12.02.13

Berlinale

"Before Midnight" schließt Linklaters Liebes-Trilogie ab

Sie sind wieder da. Ethan Hawke und Julie Delpy erzählen den dritten Teil einer Geschichte, die vor fast 20 Jahren ihren Anfang nahm.

Von Elmar Krekeler
Foto: picture alliance / abaca/picture alliance

Filmpremiere: Julie Delpy und Ethan Hawke auf dem roten Teppich der Berlinale
Filmpremiere: Julie Delpy und Ethan Hawke auf dem roten Teppich der Berlinale

Eigentlich hatten wir das ja gar nicht sehen wollen. Und sind nun so glücklich, dass wir es sehen durften. Weil es warm da war, bei Richard Linklaters "Before Midnight" in Griechenland, weil es Sommer war. Vor allem weil es sehr wahr war. Und es mehr Menschen angeht, als, sagen wir, ein Kung-Fu-Film. Das war jetzt gemein. Und bedarf einer längeren Vorrede, Entschuldigung.

Es ist die gar nicht geheime Grundregel einer großen Liebesgeschichte, dass sich der Vorhang über sie senken sollte, wenn das Paar sich in die Arme sinkt. Und zwar endgültig. Liebesgeschichten sollten keine Serie werden. Gegen die Grundregel hat Richard Linklater nun schon zum zweiten Mal verstoßen.

Denn wir hatten ja schon gar nicht wissen wollen, ob Jesse (Ehtan Hawke) und Céline (Julie Delpy), die großen Liebenden der Generation X, sich je wieder getroffen haben nach dieser einen magischen Nacht in Wien. Vor 18 Jahren waren sie gegangen und hatten geredet, hatten sich ihr Leben erzählt, sich ineinander erzählt und in eine große Liebe.

Drei Mal auf der Berlinale

"Before Sunrise" hieß der Film, in dem Linklater scheinbar nichts weiter getan hatte, als seine Kamera diesen Twentysomethings auf dem Weg unter die ganz großen Liebenden der Geschichte zu folgen. Auf der Berlinale 1995 bekam er den Silbernen Bären dafür. Ob Jesse – wie abgemacht – ein halbes Jahr später wieder in Wien sein würde, war so egal, wie die Frage, was aus Julia und Romeo geworden wäre, wenn sie die blöden Vögel nicht verwechselt hätten. Vorhang.

Neun Jahre später sahen wir sie dann trotzdem wieder. "Before Sunset" hieß der Film. Und er lief wieder auf der Berlinale. Jesse hatte aus der Nacht in Wien einen Roman gemacht, einen Roman wie eine Suchmeldung. Céline hatte sie gelesen. Sie trafen sich in Paris. Sie, die Öko-Feministin mit dem Hang zum Zickigen.

Er, der große Junge mit dem gebrochenen Herzen, der auf eine blutige Trennung zusteuerte, wie sie Ethan Hawke zu der Zeit gerade hinter sich hatte. Und sie gingen wieder. Sie hatten bis zum Sonnenuntergang. Bis Jesse am Flieger sein musste. Sie redeten und gingen und redeten und gingen.

Drehbuch aus dem Leben der Hauptdarsteller zusammengetragen

Ein schöner langsamer Walzer legte sich unter ihre Füße. Sie hatten neun Jahre ihres Lebens einzuholen. Und wieder redeten sie sich ineinander. Älter geworden, scharfkantiger in den Charakteren. Irgendwann kamen sie bei Céline an. Und sie legte Nina Simones "Just in Time" auf. Vorhang.

Sie hatten ihre Chance. Die eine große Liebe große Liebe bleiben zu lassen. Auf die Gefahr hin, dass sie alles bestenfalls zweitligatauglich erscheinen zu lassen, was ihnen anschließend begegnet. Oder sie dem großen Belastungstest namens Alltag auszusetzen. Wir hätten es ihnen ja gern erspart.

Richard Linklater, Julie Delpy und Ethan Hawke, die wieder zu dritt und aus ihrem Leben das Drehbuch zusammengetragen haben, tun es nicht. Sie kennen keine Gnade. Die Sache mit Céline und Jesse wird zur Doku-Serie.

Sechs Wochen im Haus eines berühmten Schriftstellers

Vorhang auf zum Gemetzel. Neun Jahre später. Die Familie war sechs Wochen im Gästehaus eines berühmten Schriftstellers. Jesse, Céline, ihre Zwillingsmädchen, Jesses 13-jähriger Sohn Henry. Der muss zurück zur Mutter nach Chicago. Sie stehen am Flughafen.

Eine herzzerreißende Szene, die erste von vielen herzzereißend wahren Szenen, spielt sich ab. Jesse buhlt um die Liebe seines Sohnes, hat er gar nicht nötig. Er will sein, was er nicht sein kann, ein ganz normaler Vater. Er faselt, er knufft. Es ist zum Weinen, aber so ist es, genaus so.

Langsamer Walzer ins Hotel

Dann fahren Céline und Jesse zurück über den Peloponnes. Die Zwillinge schlafen. Tempelreste huschen vorbei, die wollten sie eigentlich den Kindern zeigen. Sie scherzen. Sie reden. Das tut ihnen in Innenräumen nie gut. In Innenräumen schraubt sie ihr Reden nicht in-, sondern immer auseinander.

Er will näher bei Henry sein, sie will einen vernünftigen Job haben. Die Waffen werden gezeigt, mit denen sie eine gute Stunde später aufeinander losgehen. Sie streiten. "Wann kommen endlich die Ruinen", fragen die Zwillinge.

Dialoge, die beim Zuhören wehtun

Nicht viel hat sich verändert in den 18 Jahren mit Jesse und Céline. Auch "Before midnight" ist ein Konversationsstück. Die Konzentration auf Jesse und Céline wird gelockert. Es wird trotzdem unfassbar viel geredet. Über Romanprojekte und das System der Liebe in Zeiten des Internets, Männer und Frauen. Mit Kollegen und Freunden. Die schenken ihnen eine Nacht im Hotel. Allein, zum ersten Mal seit langem ohne Kinder.

Handelte "Before Sunrise" vom Verlieben und "Before Sunset" von der Liebe, handelt "Before Midnight" vom Leben, Verleben und Entlieben. Delpy, Hawke und Linklater packen alle Probleme der zeitgenössischen Elternschaft im postfeministischen Patchworkzeitalter in Dialoge, die beim Zuhören weh tun und die zu führen man Jesse und Céline so gern erspart hätte.

Wenn sie gehen und reden in dieser warmen, duftenden Landschaft, ist alles gut. Sie kommen sich näher, sie nehmen sich an der Hand. Der langsame Walzer ist wieder da. Man wünscht ihnen, sie könnten immer weiter gehen. Aber sie müssen in dieses verdammte Hotelzimmer. Vorhang.

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