12.02.13

Kulinarisches Kino

Wenn Sex und Muscheln aufeinandertreffen

Zuerst imitiert Isabella Rossellini tierisches Paarungsverhalten, dann geht es um Muscheln - und um Köche, deren Lebensmittelpunkt sie sind.

Von Frédéric Schwilden
Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Passen zum Film: Nach der Premiere werden - natürlich - Muscheln gereicht
Passen zum Film: Nach der Premiere werden - natürlich - Muscheln gereicht

"Als kleine Vorspeise überraschen wir Sie jetzt mit einem Porno. Den Kindern können sie ja die Augen zuhalten", beginnt Thomas Struck, Leiter des Kulinarischen Kinos, den Abend im Keller vom Martin-Gropius-Bau. Da wird natürlich ordentlich gelacht, wenn so ein 70-jähriger Mann, der in seinem grauen Anzug mit den weißen Streifen wie ein verliebter Literaturprofessor auf die Bühne watschelt und dann was von "Porno" erzählt.

Durch kreisrunde Brillengläser sein Lächeln nicht verbergend, blickt er in die belustigten Gesichter. Etwa 200 Gäste haben sich an diesem Sonntag gegen den "Tatort" und für eine Dokumentation über Muscheln und für ein Drei-Gänge-Menü von Zwei-Sterne-Koch Nils Henkel entschieden.

Aber zuerst zum Film. Der Appetizer-Porno ist ehrlich betrachtet gar keiner. Letztendlich sieht man dort nur eine burschikose Frau in Tierkostümen. Isabella Rossellini hatte sich dieses Format "Green Porno" ausgedacht. Und jetzt taucht sie als männlicher Tiefseefisch durch das Dunkel. Der männliche Fisch ist dabei viel kleiner als das Weibchen und das Weibchen hat so einen Leuchtebommel vorne dran.

Im nächsten Moment steckt Rossellini als Männchen komplett im Weibchen drin, wirklich mit dem ganzen Körper, und Rossellini sagt, sie sei jetzt die Samenbank vom Weibchen. Und natürlich lachen da alle noch mehr als beim Einführungssatz von Struck. Aber Rossellinis Aussage ist tatsächlich wahr. Natürlich sind das fantastische Spinnereien, die Kostüme und all das. Diese Fischart aber vermehrt sich wirklich so.

Nie sah der Tod so schön aus

Schon schweinisch, dieser Abend, der eigentlich kulinarischer Natur sein soll. In der Muscheldoku "L'Amour des Moules" geht es schon wieder um Sex. Und zwar darum, dass Muscheln gar keinen richtigen Sex haben, weil sie sich dabei gar nicht berühren.

Natürlich ist das aber auch wieder eine Finte. Willemiek Kluijfhout, die Regisseurin, erzählt in verschiedenen kleineren Episode die Geschichten von Menschen, deren Lebensmittelpunkt die Miesmuschel ist.

Da ist zum Beispiel der holländische Koch Sergio Herman, dessen Vater in der kleinen Stadt Sluis eine Kneipe betrieb, in der diese großen dampfenden Muscheltöpfe auf den Tisch kommen. Wie er die Muscheln früher gehasst hat, glaubt man erst, als Herman das in die Kamera sagt. Jetzt er ist einer von ganz wenigen Drei-Sterne-Köchen weltweit.

Die Töpfe gibt es nicht mehr. Aber die Muscheln werden mit einer Pinzette mit Kräutern gespickt Sein Vater ist krank. Die Muscheln muss er immer in riesigen Bottichen hin und her schütteln, um sie zu reinigen. Dadurch ist die Schulter des Vaters kaputt gegangen. "Aber wenn man so will, habe ich den Erfolg den Muscheln meines Vaters zu verdanken", sagt Herman.

