07.02.13

Berlinale

Wie Berlinale-Dauergast Nina Hoss das Reiten lernte

Nina Hoss ist mit "Gold" zum vierten Mal im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Ein Gespräch über Pferde, Bären und Schauspielflüsterer.

Foto: picture alliance / Bernd Kammere

Bin ich wirklich hier? Manchmal musste sich Nina Hoss kneifen, als sie in Kanada auf dem Sattel saß
Bin ich wirklich hier? Manchmal musste sich Nina Hoss kneifen, als sie in Kanada auf dem Sattel saß

Sie ist der Dauergast der Berlinale. Nina Hoss wurde hier 2000 als Shooting Star gefeiert, saß einmal in der Jury von Amnesty International und dann vor zwei Jahren in der Internationalen Jury. Und sie war schon mit drei Filmen im Wettbewerb und hat für "Yella" 2007 den Silbernen Bären gewonnen. In diesem Jahr ist die Berliner Schauspielerin zum vierten Mal im Wettbewerb: mit dem deutschen Western "Gold", den sie wirklich in Amerika gedreht hat. Peter Zander hat mit ihr gesprochen.

Berliner Morgenpost: Frau Hoss, haben Sie eigentlich ein Dauer-Abo für die Berlinale?

Nina Hoss: Irgendwie sieht das so aus, oder? (lacht) Aber nein, das ist keine Selbstverständlichkeit. Ich bin mir nie sicher, ob es ein Film mit mir in die Auswahl schafft, das war auch bei allen Filmen mit Christian Petzold so. Es gibt da keine Verpflichtungen von irgendeiner Seite, auch keinen Selbstläufer. Aber bei "Gold" freut es mich jetzt ganz besonders, weil es eine wunderbare Überraschung für uns alle war.

Shooting Star, Juror, Bären-Kandidat: Welche dieser Berlinalen ist Ihnen die liebste – oder ist das eine, auf der Sie gar keine Verpflichtungen haben und einfach nur ins Kino gehen können?

Nein, vom Erleben der Berlinale her waren die schönsten schon die zwei Jahre, als ich in Jurys saß. Bei der Jury von Amnesty International ging es um Dokumentarfilme, wozu ich bis dahin noch nicht so viele Anknüpfungspunkte hatte. Da sind wir von einer Sektion in die andere gezogen, das waren noch viel mehr Filme, als wenn man über den Wettbewerb entscheidet. Am Ende hatte ich fast eine Depression, weil man so schlimme Dinge gesehen hat. Aber das war einfach irre aufregend, weil man so in das Festival eingetaucht ist. Und das zweite war die Internationale Jury. Immer wenn du auf einem Festival bist und eine Aufgabe innerhalb einer Gruppe hast, dann kannst du miteinander diskutieren. Du magst Freunde treffen, die auch einen Film auf der Berlinale sehen, aber das sind garantiert immer andere, als du gesehen hast. Zu einem Festival gehört für mich, sich auch mit wildfremden Filmemachern beim Abendessen über Filme zu unterhalten. Da erweitert sich dein Horizont, das ist mehr als nur Filme gucken.

Es gibt dann auch noch eine Premiere für Sie auf der Berlinale. Etwas, was Sie noch nie auf diesem Festival gemacht haben. Sie geben eine Master Class auf dem Talent Campus.

In der Tat, das ist noch mal ganz was Anderes. Ich finde das eine tolle Idee, sich mit dem Filmnachwuchs auszutauschen. Und es schmeichelt einem auch, vor allem, wenn man weiß, was da für internationale Gäste kommen. Ich habe das vor zwei Jahren erlebt, als unsere damalige Jurypräsidentin Isabella Rossellini einen Workshop gemacht hat. Ich mache aber nur ein Podiumsgespräch mit ausgewählten Ausschnitten, da rede ich dann ein bisschen über die Arbeit und anschließend dürfen Fragen gestellt werden. Ist also nur ein Kleinstseminar.

Wenn man das vierte Mal im Wettbewerb ist, aber schon einen Bären gewonnen hat, ist man da relaxter? Oder ist die Aufregung immer dieselbe?

Ein bisschen entspannter ist das schon. Ich muss nicht mehr gewinnen. Den Bären kriegt man auch nicht zwei Mal. Nicht falsch verstehen: Ich würde mich schon freuen, wenn es wieder passieren würde! Aber es ist halt schon passiert, ich spüre da keinen Druck mehr. Ich freue mich einfach, an der Berlinale teilzunehmen. Ich war mir bei "Gold" gar nicht so sicher, ob der in den Wettbewerb aufgenommen werden würde. Dass man dabei ist, das ist eigentlich schon die Auszeichnung. Das sage ich jetzt ganz ohne Koketterie. Was so ein Preis bedeutet, weiß ich auch erst, seit ich selbst in einer Jury saß. Weil mir da erst klar geworden ist, wie lange die da diskutieren, bis die sich auf einen Kandidaten einigen. Da hat der Bär zuhause im Nachhinein noch mal an Bedeutung gewonnen.

Bleiben Sie eigentlich im Berlinale-Palast sitzen, wenn der Film läuft? Es gibt ja viele, die das nicht ertragen und sich im Dunkeln rausschleichen.

Das kommt auf meinen Tageszustand an. Wenn man leicht empfindlich ist, so etwas hat ja jeder mal, dann könnte ich das wohl nicht ertragen. Andererseits werde ich den Film nie mehr auf einer so großen Leinwand sehen, mit so vielen Zuschauern. Das ist schon interessant, was es da an Reaktionen gibt und ob der Film ankommt. Ich hoffe also, dass ich starke Nerven habe.

"Gold" ist ein Western. Sind Sie eigentlich ein Western-Fan?

