16.02.13

Berlinale-Kolumne

In Spielfilmlänge auf den Mount Everest

"Berlinale Goes Kiez" kann schon anstrengend werden. Wenn man mit dem Rad vom Potsdamer Platz nach Potsdam radelt. Man erlebt aber einiges.

Von Elmar Krekeler
Foto: Massimo Rodari

So sieht’s bald wieder aus auf dem Weg nach Potsdam. Radler im Frühling am Griebnitzsee
So sieht's bald wieder aus auf dem Weg nach Potsdam. Radler im Frühling am Griebnitzsee

Kann man von einem zwanzig Jahre alten Film mit einem zwanzig Jahre toten Hauptdarsteller, der in der Atomtestzone der USA spielt, komplett verstrahlt werden? So, dass man auf sehr dusselige Gedanken kommt?

Muss wohl so sein. Sonst säße ich nach George Sluizers "Dark Blood" nicht hier. Auf meinem zwanzig Jahre alten schwarzen Rad, untrainiert und – wie erwähnt – schlecht durch den Winter gekommen. Mit Schal, Mütze und dicken Socken unterwegs nach Potsdam.

Potsdam! Das wiederum hat nichts mit Verstrahlung zu tun, sondern mit Dieter Kosslick. Obwohl. Ist der nicht auch vielleicht... Egal. Jedenfalls hat der die Reihe Berlinale Goes Kiez gegründet. Da wird heute Bille Augusts "Nachtzug nach Lissabon" im Thalia Kino in Potsdam gegeben. Das ist das am weitesten vom Potsdamer Platz entfernte Kino. 23,8 Kilometer, so mein Handy, zu Fuß vier Stunden 57 Minuten. Ich hab zwei Stunden eingeplant.

Geht ganz schön zäh zum Ku'damm

Das schaff ich nie. Leider. Es fühlt sich schon am Landwehrkanal zäh an. Bille muss wohl ohne mich losfahren. Soll ja kein Verlust sein. Nicht denken, empfiehlt das Plakat an der Schaubühne. Soll helfen. Kann ich aber nicht. Ich denk halt. Über den Wettbewerb, den Kosslick-Dieter, meine Lieblingsfilme.

Obwohl, so allmählich bekomm ich den Tunnelblick. Und verpasse eine Abzweigung. Komme mir vor wie Catherine Deneuve. Die hat als Bettie in "Elle s'en va" auch von Orientierung keine Ahnung. Übrigens: Hat irgendwer behauptet, es gäbe keine Berge in Berlin? Bullshit.

Hätte ich jetzt den rasanten Caddy-Wagen der beiden Lesben aus "Vic & Flo", ich würde ihn sofort nehmen. Hinterm Bahnhof Grunewald elend lang und am Wald entlang. Wenn ich vom Weg abkomme, ist's aus mit dem Rad. Da seh ich Bärenfallen blinken. Auf der Leinwand sind die ja okay, um den eigenen Knöchel – vielen Dank.

Die Kälte kriecht durchs Gebein

Es wird dunkel. Die Kälte kriecht durchs Gebein. Aber hab ich da nicht eben Vögel zwitschern gehört? Im Abgang der Luft im Rachen ist Frühling. Kann aber auch Verstrahlung sein.

Licht an, wir sind am Wannsee. Will ich Bille August gucken? Bin ich verrückt? Hinter Kleists Grab kommt mir ein rotes Kreuz entgegen, mit 'ner Frau dran. Ob das ein Aschermittwochritual sei, das ich nicht kenne, frag ich. Sie erschrickt.

Ist kein Kreuz, sondern ein X und als solches ein Utensil für einen Workshop. Sechs Kilometer noch. Es tut weh. Verfranse mich Deneuvesk. Kohlhasenbrück! Das ich da mal nachts rumradel. Danke, Dieter Kosslick.

Hoffentlich sterb ich nicht auf dem Rückweg

In Spielfilmlänge geschafft. Fühle mich wie George Mallory 1924 auf dem Gipfel des Everest. Ich fahr gleich zurück. Mit der S-Bahn. Meine Füße sind taub, mein Mantel durch, und ich rieche, wie Kino 9 nach zehn Tagen.

Hauptsache mir geht's nicht wie Mallory. Der ist abgestürzt auf dem Rückweg. Wurde erst 75 Jahre später gefunden. Wenn ich mich morgen nicht melden sollte, könnten Sie dann…? Danke.

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