16.02.13

Berlinale

Andreas Dresen und sein harter Job als Juror

Am Abend werden die Berlinale-Bären verliehen. Der Berliner Filmemacher Andreas Dresen ist Juror. Morgenpost sprach mit ihm über sein Amt.

Von Peter Zander
Foto: dpa

„Ich hätte mir das krasser vorgestellt“: Andreas Dresen ist der deutsche Teilnehmer in der Internationalen Jury der Berlinale, neben u.a. Wong Kar-wai und Tim Robbins
"Ich hätte mir das krasser vorgestellt": Andreas Dresen ist der deutsche Teilnehmer in der Internationalen Jury der Berlinale, neben u.a. Wong Kar-wai und Tim Robbins

Am Freitag war ihr großer Tag. Nachdem der letzte Wettbewerbsfilm gelaufen ist, setzte sich die siebenköpfige Internationale Jury um Präsident Wong Kar-wai zusammen, um über die Vergabe der Goldenen und Silbernen Bären zu entscheiden, die am Samstagabend verliehen werden. Die Berliner Morgenpost hat vorab mit einem der sieben Juroren, dem Berliner Filmemacher Andreas Dresen, über sein Berlinale-Amt gesprochen.

Berliner Morgenpost: Was war Ihre erste Reaktion auf das Angebot, in die Jury aufgenommen zu werden?

Ich habe sofort ja gesagt. Das ist eine große Ehre, finde ich. Das ist eines der größten Filmfestivals der Welt, es sind mit die wichtigsten Preise, die in der Branchevergeben werden. Man hat mit vielen tollen Leuten zu tun und kann zehn Tage lang am Stücknonstopp Filme gucken. Und wird auch noch königlich behandelt udn muss sich nicht für Tickets anstellen. Das ist ein Supergeschenk. Ich hätte gern ein Dauerabo, ich mach das gern jedes Jahr.

Aber mal ganz ehrlich: Drei Filme pro Tag - schwächelt man da nicht irgendwann?

Iwo. Ich habe schon Berlinalen gehabt, bei denen habe ich 40 Filme gesehen. Diesmal sinds nur so Mitte 20, weil ich außer dem Wettbewerb nicht mehr viel schaue. Es bleibt ja nicht viel Zeit, weil wir zwischendurch viel reden miteinander. Und man braucht auch mal eine Stunde Ruhe für sich, um das alles sacken zu lassen. Da hat sich mein Plan, zwischendurch noch ganz viel anderes zu gucken, nicht so ganz erfüllt. Ich bin gerade so in einem totalen Tunnel, das ist aber auch mal gut. Obwohl - einen negativen Aspekt gibt es für mich, das muss ich wirklich sagen.

Nämlich?

Die Hälfte des Festivalvergnügens ist eigentlich die Kommunikation mit Kollegen über das, was man gesehen hat. Ich treffe hier so viele Kollegen, und dann darfst du mit denen nicht über die Filme reden. Das fällt mir echt schwer. Da kommt man sich wie ein Schauspieler vor, wenn man mit möglichst ausdruckslosem Gesicht dastehen muss. Klar, das muss so sein, es hören sonst ja immer Dritte mit. Und okay, dafür darf ich mit Wong Kar-wai darüber reden, das hat ja auch nicht jeder. Aber das nimmt mir ein bisschen vom Vergnügen. Dass das nur im inneren Zirkel bleiben darf, fällt mir schwer. Zumal wir uns ja auch nicht danach darüber äußern dürfen. Das werde ich nächstes Jahr wirklich genießen, wenn ich wieder aus dem Kino komme und reden darf.

Sie sind ganz fleißig. Sie sitzen immer als erster im Kino. Wong Kar-wai dagegen kommt oft eine Viertelstunde zu spät. Tim Robbins fängt jetzt auch schon an. Was machen die denn immer, dass die so verschlafen?

Das müssen Sie sie selber fragen. Wong Kar-wai hat natürlich auch ganz viele Termine für seinen Film gemacht und macht auch sonst viel Business. Das ist etwas, was mir nicht so liegt. So Empfänge abends, das brauch ich nicht. Ich geh da höchstens mal auf einen Absacker hin. Und der Rote Teppich ist mir ein Gräuel – ich schlüpfe lieber zur Seitentür rein. Aber man muss auch sagen: Wir gucken nicht alle Filme gemeinsam, weil jeder einen eigenen Stundenplan hat. Es ist natürlich schöner, wenn alle zusammen sitzen. Abends, bei der Hauptvorstellung, um auch zu merken, wie das Publikum reagiert. Manche Filme schauen wir auch ganz allein, in separaten Vorstellungen. Dass eine Jury alle Filme unter den gleichen Bedingungen sichtet, das schafft vermutlich kein Festival, auch nicht Cannes.

Sie dürfen ja nichts Inhaltliches verraten. Aber wie oft besprechen Sie sich?

Sehr oft. Wong Kar-wai hat gleich am Anfang gesagt, er möchte nach jedem Film sofort reden. Das klappt nicht immer, aus den genannten Gründen. Aber meistens setzen wir uns nach einem Film auf eine halbe Stunde zusammen, jeder formuliert seinen ersten Eindruck. Und dann treffen wir uns im Schnitt alle zwei, drei Tage zu einer längeren Sitzung. Da gab es schon richtig lange Diskussionen über einzelne Filme, und das ist sehr sorgfältig, geht sehr tief. Und macht viel Spaß. Weil das alles Leute sind, von denen man lernen kann, auch wie sie über Filme denken. Ich habe ja schon in einigen Jurys auf kleineren Festivals gesessen, aber auf einem so hohen Niveau hab ich's noch nie erlebt.

Und wie macht sich Wong Kar-wai als Stammeshäuptling?

