14.02.13

"Shoah"-Regisseur

"Goldener Bär" für Claude Lanzmanns Lebenswerk

Mit "Shoah" schuf Lanzmann ein Zeugnis über den NS-Völkermord an den europäischen Juden. Die Berlinale ehrt den Regisseur für sein Lebenswerk.

Quelle: DWTV
13.02.13 6:18 min.
Claude Lanzmanns zutiefst bewegende, neunstündige Dokumentation über den Holocaust "Shoah" ist ein Meilenstein der Filmgeschichte. Für sein Lebenswerk erhält der Franzose nun den Goldenen Ehrenbären.

Mit dem Dokumentarfilm "Shoah" hat sich Claude Lanzmann (87) in das Gedächtnis der Menschheit eingeschrieben. Neuneinhalb Stunden ließ der französisch-jüdische Filmemacher Opfer und Täter des Holocaust zu Wort kommen – ein beklemmendes Zeugnis über Gewalt, Antisemitismus und alle Formen von Unmenschlichkeit.

Nicht nur für diesen Film wurde Lanzmann weltweit gefeiert. Am Donnerstagabend bekam er für sein Lebenswerk den Goldenen Ehrenbären der Berlinale. Festivalchef Dieter Kosslick überreichte dem 87-Jährigen den Preis, "Es ist ein großer Abend für Sie und für uns alle", sagte Kosslick.

Bei dem Festival stellte Lanzmann erstmals die restaurierte und digitalisierte Version seines Meisterwerks "Shoah" (1985) vor. Zwölf Jahre hatte er an diesem Film gearbeitet, zwölf Jahre voller Widerstände und Hindernisse. Er sprach mit Überlebenden und Tätern, besuchte die Orte des Schreckens. Das unermessliche Grauen des Völkermords lebt allein durch diese Erinnerung wieder auf. Alte KZ-Bilder oder -Filme kommen nicht vor.

Eine Befreiung für die Deutschen

"Als ich an "Shoah" arbeitete, habe ich gedacht, der Film könnte eine Befreiung für die Deutschen sein, er könnte ihnen helfen, sich ihrer eigenen Geschichte zu stellen", so der Regisseur.

Dass dies gelungen ist, zeigt seiner Ansicht nach die Präsentation seines Films "Sobibor" (2001) bei der Preisverleihung, in dem es um die erfolgreiche Revolte jüdischer Gefangener in einem NS-Vernichtungslager auf dem Gebiet des damals von deutschen Truppen besetzten Polens geht. "Das heißt, sie zeigen einen Film, in dem Juden Deutsche töten", sagte er. "Das hat Klasse, das hat Stil. Ich empfinde das als eine brüderliche Geste. Wir sind quitt."

Schon mehrfach hat der Filmemacher erzählt, dass auch er Deutsche getötet hat. 1925 in Paris als Kind einer assimilierten jüdischen Mittelstandsfamilie geboren, kämpfte er als junger Partisan in der Résistance gegen die deutschen Besatzer. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs studierte er in Frankreich und Deutschland Philosophie. 1948/49 kam er als Dozent an die damals gerade erst gegründete Freie Universität im Westteil Berlins.

Enge Zusammenarbeit mit Sartre und de Beauvoir

In den 1950er Jahren arbeitete er als Journalist eng mit Jean-Paul Sartre (1905-1980) und Simone de Beauvoir (1908-1986) zusammen. Noch heute gibt er die von Sartre gegründete Zeitschrift "Les Temps Modernes" heraus. Mit Simone de Beauvoir hatte er – widerwillig akzeptiert von Sartre – jahrelang ein Verhältnis. In den 1970er Jahren war er mit der deutschen Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff verheiratet.

Antisemitische Tendenzen nach den Studentenrevolten 1968 führten ihn zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Israel und dem Völkermord an den Juden. 1972 entstand sein erster Dokumentarfilm "Warum Israel". Nach "Shoah" folgte 1995 "Tsahal", der wegen seiner rückhaltlosen Begeisterung für das israelische Militär jedoch auch auf Kritik stieß. Auf die Frage, ob er Frankreich oder Israel als seine Heimat ansehe, antwortete er einmal: "Meine Heimat ist mein Film."

Die 63. Internationalen Filmfestspiele Berlin widmen Lanzmann neben dem Ehrenbären eine Hommage mit seinen Filmen. Dass er auch im Alter noch die Eitelkeit pflegt, die seine Lebenserinnerungen "Der patagonische Hase" durchzog, machte er am Mittwoch bei einem Podiumsgespräch deutlich. Nach dem Unterschied der Aufführung von "Shoah" vor fast 30 Jahren und heute befragt, antwortete er knapp: "Heute bin ich ein Star."

Der Live-Blog zur Berlinale - Lesen Sie bei der Berliner Morgenpost mit, wer über den roten Teppich schreitet.

Quelle: dpa/anni
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