12.02.13

Die Nonne

Berlinale-Star Isabelle Huppert überrascht sich selbst

Frankreichs Diva Isabelle Huppert spricht im Interview mit der Berliner Morgenpost über Kirche, Kino und lesbische Küsse.

Foto: AFP

Ihre Kirche ist das Kino: Isabelle Huppert bei der Berlinale-Premiere der „Nonne“
Ihre Kirche ist das Kino: Isabelle Huppert bei der Berlinale-Premiere der "Nonne"

Kein Star ist wohl häufiger zu Gast auf einem der großen A-Filmfestivals als Isabelle Huppert: Cannes, Venedig, Berlin - Sie ist mindestens auf zweien der drei im Jahr. Die Berlinale beehrt sie diesmal mit einem Historienfilm. Sie ist da erst nach 70 Minuten zu sehen, überrascht dafür als lesbische Mutter Oberin in "Die Nonne".

Berliner Morgenpost: Wie viel Mut hat die Rolle gefordert?

Isabelle Huppert: Ich sehe in dieser Rolle kein Risiko. Ich habe ganz intuitiv versucht, etwas hinter die Fassade dieses Parts zu schauen. Eine homosexuelle Nonne, die ein Mädchen bedrängt, kann schnell zur Karikatur verkommen. Man hat sofort bestimmte Bilder im Kopf, dagegen wollte ich mich stellen. Ich wollte nur eine unschuldige verliebte Person darstellen. Sie gerät im Grunde unschuldig da hinein. Genauso wie ich als Schauspielerin unschuldig und naiv an diese Rolle heranging. Ich wusste nicht, wie ich es machen will, ich wusste nur, dass ich es machen will.

Und dann haben Sie sich von sich selbst überraschen lassen?

Genau. Ich halte das eigentlich immer für einen guten Zugang. Man sollte sich nicht zu sehr vorbereiten, sollte nicht zu reflektiert an etwas herangehen. Das Leben ist auch so. Jede neue Situation, jede neue Begegnung, jeder neue Blick auf etwas Bekanntes kann eine Überraschung sein, wenn man es zulässt. Und das versuche ich auch in der Schauspielerei. Ich lasse mich überraschen und versuche von meinen Rollen überrascht zu sein.

Sie spielen das erste Mal eine lesbische Frau. Wie sehr hat sie das überrascht?

Ich habe es auf mich zukommen lassen. Anstatt mir Fragen zu stellen, auf die ich keine Antworten bekommen hätte, habe ich es auf die natürlichste Art gemacht, die ich mir vorstellen konnte. Ob lesbisch oder nicht, es ist doch einfach nur, dass man jemanden anschaut und ihn küssen möchte. Das ist mein liebster Moment im Film, wenn sie zu diesem Mädchen "Küss mich!" sagt. Sie ist einfach verliebt.

Haben Sie sich Jacques Rivettes' Verfilmung dieses Stoffs von 1966 angeschaut?

Nein, wollte ich nicht. Auch, um mir das Gefühl der Überraschung zu bewahren.

Rivettes Film wurde von der Kirche als Affront beschimpft. Das wird jetzt nicht passieren. Sehen sie den Film überhaupt als Kommentar zu Religion und Kirche?

Nicht nur zur Religion, würde ich sagen. Der Film erzählt davon, wie eine gegebene Struktur einem Individuum ihre Gesetze und Regeln aufzwängen will. Das kann Religion sein; davon gibt es auch heute noch genügend Überbleibsel, selbst in der aufgeklärteren Welt. Aber es gibt ja auch genügend andere weltliche Kollektive, die so etwas machen.

Macht es einen Unterschied, ob Sie in einem historischen Film oder bei einer modernen Geschichte vor der Kamera stehen?

Nein, nicht wirklich. Natürlich gibt es Unterschiede. Hier hatte ich die Nonnenkluft an und habe mich in einem Kloster und im 18. Jahrhundert bewegt, aber in diesem Rahmen versuche ich mich so natürlich wie möglich zu bewegen. Ich möchte nicht durch das Kostüm, die Ausstattung oder das Wissen um diese Zeit definiert sein, sondern einfach nur dadurch, was ich spiele. Letztlich, auch wenn sich das komisch anhört, will ich einfach nur ich sein in der Geschichte.

Dann kommen wir doch mal zu Ihnen. Wurden Sie selbst religiös erzogen?

Ja. Sehr.

Und sind sie heute noch religiös?

Nicht wirklich. Ich würde mich nicht als gläubig bezeichnen. Meine Religion ist das Kino, obwohl das Kino dafür eigentlich zu 'frei' ist. Aber ich liebe meine Arbeit und das Kino so sehr, dass es mir einen tatsächlichen und spirituellen Sinn im Leben gibt.

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