12.02.13

Berlinale-Filmkritk

"Side Effects" - ein Film mit Risiken und Nebenwirkungen

Gefängsnis und Depressionen: Oscar-Gewinner Soderbergh bewirbt sich mit seinem Pharmathriller "Side Effects" um einen der begehrten Bären.

Von Peter Zander
Foto: REUTERS

Die Schauspieler Jude Law (l.) und Rooney Mara mit Regisseur Steven Soderbergh bei der Vorstellung von „Side Effects“
Die Schauspieler Jude Law (l.) und Rooney Mara mit Regisseur Steven Soderbergh bei der Vorstellung von "Side Effects"

Schon wieder ein Autocrash im Wettbewerb! Der Verkehrsunfall löst eindeutig die Bärenfallen der ersten Tage ab. Diesmal entsteht der Blechschaden aber unter Vorsatz, getreu eines alten Berlinale-Sieger-Films wird er buchstäblich gegen die Wand gefahren. Die junge Fahrerin ist wohl nicht ganz bei Trost.

Sie hat sich auch sonst schon verhaltensauffällig gezeigt. Also behandelt man sie, wie man so was in den USA behandelt. Mit Pillen. Antidepressiva. Hat ja irgendwie jeder dort. Und jeder empfiehlt auch eine Sorte, die garantiert hilft. Nur nicht die, die der Arzt verschreibt. Sie wird immer unruhiger. Immer abwesender. Und eines Tages rammt Emily ihrem Mann ein Messer in den Bauch. Und auch in den Rücken. Und dann geht sie schlafen. Und kann sich an nichts erinnern.

Regelmäßig wird Soderbergh seines Berufs überdrüssig

Steven Soderbergh geht es vielleicht ein wenig wie seiner Hauptfigur. Er leidet an depressionsähnlichen Schüben. Jedenfalls was das Drehen angeht. Immer wieder gibt der Regisseur bekannt, dass er keine Filme mehr drehen will.

Nur um dann doch wieder gleich zwei neue Titel anzukündigen. Der Katastrophenfilm "Contagion" sollte sein endgültiger Abschied sein, dann kamen aber "Haywire" und der Stripper-Film "Magic Mike" (beide mit Channing Tatum, der jetzt mit dem Messer im Rücken tot in der Stube liegt).

Regelmäßig wird Herr Soderbergh seines Berufs überdrüssig. Und macht dann doch weiter. Jetzt hat er mit "Side Effects" so etwas wie ein neues Filmgenre gegründet: den Depressionsthriller. Ein Thriller, der von Depressionen handelt. Aber selbst unter Tranquilizern, Beruhigungsmitteln steht, um bloß nicht zu spannend, zu aufgekratzt zu sein.

Bei Nebenwirkungen fragen Sie den Regisseur

"Side Effects": ein hübscher Titel. Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Apotheker oder Regisseur. Emily (Roony Mara, die Lisbeth Salander aus dem "Verblendung"-Remake) wird schon bald schuldunfähig gesprochen, sie hat ja Pillen geschluckt. Aber wer hat dann Schuld?

Statt auf den naheliegenden Gedanken zu kommen, die Pharma-Industrie anzugehen, gerät jetzt der Arzt unter Verdacht, der ihr das Mittel verschrieben hat. Eine Zeit lang scheint der Film zu einer großen Kritik auf die Medikamentenlobby anzusetzen. Der arme Arzt – mit dem wir schon deshalb mitleiden, weil er von Jude Law gespielt wird –, verliert schon bald seine Reputation, seine Stelle, seine Familie. Kurz sieht es sogar so aus, als ob da eine große Intrige gesponnen wurde, denn jetzt, da das eine Medikament so öffentlich in Misskredit steht, wird ein anderes umso besser abgesetzt.

Am Ende nur ein Krimi

Aber am Ende ist "Side Effects" dann doch nur ein Agatha-Christie-Krimi: Die unwahrscheinlichste Lösung ist die richtige. Zugegeben, wenn Catherine Zeta-Jones nur in einer Nebenrolle mitwirkt, noch dazu hinter einer dicken Brille versteckt, kann etwas nicht stimmen.

Kein Mensch würde Zeta-Jones nur als frühere Therapeutin der Mörderin besetzen, wenn da nicht noch was kommen würde. Und da kommt denn auch was: nach Isabelle Hupperts "Nonnen"-Auftritt eine neuerliche lesbische Verführerin.

Die Frauen sind mal wieder an allem Schuld. Aber die Männer rücken ihre Welt wieder gerade. Emily kommt schließlich doch in die Klapsmühle, die lesbische Rädelsführerin hinter Gittern. Und der Arzt darf seiner Patientin am Ende wieder Pillen verschreiben. Das soll eine finstere Pointe sein. Ist aber nur ein schaler Witz.

Der Pharma-Industrie wird der Film nicht weiter weh tun. Soderbergh auch nicht. Er will weiterhin mit seinem Beruf aufhören. Und hat doch schon den nächsten Film abgedreht.

Termine Friedrichstadtpalast, 16.2., 20.30 Uhr und 17.2., 23 Uhr; Haus der Festspiele, heute, 19 Uhr

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