08.02.13

Berlinale

In Rusadzes Film erkrankt der Postkommunismus an Alzheimer

Der Eröffnungsfilm der Panorama-Sektion "A fold in my blanket" zeigt ein Miniaturbild des modernen Georgiens, doch es fehlt an Aussagekraft.

Von Inga Pylypchuk
Foto: Zaza Rusadze, Berlinale

Im Panorama-Film „A Fold in My Blanket“ will Dimitrij (r.) aus dem langweiligen Alltag ausbrechen. Einmal gelingt es ihm, seinen Bekannten Andrej zu einem Ausflug zu überreden
Im Panorama-Film "A Fold in My Blanket" will Dimitrij (r.) aus dem langweiligen Alltag ausbrechen. Einmal gelingt es ihm, seinen Bekannten Andrej zu einem Ausflug zu überreden

Die an Alzheimer erkrankte Irina kann ihren Diamantring nicht mehr finden. Sie glaubt, ihr Schwager habe sie bestohlen. Doch als sie nach einem Unfall im Krankenhaus landet, findet der Arzt das gesuchte Schmuckstück in ihrem Kopf.

Obwohl Irina nur eine Nebenrolle im Film des Georgiers Zaza Rusadze "A Fold in My Blanket" ("Die Falte auf meiner Decke") spielt, verkörpert sie wohl am deutlichsten den Konflikt der postsowjetischen Realität. Die Frau glaubt, sich an bestimmte Ereignisse der Vergangenheit erinnern zu können, doch kaum etwas davon kann sie in der Gegenwart gebrauchen. Mit der Gegenwart kommt sie einfach nicht klar.

Der junge Dimitrij, der gerade nach dem Studium aus dem Ausland zurückkommt, fühlt sich in der Realität auch unwohl. Er versucht aus dem Alltag auszubrechen, indem er einsame Kletter-Exkursionen unternimmt. Höher als die anderen will er gelangen.

Und dann trifft er Andrej, den Sohn einer befreundeten Familie. In ihm sieht Dimitrij seine Hoffnung verkörpert. Dimitrij will Andrej näher kommen. Doch dieser sucht den Ausbruch lediglich im Alkoholrausch. "Was willst du von mir?", fragt er Dimitrij nur. Diese Frage bleibt ohne Antwort, so wie viele andere im Film.

Abstrakte Bilder, konkrete Symbole

Zaza Rusadze neigt zu abstrakten, surrealen Bildern, und doch sind seine Symbole sehr konkret. In Dimitrij lässt sich sein eigenes Alter-Ego erkennen, das eines ehrgeizigen jungen Mannes, der nach einem langen Aufenthalt in Deutschland (Rusadze hat an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam studiert) nach Georgien zurückkehrt.

Wie sein Protagonist musste der Regisseur feststellen, dass sich die Dinge nicht so schnell ändern. Einmal sagte Rusadze in einem Interview sogar, er glaube, mit Änderungen in seinem Land sollte man vorsichtig sein. Weil die sowjetische Mentalität nicht so schnell verschwinden könne. In der "nahen Zukunft", in der sein Film spielt, ist sie noch sehr präsent.

Mit "A Fold in My Blanket" wagt Rusadze ein Bild des modernen Georgiens. Im Mittelpunkt stehen nur zwei Familien, aber sie decken – zumindest metaphorisch – alle gesellschaftlichen Facetten ab. Bei ihnen gibt es Patienten wie Ärzte, Angeklagte wie Richter, Russisch- und Georgischsprachige, Konformisten und Rebellen. Das im Kommunismus beliebte Motto "Die Familie ist die kleinste Zelle der Gesellschaft" macht der Regisseur zu seinem cineastischen Prinzip. Es ist gesellschaftskritisch und es funktioniert.

Die Vergangenheit lebt fort

Aber zu einer echten Gesellschaftskritik mag Rusadze sich nicht durchringen. Es geht dem Regisseur eher um die Reflexion darüber, wie viel Vergangenheit in der Gegenwart steckt. Ausgestopfte Tiere, die als Trophäen in den Räumen der Provinzstadt stehen, atmen immer noch den Geist der Sowjetunion.

Es bleibt beim Schwebezustand: Dimitrij lebt vor allem in seinen Träumen. In ihnen kann er mit Andrej zusammen wandern, und sich in der Falte seiner Decke eine Bergspitze vorstellen. Wie dem Protagonisten fehlt es aber auch dem Film selbst an Aussagekraft. Seine Message bleibt unausgesprochen, wie das Begehren zwischen den beiden Männern. "Was willst du von mir?" Keine Antwort.

Und die an Alzheimer erkrankte Irina will ihren Diamanten zurück in den Kopf stecken. So schnell ändern sich die Dinge eben nicht.

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