15.02.13

Berlinale

Celeste und Jesse – Liebe geht durchs Portemonnaie

Erich Mühsam erklärte das Geheimnis des Kinos einmal so: "Beim Happy-End, wird jewöhnlich abjeblend". Der Film "Celeste & Jesse" beginnt da, wo andere Liebesfilme aufhören: am Ende der Beziehung.

Von Lisa Goldmann
Foto: dpa

Celeste (Rashida Jones) und Andy Samberg (Jesse) bleiben nach ihrer Beziehung erst mal Freunde
Celeste (Rashida Jones) und Andy Samberg (Jesse) bleiben nach ihrer Beziehung erst mal Freunde

Die Liebe, sagen Psychologen, entwickelt sich auf drei Ebenen: körperliche Leidenschaft, emotionale Intimität und kognitive Bindung, also die bewusste Entscheidung für einen Partner.

Celeste und Jesse, inzwischen in ihren Dreißigern, sind seit der Highschool ein Paar. Nach dem College haben sie geheiratet, sie sind zusammen erwachsen geworden. Vielleicht ist die Leidenschaft etwas abgeflaut, verschwunden ist sie nicht. An emotionaler Intimität mangelt es ganz sicher nicht, sie sind beste Freunde und teilen alles miteinander – vor allem ihren schrägen Humor, zu dem es gehört, sich im Restaurant in einem gefakten deutschen Akzent über die Speisekarte zu unterhalten.

Es ist die dritte, kognitive Ebene, auf der es offenbar ein Problem gibt: Celeste hat beschlossen, Jesse ist nicht der Richtige für sie. Und so beginnt "Celeste & Jesse" da, wo die meisten anderen Liebesfilme längst aufgehört haben zu erzählen: am Ende der Beziehung.

In einer Zeit, in der Menschen aus einem grenzenlos scheinenden Pool an potenziellen Partnern auswählen können, werden die Ansprüche immer größer und die Kompromisse, die man einzugehen bereit ist, immer kleiner. "Der Vater meiner Kinder soll ein Auto und ein eigenes Bankkonto haben", formuliert Celeste ihren Anspruch ganz rational, ganz ökonomisch. Und damit ist Jesse, ein freiberuflicher Künstler, der auf seine erste eigene Ausstellung eher wartet, als dass er sie forciert, raus aus dem Partner-Pool.

Geschichte mit episodenhafter Struktur

Hauptdarstellerin Rashida Jones hat das Drehbuch zu "Celeste & Jesse" zusammen mit ihrem Kumpel und Ex-Freund Will McCormack geschrieben und die Celeste, die sie entwickelt hat, ist nicht unbedingt die größte Sympathieträgerin. Dafür hält die sich für ein bisschen zu klug und unfehlbar. Celeste führt eine Marketing-Agentur mit ihrem schwulen Partner Scott (Elijah Wood) und schreibt als Trendforscherin Bücher.

Eine nette Ironie: Celeste kann alle Trends um sie herum zielsicher bestimmen, nur in sich hineinhören, das kann sie nicht besonders gut. Der Plan, mit Jesse befreundet zu bleiben, ihn weiterhin jeden Tag zu sehen und nebenbei einfach nach einem neuen, besseren Partner zu suchen, geht natürlich nicht auf. Es ist das alte Spiel aus Nähe und Abstand. Als Jesse noch an Celeste hängt, ermutigt sie ihn, andere Frauen zu treffen. Sobald er sich zu sehr von ihr entfernt, zweifelt sie an ihrer Entscheidung.

Celeste ist kühl und rechthaberisch und Andy Samberg kommt als Jesse nicht über die Rolle des süßen Chaoten hinaus. Das sorgt dafür, dass der Zuschauer sich nicht für eine Seite entscheiden muss, sondern die Probleme der beiden in Ruhe reflektieren kann.

Ist Celeste nicht schrecklich brutal in ihrer ökonomischen Entscheidung? Reicht das, was die beiden da haben, nicht für eine glückliche Ehe? Aber was bringt es, ein Leben miteinander zu verbringen, wenn beide so unterschiedliche Vorstellungen vom Leben haben? Die Fragen nach Liebe, Freundschaft, Beständigkeit, die der Film aufwirft, sind zuweilen interessanter als die Umsetzung.

Denn wie seine Protagonistin hält sich auch der Film selbst für klüger, als er ist. Die selbstreferentiellen Witze von Celestes Kollegen Scott über seine Rolle als schwuler Sidekick zünden nicht ganz und die Geschichte verliert sich zu sehr in ihrer episodenhaften Struktur. Eine Aneinanderreihung schief gelaufener Dates – vom selbstverliebten Model zum sexuellen Totalversager – hat man im Kino inzwischen zu oft gesehen, wenn auch schon schlechter inszeniert als hier. Aber allein dass es einen Film gibt, der all diese Fragen stellt, ist in einer Welt, in der von der Liebe immer noch erwartet wird, dass sie alle Hindernisse überwindet, verdammt viel wert.

Quelle: DCM
09.02.13 2:01 min.
Celeste (Rashida Jones) und Jesse (Andy Samberg) waren verheiratet. Obwohl sie sich getrennt haben, sind sie die meiste Zeit zusammen. Sie können einfach keinen endgültigen Schlussstrich ziehen.
© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
20 Berlinale-Fakten

Kuriositäten, mit denen Sie bei Filmfans mitreden können »

Video Nachrichten mehr
Rücktritt So arm, aber sexy war die Zeit mit Wowereit
"11. September" Wowereit verspricht sich bei Rücktrittsankündigung
Hauptstadt So denken die Berliner über Wowereits Rücktritt
Tödliche Krankheit Ärzte zuversichtlich bei Ebola-Fall in Hamburg
Top Bildershows mehr
Bürgermeister-Karriere

Klaus Wowereit und der Abstieg vom Gipfel

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Reichen-Recherche

Über Geld spricht man nicht

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote