10.02.13

Berlinale-Filmkritik

Max Riemelt als schwuler Polizist abseits üblicher Klischees

Im Film "Freier Fall", Sektion "Perspektive Deutsches Kino", ist Jungstar Riemelt als schwuler Polizist zu sehen. Er hat damit kein Problem.

Foto: Amin Akhtar

Will gern unberechenbar sein: Max Riemelt beim Italiener um die Ecke
Will gern unberechenbar sein: Max Riemelt beim Italiener um die Ecke

Zwei junge Polizeikollegen beim Lauftraining im Wald, irgendwo in der südwestdeutschen Provinz. Sie kennen sich erst seit ein paar Tagen, machen gemeinsam eine Fortbildung.

Sie verschnaufen kurz, plötzlich küsst einer den anderen. Und überrumpelt ihn nicht nur mit seiner forschen Anmache, sondern bringt bald auch dessen gut eingerichtetes Leben mit schwangerer Freundin und Eigenheimneubau durcheinander.

Der da im Drama "Freier Fall" - der in der Perspektive Deutsches Kino läuft – seinen Kollegen so ungeniert angräbt, wird von Max Riemelt gespielt, einer der bekanntesten deutschen Jungstars, den man aus "Die Welle" kennt und der Polizeiserie "Im Angesicht des Verbrechens".

Viele seiner Kollegen hätten diese Rolle nicht mit spitzen Fingern angefasst. Den gebürtigen Berliner hat gerade das gereizt, wie er im Gespräch beim Italiener verrät. "Ich habe nicht lange überlegt. Mir war klar, ich muss unbedingt mal einen Schwulen spielen." Er grinst kurz über das fragende Stirnrunzeln seines Gegenübers. "Mich reizen Rollen, die möglichst weit weg von meinem Leben sind, ich will Leute überraschen."

Alles über die 63. Berlinale lesen Sie in unserem Special.

Er und Filmpartner Hanno Koffler spielen dieses Liebespaar sehr realistisch, abseits üblicher Klischees. Die beiden kennen sich schon von anderen Filmdrehs, das half. "Ich könnte mir schlecht vorstellen, einen fremden Mann zu küssen und dann auch noch glaubhaft verliebt zu spielen", glaubt der 29-Jährige.

Als Vorbereitung hat er sich mit einem hochrangigen Polizisten unterhalten. "Das war interessant. Er definiert sich im Beruf nicht über sein Schwulsein, viele seiner Untergebenen wissen nichts davon. So habe ich meine Figur dann auch verstanden: er trennt diese Welten." Riemelt vermutet, dass er in einem solchem Umfeld voller Angst nicht leben könnte. Dabei ist nicht nur bei der Polizei Homosexualität noch ein Problem, auch Schauspieler scheuen das Coming-Out. "Da habe ich auch schon krasse Geschichten gehört, wie sich Kollegen verleugnen, weil es schlecht zum Image passen soll. Das hat mit der Filmindustrie zu tun und den PR-Agenten, die sagen, wie man sich am besten verkauft."

Was würde er Kollegen raten? "Das kann ich gar nicht. Ich steck' in meiner Haut, ich weiß, was ich brauche, um klar zu kommen." Er will sich auch nicht jedem offenbaren müssen aus irgendeinem Profitgedanken heraus: "Ich habe weder ein gesteigertes Mitteilungsbedürfnis, noch muss ich dauernd erkannt werden. Ich will am liebsten nicht greifbar sein." Deshalb möchte er auch gar keine Grenzen benennen, die er nicht überschreiten würde, sondern lieber "durch Unberechenbarkeit überzeugen".

Jedes Jahr dabei

Auf der Berlinale ist er jedes Jahr dabei, logo, am liebsten mit einem eigenen Film. "Sonst fühle ich mich da nicht so wohl, weil es wie auf einem großen Geburtstag ist, wo man viele Gesichter kennt, aber einem nicht immer gleich einfällt, woher. Und das gibt dann peinliche Momente." Auf dem einen oder anderen Empfang wird er sich aber doch blicken lassen.

Seine freie Zeit verbringt er mit seiner kleinen Tochter und macht viel Sport. "Ich trainiere Kickboxen, das strukturiert meinen Alltag. Dieses Stück Normalität ist mir sehr wichtig, um mich nicht nur über den Beruf zu definieren. Ich brauche die Ruhe, auch zum Reflektieren." Er sei nicht mehr ganz so diszipliniert wie früher. "Aber ich weiß, was ich will und wie ich es kriege." Er muss wieder grinsen: "Auch wenn ich dann nicht immer so konsequent bin, es durchzuziehen."

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