14.02.13

Berlinale

"Night Train to Lisbon" wird zur großen Star-Schmonzette

Die Bestseller-Verfilmung "Night Train to Lisbon" setzt auf bekannte Namen und große Bilder. Dennoch lässt einen der Film seltsam unberührt.

Von Peter Zander
Foto: dpa

Am Bahnsteig: Martina Gedeck und Jeremy Irons in „Night Train to Lisbon“
Am Bahnsteig: Martina Gedeck und Jeremy Irons in "Night Train to Lisbon"

Ach, diese Lateinlehrer. Sitzen abends zu Hause bei einem Glas Wein und spielen mit sich selbst Schach. Wenn sie eine Frau auf der Brücke vor dem Springen bewahren, nehmen sie sie nicht etwa mit nach Hause oder in ein Café, sondern in ihren Unterricht. Und wenn diese Frau dann wegläuft, sucht man nicht etwa nach ihr, sondern liest das Buch, das sie zurückgelassen hat.

Und fährt dann auch nicht wegen dieser Frau nach Lissabon, wo sie herkam, sondern wegen des Buches. Und dessen unbekanntem Autor. Oder sind hier gar nicht die Lateinlehrer schuld? Sondern die Buchautoren, die sich so etwas ausdenken? Ach, diese Schriftsteller.

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Wir müssen an dieser Stelle einmal vorausschicken, dass wir Pascal Merciers Roman "Nachtzug nach Lissabon" gleich mehrmals geschenkt bekommen haben. Und mehrmals zu lesen begonnen, aber dann immer wieder aufgegeben haben.

Wir haben es sogar, im vergangenen Jahr, bei unserem ersten Lissabon-Urlaub mit eingepackt, haben es aber auch da wieder nicht zu Ende gelesen – und einfach dort liegen lassen.

Hinterher erzählten uns mehrere Bekannte, dass es ihnen ganz ähnlich ergangen sei. Merciers Roman ist ein Bestseller, vielleicht ist es das meistverschenkte, meistverkaufte meist ungelesene Buch der vergangenen Jahre. Einer zumindest hat durchgehalten: der Filmemacher Bille August.

"Night Train to Lisbon" ähnelt "Geisterhaus"

Bille August ist spezialisiert auf Star- und auf Bestseller-Kino. Eine Bestselleradaption gilt als Nummer Sicher, ein Starfilm tut dies auch, ein Bille-August-Film ist die Nummer Supersicher.

Heiteres Star-Erraten, das bietet seine "Night Train to Lisbon"-Adaption. Und ist die Rolle noch so klein, guckt mal kurz ein Filmstar rein. Bille August hat vor genau 20 Jahren Isabel Allendes "Geisterhaus" verfilmt.

Und Merciers Buch ist so etwas wie das "Geisterhaus" auf portugiesisch. Es spielt fast zur gleichen Zeit, 1974 statt 1973, in einer anderen Diktatur, nicht während des Militärputsches in Chile, sondern unter Salazar in Portugal. Aber wieder ist es die Liebe eines Revolutionärs, die die Story in Gang hält. Und wieder spielt Jeremy Irons die Hauptrolle. So viele Déjà-vus: "Night Train to Lisbon" könnte man fast als "Geisterhaus 2" bezeichnen.

Die Geister stecken diesmal jedoch nicht in einem Haus, sondern in dem Buch dieses Amadeu de Prado, eines Arztes und Revolutionärs, der sich als Schriftsteller versucht hat, aber allzu früh kurz vor der Nelkenrevolution gestorben ist. Sein Buch nimmt den Schweizer Lateinlehrer Jeremy Irons derart in Beschlag, das er alles stehen und liegen lässt, selbst die Schüler in seiner Klasse, und, ohne auch nur einen Koffer zu packen, in den titelgebenden Nachtzug steigt.

Um alles über den Mann zu erfahren, der hinter diesen Zeilen steckt. Alle, die Amadeu gekannt haben und die der Lehrer nun aufsucht, scheinen aber etwas zu verbergen zu haben: die Schwester des Toten (Charlotte Rampling), der Pater, der ihn gelehrt hat (Christopher Lee), der Revolutionär, der an seiner Seite gekämpft hat (Tom Courtenay), ja selbst dessen einst bester Freund (Bruno Ganz), der dem Lehrer nicht nur jegliche Aussage, sondern auch ein Schachspiel verwehrt.