Laufende Muscheln und Frauen mit Pelz

"L' Amour des Moules" endet mit einem Massaker. Mehre Muscheln werden bei lebendigem Leibe in kochendes Wasser geschmissen. Noch nie sah der Tod so schön aus. Ein blubberndes Ballett fragiler Sauerstoffblasen, die aus den Schalen der Meerestiere als letzter Atemzug nach oben steigen.

Atmen Muscheln überhaupt? Interessant ist es auf jeden Fall, dass Muscheln männlich und weiblich sind und dass sie beim Verzehr etwa drei Jahre alt sind. Ach ja, Muscheln können laufen.

Der Film ist vorbei. Das Kino leert sich und schräg über die Straße in so ein Spiegelzelt flanierend, geht es zum Abendessen. Erst jetzt bemerkt man, wie fantastisch alle aussehen. Da stolzieren Frauen auf bedenklich hohen Absätzen mit Mustern, mit goldenen Schuhen, und blendendem Schmuck um den Hals.

Bei ihren Männern haben sie sich eingehakt, als es durch die Kälte geht. Pelz, Pelz und Hüte. Ein unbezahlbarer Anblick, dieser Umzug zu später Stunde. Es ist zehn nach neun.

Akkordeonklänge und "drei verliebte Muscheln"

Die Gesellschaft tritt in das Zelt. Das Personal geleitet die Gäste zu Tisch, während ein Akkordeonspieler die Titelmelodie des Films spielt. Und wenig später beißen wir in "Drei verliebte Muscheln", das Amuse am Tisch. Eine schmeckt nach Mandarine, die andere wird von einer Garnele begleitet und die dritte ist ganz pur.

Mit dem Manager der New Yorker Gruppe "The Hold Steady" lässt sich bei einem 2011er Riesling "Kirchenstück" von Markus Schneider vortrefflich über neue Berliner Musikbeauftragte debattieren. Schon irre, dass jede Gala-Veranstaltung inzwischen einen dieser Schneider-Weine hat. Der Pfälzer hat es irgendwann mal geschafft, auf einer Sylter Weinveranstaltung gut anzukommen. Seitdem wird der überall getrunken.

Wie der Nils Henkel diesen Saibling wohl so zart hinbekommen hat? Wirklich jeder am Tisch will das genau wissen. Da ist ein kreisrundes Stück Saibling auf dem Teller. Ein paar Muscheln aus Zeeland liegen daneben. Confierter Fenchel und Gnocchi runden das Ganze ab. Aber der Fisch. Henkel erklärt es dann sogar später. Gräten raus, geräuchert und bei 40 Grad glasig gegart.

Zigaretten von Hannelore Elsner rauchen und kichern

Nach dem Essen gibt es eine Gesprächsrunde. Von der Chefredakteurin des Magazins "Der Feinschmecker" moderiert, stellen sich die Regisseurin, die Produzentin und der Sterne-Koch den Fragen. Obwohl es eher kühl ist im Spiegelzelt – eine gemeinsame Tischschätzung ergibt etwa 18 Grad als vermutete Temperatur –, wedelt sich die Chefredakteurin mit einem Fächer die ganze Zeit Luft durch die graublonden Locken. Und sie redet auch wieder von Sex, und dass sie ja auch sehr lachen musste beim Film.

Um kurz vor zwölf raucht Hannelore Elsner eine Zigarette. Sie steht so im Zwischengang, zwischen Eingangstür und zweiter Tür ins Zelt. Sie gibt einem jungen Mann eine Zigarette. Rote Gauloises. Und zwei Mädchen sehen das. Die fragen, ob sie auch mal von Hannelores Zigarette ziehen dürfen. Dann kichern sie.

Dieter Kosslick schaut auch noch rein. Mit einem roten Schal und seinem Hut erinnert er an irgendeinen SPD-Politiker von früher. Aber die Mädchen wissen das nicht. Kosslick begrüßt die beiden. Und er fasst den jungen Mann an der Schulter, schaut ihm tief ins Gesicht und sagt dann: "Na Junge, alles frisch?" Draußen ist es kalt, ein einziges Taxi wartet auf die restlichen Gäste.

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