Ja, durchaus. Als Kind habe ich oft Western geschaut. John-Ford-Western. Ich hatte auch eine kleine Marilyn-Monroe-Zeit, also zähle ich auch "Misfits" zu dem Genre dazu. Und die Italo-Western, mit denen bin ich aufgewachsen.

Mit deutschen Western nicht?

Ich habe schon auch Winnetou gesehen und Old Shatterhand, natürlich. John Ford fand ich aber immer stärker. Ich hätte jedoch nie damit gerechnet, mich selbst einmal in diesem Genre wiederzufinden. Das wird bei uns ja nun nicht so oft gemacht.

Mehr noch: Es ist auch der erste deutsche Western, der je im Ursprungsland gedreht wurde. Die Karl-May-Filme wurden ja alle in Jugoslawien gedreht, Sie aber waren in British Columbia.

Ja, das war manchmal fast absurd. Du sitzt auf deinem Pferd (und wir saßen lange auf dem Pferd, bis die Kamera eingestellt und alles ausgeleuchtet war), drehst dich im Sattel um und siehst da diese Landschaften, diese Wälder und Weiten. Und all deine Kollegen sitzen auch auf Pferden oder Planwagen. Ich dachte: Was machen wir hier eigentlich? Wir drehen in der kanadischen Wildnis einen Western! Da musste ich mich manchmal kneifen, um zu begreifen, dass das wirklich wahr war.

Sie spielen das Schicksal deutscher Auswanderer nach, die damals an dem Goldrausch beteiligt waren. Ist man dem näher, wenn man auf deren echten Spuren wandelt?

Natürlich macht das was mit dir. Du musst dich nicht groß einfühlen, wenn du den ganzen Tag im Sattel sitzt. Und wenn du in die Wildnis wolltest, dann konntest du losreiten. Und sicher sein, da sechs Tage keinen Menschen zu treffen. Diese Sonnenuntergänge dort, das ist unfassbar. Das ist verführerisch, man möchte da bleiben. Was mich so gereizt hat an dem Film: Deutschland wird ja meistens als Immigrationsland gesehen und es gibt viele Geschichten über die Problematiken damit. Aber wir sind halt nicht nur ein Land, in das die Leute immigrieren. Von hier aus gab es auch viele Auswanderer. und das finde ich ein sehr spannendes Thema: Was bringt Menschen dazu, auszuwandern? Wie viel tut man sich dafür an? Gerade Frauen. Die Frauen, die sich an dem Klondike-Fieber beteiligten, wollten sich neu erfinden. Die brachen aus einer Gesellschaftsform aus, die so festgestrickt war, dass sie da nie aus ihrer Klasse herausgekommen wären. Es ist unglaublich, was für Strapazen die dafür in Kauf genommen haben. Wir waren im Sommer da und haben nur einen Bruchteil dieses Trecks nachgestellt. Teilweise dauerte deren Reise zwei Jahre lang, unter primitivsten Umständen. Keine Ahnung, wie die das geschafft haben. Aber sie waren dort frei.

Der Western ist eine der letzten Männer-Domänen. Ist es an der Zeit, das Genre endlich aufzubrechen? Mehr Frauenwestern zu drehen?

Das weiß ich nicht. Der Großteil der Frauen hatte damals nun wirklich nicht die Hosen an. Das ist ja auch zeitbedingt. Aber ich gebe Ihnen insofern recht: Man weiß, dass es diesen Goldrausch gegeben hat. Aber dass sich da viele Frauen aufgemacht haben, alleine, ohne Männer, um sich selbst zu verwirklichen, davon wusste ich nichts. Das ist schon eine atemberaubende Geschichte.

Sind Sie beim Dreh auch mal an Ihre Grenzen gekommen?

Klar. Körperlich schon. Oft. Aber wir waren zelten, saßen abends am Lagerfeuer beim Grillen, das hatte auch was wild Romantisches, Abenteuerliches.

Konnten Sie eigentlich schon reiten?

Nee, das musste ich lernen. Ich lerne es allerdings auch als Filmfigur erst, das hat geholfen. Ich wurde mit der Zeit dann auch immer sicherer im Sattel. Ich habe ja immer gedacht, Reiten wäre nichts für mich. Ich musste allerdings Westernreiten lernen. Das ist ja noch mal etwas völlig Anderes. Wir hatten zwei wirklich tolle Wrangler, echte Pferdeflüsterer. Die waren prima. Nicht nur zu den Tieren. Auch zu uns, wenn wir nervös wurden. Eigentlich waren das auch Schauspieler-Flüsterer. Aber diese Erfahrung hat mich unheimlich geerdet. Reiten, das ist ja im Grunde das Verstehen, was in dem Tier vorgeht. Das hat fast etwas Meditatives, das hat uns alle in eine Om-Stimmung versetzt.

Wie haben Sie das eigentlich mit dem Theater-Spielplan hinbekommen?

Wir haben in den Sommerferien gedreht. Ganz einfach. Ich hätte auch ans Meer fahren können. Wurde wieder nichts. Aber ich hätte nicht tauschen wollen. Das war überhaupt mein erster Film, der komplett im Ausland gedreht wurde. Und diese Erfahrung war in jeder Hinsicht außergewöhnlich.

Ich habe im Spielplan vom Deutschen Theater nachgesehen: Während der Berlinale müssen Sie nur einmal im "Kirschgarten" spielen, aber Sie haben keine Proben – wie im Vorjahr.

Ja, darum habe ich gebeten. Letztes Jahr war es wirklich hart, ich hatte abends Vorstellungen, habe tagsüber geprobt. Und musste dann noch "Barbara" vorstellen. Das möchte ich nicht noch einmal haben. Ich möchte das Festival, soweit das geht, auch mal in Ruhe genießen können.

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