07.02.13

Filmfestival

Für Michael Gwisdek ist die Berlinale wie ein Wohnzimmer

Der Berliner Schauspieler Michael Gwisdek ist dem Festival verbunden wie kaum einer. An dieser Stelle verrät er uns, warum. Ein Gastbeitrag.

Foto: picture alliance / dpa

Geheimrezept fürs Festival: Du kannst viel trinken, sagt Michael Gwisdek, du musst nur nach jedem Schnaps ein Glas Wasser trinken und trocken Brot essen
Geheimrezept fürs Festival: Du kannst viel trinken, sagt Michael Gwisdek, du musst nur nach jedem Schnaps ein Glas Wasser trinken und trocken Brot essen

Was Boris Becker über Wimbledon sagt, das sage ich über das Filmfestival: Die Berlinale ist mein Wohnzimmer. Ich habe nicht gezählt, aber es gibt wohl nur so ein, zwei Ausnahmen, wo ich nicht dabei war. Gefühlt habe ich jedenfalls keine Berlinale ausgelassen.

Aber meine Beziehung zu dem Festival ist ja noch viel enger. Eigentlich ist die Berlinale der Grund, warum ich überhaupt Schauspieler geworden bin. Bei den allerersten Berlinalen war ich natürlich noch ein kleiner Steppke, da gab's auch noch keine Mauer, Berlin war noch eine Stadt. Da gingen wir hin. Mein erstes Berlinale-Erlebnis war am Bahnhof Zoo. Ich stand hinter der Absperrung vor dem roten Teppich und bewunderte die Leute, die da reingingen.

In dem Moment entstand bei mir der Wunsch, Schauspieler werden. Im Grunde genommen wollte ich das nur wegen des roten Teppichs der Berlinale. Als ich dann im Kino war, war da so ein unglaublicher großer Glitzervorhang, und als der nach einem Gong aufging, stand da, ganz groß: "Horst Buchholz in…" Und da habe ich gesagt: Das ist mein Beruf.

Mal Gladiator sein, mal Schurke

Später habe ich dann gelesen, in der "Bravo", dass man mit dem Beruf ganz viel Geld verdienen und mit schönen Frauen an schönen Orten der Welt sein kann. Über Kunst und Talent habe ich mir null Gedanken gemacht. Mir ging es tatsächlich nur um dieses oberflächliche Zeugs. Außerdem umging ich damit die Überlegung, welchen Beruf ich ergreifen sollte; Als Schauspieler konnte ich mal Gladiator sein, mal Liebhaber oder Schurke. Da musste ich mich nicht entscheiden, das war mein Ding!

Als die Mauer kam, musste ich ein paar Berlinalen auslassen. Aber irgendwie habe ich es immer geschafft, dass ein Film aus der DDR gezeigt wurde, in dem ich rumgezappelt bin. Und irgendwie habe ich es auch immer geschafft, mit der Delegation rüberfahren zu dürfen, mit den fünf Mark West, die man da bekam. Und dann kamen die echten Hauptrollen. Und als dann 1994 "Ärztinnen" eingeladen wurden, da ging dann der Glitzervorhang auf und diesmal stand wirklich mein mein Name ganz groß auf der Leinwand. Das war unglaublich.

Das war sogar noch viel unglaublicher, weil zwei Reihen vor mir mein persönlicher Held saß, der Filmemacher John Cassavetes mit seiner Frau Gena Rowlands. Ich dachte mir, jetzt liest Cassavetes meinen Namen im Zoo-Palast auf der Leinwand: Ich habe es geschafft. Das war mein Jugendtraum, und nun ging er in Erfüllung.

Niedergebuht für "Mambospiel"

Als ich dann viel später eigene Filme gedreht habe, als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptspielroller, wurden die tatsächlich auch zur Berlinale eingeladen. Mein Regiedebüt, "Treffen in Travers", lief zugegeben in Cannes, da bin ich fremdgegangen. Einmal. Aber "Abschied von Agnes" und "Mambospiel", die liefen hier. Okay, die Erfahrung von "Mambospiel" war nicht ganz so schön. Der wurde nach der Vorführung vernichtet. Wirklich vernichtet.

Ich kann das wegstecken. Ich hatte einen Film im Kopf, habe mich dann aber mit ganz vielen Produzenten überworfen, die ihren eigenen Film im Kopf hatten. Am Ende war das überhaupt nicht mehr mein Film. Jeder andere hätte vielleicht aufgegeben. Ich hatte aber den Ehrgeiz, ir-gend-ei-nen Film zu machen. Ich durfte nicht scheitern, ich bin keiner, der aufgibt.

