Poliezei") ein Problem mit der Erzählökonomie und mit dem Kitsch hatte. Jetzt will sie die Geschichte einer Frau am Rand des Rentenalters erzählen, die auf ihr Leben blickt und nur noch unzusammenhängende Puzzleteile vorfindet.

Eigentlich die archetypische Berlinale-2013-Geschichte, Bettie ist in ihrer Geschichte vielleicht schon allein, in diesem Wettbewerb aber nicht. Leider ist Bercot – wie schon Alexander Payne bei "The Descendants" – deutlich harmoniesüchtiger, als es das Leben für gewöhnlich ist. Das macht "Elle s'en va" am Ende ärgerlich.

Dabei geht es erstmal schön los. Die Kamera umarmt Catherine Deneuve, folgt ihr, kreist um sie. Emmanuelle Bercot hat der Diva, die hier keine ist, sondern eine die höchstens nach den Resten ihrer Divenhaftigkeit sucht, ihr die Rolle um gelegt wie eine Stola. Die zu Bettie nicht so richtig passen täte.

Die Miss Bretagne von 1969 findet ins Glück

Denn die ist eine bemerkenswert durchschnittliche Frau mit Geschichte. Hängengeblieben in ihrem Kaff in der Bretagne. Eigentlich war ihr Leben mit 19 zu Ende. Da war sie Miss Bretagne. Und sie hätte es nach Paris geschafft, sie wäre Miss France 1969 geworden, wenn da nicht ein Unfall passiert wäre. Sie fuhr nicht nach Paris. Jetzt hockt sie bei den Hummern und raucht.

Bis sie fährt. Verzweifelt. Die Kamera schaut ihr ins Gesicht. Lange fährt sie im Kreisverkehr einfach im Kreis. Bis sie eine Ausfahrt nimmt. Egal welche. Und dann beginnt ein Roadmovie zu Rauchwaren. Sie schnorrt einen alten Bauern an. Der dreht ihr eine mit weißwurstdicken Fingern, sie wird ganz kiebig, weil's so lange dauert, er erzählt ihr die Geschichte der Liebe seines Lebens.

Dann gerät sie in ein Dorf-Dart-Turnier, trinkt schwer, raucht, sitzt mit einer herrlichen rosa Perücke in der Kneipe, raucht, liegt mit einem Mann im Bett, der ihr Sohn sein könnte. So hätte sich Episode an Episode reihen können. Schön gespielt, traurig, hoffnungsfroh. Bettie hätte auch ihren Enkel zur Betreuung abholen können und das Treffen der gealterten Schönheiten, die Wiedervereinigung der französischen Miss' von 1969 hätte sie mitnehmen können. Wäre ein feiner Schluss geworden.

Aber Emmanuelle Bercot treibt sie weiter. Der nächsten Zigarette zu. Und einem Schluss, der auf der zehnstelligen "The Descendants"-Skala für verlogene Familienfilmfinale kriegt eine satte Neun bekommt.

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