Super. Asiatisch ausgeglichen. Sehr charmant. Sehr lustig. Er leitet die Sitzungen mit einer großen Ruhe. Und er hat anfangs eine Devise ausgegeben, die ich echt schön fand: Wir sollen nicht vergessen, das wir Filme loben. Wir sollen bitte versuchen, zuerst das zu sagen, was uns gefallen hat. Es ist nicht unsere Aufgabe, mit der Axt an die Filme zu gehen. Wir sollen Filme auszeichnen, nicht vernichten.

Streiten Sie sich auch mal?

Ja. Na klar. Nicht in dem Sinne, dass da Türen knallen. Das ist sehr moderat, mit großer Achtung und gegenseitigem Respekt. Aber wenn so viele verschiedene Persönlichkeiten aus so unterschiedlichen Ländern und Bereichen des Berufs zusammen kommen, ist es doch ganz klar, dass wir nicht immer einer Meinung sind. Da gibt es schon ganz grundsätzliche Divergenzen, aber das bleibt alles im Rahmen. Wir mögen uns alle sehr, das ist erstaunlich harmonisch. Das hätte ich nicht erwartet, ich hätte mir das krasser vorgestellt. Vielleicht kommt's zur Endrunde doch noch hart auf hart, glaube ich aber nicht. Und das liegt ganz wesentlich an Wong Kar-wai, der so eine ausgeglichene, moderate Art hat.

Schauen Sie als Regisseur vor allem auf die Inszenierung - oder wollen Sie wie ein ganz "normaler", unschuldiger Zuschauer urteilen?

Ich setze mich erst einmal wie ein ganz normaler Zuschauer dahin und will mich von einem Film verführen lassen. Erst in zweiter Linie gucke ich analytisch, Ich bin total empfänglich, wenn mich ein Film erreicht, dann sitze ich auch als Juror im Kino und weine. Oder lache. Deshalb finde ich die Publikumsvorstellung ganz wichtig. Es ist viel schöner, ein Gefühl mit 2000 Leuten zu teilen. Wenn es einen nicht so rührt, dann fängt man eher an sich zu fragen, woran das vielleicht liegt. Man langweilt sich, und dann gehen die Gedanken spazieren. Und fängt an darüber zu grübeln, warum das hier nicht funktioniert.

Sie sind ja seit kurzem auch Schöffe im Verfassungsgericht von Brandenburg. Gibt es bei der Urteilsfindung Parallelen zu Ihrer Jury-Tätigkeit?

Naja, ich habe da erst eine Sitzung mitgemacht, im Januar. Kommenden Freitag ist die nächste. Es ist insofern schon etwas Anderes, als wir hier in der Filmjury über etwas urteilen, was schwer zu beurteilen ist. Wir reden hier über Filme. Und der eine mag Currywurst und der andere Salat. Das ist auf jeden Fall ein ganz subjektives Urteil, es gibt da keine endgültige Wahrheit. Dessen sind wir uns auch bewusst, deshalb versuchen wir so gut wie möglich alle Aspekte eines Films zu beurteilen. Aber letztendlich gehen wir alle nur als Zuschauer da rein, mit unserem ganz persönlichen Sachverstand. Wenn hier eine andere Jury, würde sie sicher anz anders urteilen. Das ist ein streng subjekiv geprägtesmuss Urteil, was dann in gewisser Weise auch ungerecht sein muss. Hoffentlich auf hohem Niveau. Beim Verfassungsgericht gibt es schon objektive Kriterien, nach denen man bewerten kann, ob die Verfassungsklage eines Bürgers etwa über die Verletzung eines Grundrechtes statthaft ist oder nicht. Ich knie mich da übrigens unheimlich rein und ackere auch die ganzen Akten durch. Ich hätte nie gedacht, dass man dabei so viel lernt. Man schaut wie durch ein Fenster, , in die verschiedenen Aspekte eines Landes, mit denen man so nicht viel zu tun hat. Und ich glaube auch, es gibt auch Fälle, wo man etws bewegen kann durch ein Urteil, wo man etwas verändern kann. Insofern ist das eine echte Bereicherung für mich.

Sie haben auf der Berlinale 2002 den Großen Preis der Jury für "Halbe Treppe" bekommen. Hat der Preis jetzt im Nachhinein an Bedeutung für Sie gewonnen, nachdem Sie jetzt wissen, wie so ein Jury-Urteil zustande kommt?

Ja. Muss ich wirklich sagen. Darüber habe ich in den vergangenen Tagen öfter nachgedacht. Damals war das auch schon toll, wir hatten überhaupt nicht damit gerechnet bei einem so experimentellen Film. ABer wenn ich jetzt sehe, was das für eien Dynamik ist in einer Jury, wie Entscheidungsprozesse laufen… Und es war halt der gorße Preis der Jury, das list schon der zweitwichtigste PReis. Wenn wir jetzt innerhalb der Jury sprechen, hat der fast denselben Stellenwert wie der Goldenen Bär. Das ist mir jetzt erst so richtig klar geworden.

Letzte Frage: Was machen Sie am Sonntag, wenn alles vorbei ist? Endlich ausschlafen?

Ich fahre nach Potsdam zurück. Und werde am Montag, das habe ich absichtlich organisiert, eine Nachtschicht mitmache im Tagebau Welzow-Süd, wo ich für einen Dokumentarfilm recherchiere. Ich glaube, das ist genau das Richtige, um wieder in das richtige, wahre Leben hinein und runter zu kommen. Weg vom reproduzierten Leben hin in die Realität, weg vom roten Teppich rein in den Schlamm. Ich glaube, das wird mir auch ganz gut tun. Nach zehn, zwölf Tagen muss man auch mal wieder einkaufen gehen und all die Dinge tun, die zum Alltag gehören.

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