Dass der dann auf die Berlinale kommt, damit hatte ich überhaupt nicht gerettet. Und dann war das noch der einzige deutsche Beitrag im Wettbewerb in diesem Jahr. Das heißt natürlich, dass so und so viele Filme eingereicht wurden, die sind jetzt sauer und neidisch, wieso ausgerechnet der Film? Später lief der Film auch auf zahlreichen anderen Festivals, auch als einziger deutscher Beitrag.

Aber in dieser einen Berlinale-Vorstellung wurde er niedergebuht, und zwar richtig. Dass Berlin polarisiert, war schon klar. Ich wurde mit "Abschied auf Agnes" gefeiert, ein kleiner Film, der in der Garage gedreht wurde, als Schlöndorff dort für einen großen Studio-Film ausgepfiffen wurde. Und beim nächsten Jahr hat's halt mich erwischt. Aber lieber mache ich Skandal, als dass ich freundlichen Applaus kriege und mehr ist nicht.

Mit dem Bär kamen die Tränen

Mein Kindheitstraum hat sich dann noch mal erfüllt. Der absolute Höhepunkt war dieser eine Tag im Jahr 1999, als ich nichtsahnend im Hotelzimmer saß und ein Anruf kam, ich kriege den Silbernen Bären für "Nachtgestalten". Ganz ehrlich: ich weiß nichts mehr von der Verleihung. Man ist in Trance, man rennt da hoch, man muss aufpassen, dass man nicht auf dem Treppchen stolpert und vor allen Leuten auf die Fresse fällt.

Keine Ahnung, wer mir den überreicht hat. Keine Ahnung, was ich gesagt habe. Ich habe etwas vorbereitet, aber das habe ich nicht gesagt. Das Tolle aber ist, du stehst da und siehst, die komplette Branche guckt hoch und muss jetzt akzeptieren, dass du den Preis gewonnen hast. Das sind so Genussmomente, die muss man auskosten. Natürlich ist das reine Glücksache, keine Frage. Aber diesen Moment, den kann mir keiner mehr nehmen. Ich muss auch niemandem mehr erklären, dass ich ein guter Schauspieler bin. Ich habe diesen Berlinale-Bär und Ruhe im Karton.

Das beruhigt und hebt das Selbstvertrauen in der Arbeit. Du musst dich niemandem mehr beweisen. Danach habe ich beschlossen, jetzt höre ich auf. Das war der krönende Abschluss meiner Karriere. Der Ehrgeiz war einfach weg. Natürlich war mein Leben geprägt von Ehrgeiz, natürlich wollte ich der beste Schauspieler der Welt werden. Aber jetzt habe ich keinen Druck mehr. Ich muss nicht mehr in jedem Film dabei sein, habe auch kein Problem mit kleineren Rollen. Jetzt mach ich nur noch aus Spaß was.

Green Card für das Festival

Als Bärengewinner kommst du, das ist ja auch ein schöner Nebeneffekt, überall umsonst rein. Ich habe also eine Green Card für die Berlinale. Ich gehöre jetzt quasi zum Mobiliar. Ich habe nicht nur den Silbernen Bären bekommen, sondern auch einen Goldenen. Den Goldenen Party-Bär nämlich, den mir Journalisten verliehen haben, weil sie meinten, ich sei der meistgesehene Promi auf allen Partys gewesen.

Heute würde den Preis locker Armin Rohde einstecken, aber damals bekam den ich. Das mache ich heute natürlich nicht mehr, man wird ja auch nicht jünger. Aber ich gucke mir gezielt Filme an und besuche gezielt ein paar Empfänge. In diesem Jahr werden es vielleicht ein paar Mehr, weil ich ja beim Deutschen Schauspielerpreis die Paula kriege fürs Lebenswerk.

Aber ich klappere nicht mehr alle Partys ab. Wobei ich die immer gut durchgestanden habe. Ich wuchs ja in der Kneipe meines Vaters auf, da musstest du ja mittrinken, um nicht geschäftsschädigend zu wirken bei Stubenlagen. Mein Vater gab mir den guten Rat, nach dem Schnaps ein Glas Wasser, damit das verdünnt wird, und dann trocken Brot, das das wieder aufsaugt. So kann man echt durchhalten. Den Rat gebe ich allen mit auf den Weg , wenn es jetzt wieder los geht.

Aufgezeichnet von Peter Zander

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