Rückblende in der Bruno Ganz wie August Diehl aussieht

Bern im Regen ist natürlich allemal trister als Lissabon. Das sagen die Festivalbekannten aus Cannes oder Venedig auch über die Berlinale. Und kaum dort angekommen, werden natürlich alle wichtigen Touristenbilder der portugiesischen Hauptstadt in Postkartenbildern abgehakt, vom Castelo de Sao Jorge über den Ponte de Abril bis zu der Anhöhe zur Basílica di Superga mit der unvermeidlichen Tram-Linie. Alles Bilder, die wir vergangenes Jahr auch geschossen haben.

Der Lateinlehrer aber hat gar kein Auge für die Schönheit der Metropole. Sondern nur für die Poesie der Vergangenheit. Und so hebt der Roman und der Film zu einem komplizierten Wechselspiel an zwischen Rahmenhandlung, in der der Lehrer auf Recherche geht, und Rückblende, in der Bruno Ganz wie August Diehl aussieht und sein Mädchen (Mélanie Laurent) an seinen besten Freund (Jack Huston) verliert.

Der wiederum kommt als Arzt in seine größte Gewissensnot, als eines Nachts der Schlächter von Lissabon höchstselbst, der finsterste aller Geheimdienstler, der all seine Freunde gnadenlos verfolgt, halbtot in seine Praxis gebracht wird. Der Arzt hilft natürlich – und wird fortan vom Volk als "Verräter" verhöhnt.

Revolution mit Zuckerguss

"Der wirkliche Regisseur unseres Lebens ist der Zufall", lautet eine der Zeilen, die dieser Amadeu de Prado in seinem Buch geschrieben hat. Daran hält sich der Filmregisseur Bille August indes keinen Augenblick. Dem Zufall bleibt hier nichts überlassen. Große, satt ausgeleuchtete Cinemascope-Bilder allenthalben, große Namen in kleinsten Parts, Klaviermusik, wann immer es romantisch, Violinen, wenn es dramatisch, und Trompeten, wenn es traurig wird.

Und doch: Beide Geschichten lassen einen seltsam unberührt. Die Rahmenhandlung, weil hier nur Gewesenes erzählt wird, die Rückblende, weil sie nur das Gesagte bebildert. Beide Handlungsstränge nehmen sich gegenseitig die Kraft. Das war schon eine Schwäche des Buchs (so weit, wie wir es gelesen haben), aber das Erzählen kann in einem zu einem eigenen Element werden, im Film ist es mehr eine Notklammer.

Weil uns das Gehörte gezeigt und das Gezeigte gesagt, also alles überdeutlich vermittelt wird, hören wir nicht mehr so genau hin. Und gucken lieber auf Kleinigkeiten, die uns ärgern. Dass der Herr Lehrer keinen Koffer mitnimmt, aber seinem Handy nie der Strom ausgeht, zum Beispiel. Oder dass die deutschen Schauspieler wie Martina Gedeck und Burghart Klaußner, die wegen der Beteiligung von Studio Hamburg auch noch hier auftreten, alle Englisch mit starkem, aber eben nicht portugiesischem Akzent sprechen. Das kommt uns spanisch vor.

Und wenn der Lateinlehrer am Ende gar die Revolutionäre um ihr Leben beneidet – sie lebten zwar in einer Diktatur, lebten aber starke Gefühle – , möchte man dem Weltfremden zur Strafe am liebsten schütteln. Oder 20 Lateinübersetzungen aufbrummen.

Auf den Straßen von Lissabon geht Jeremy Irons recht früh die Brille zu Bruch. Martina Gedeck verpasst ihm als Augenärztin nicht nur ein neues Gestell, sondern auch einen neuen Blick auf die Welt. Auch das ist eine Metapher, die im Film viel aufdringlicher wirkt als im Buch. Bille August aber hat dem Stoff seine Brille aufgedrückt. Er kann halt nicht anders, er muss alles mit großem Zuckergusskitsch überziehen. Das ist bei Liebesgeschichten okay, bei Revolutionsgeschichten aber doch immer ein wenig geschmacklos.

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