06.02.13

Berlinale/Generation

Arthouse für junge Filmfans - eine Kinoreise um die Welt

Glamour pur: Zur Eröffnung des Wettbewerbs Kplus präsentieren Isabella Rosselini und Burghart Klaussner den zauberhaften Beitrag "Zickzackkind".

Foto: Berlinale 2013

Jin (Generation14plus, Türkei, 2012, 122 Min., Türkisch/Kurdisch mit englischen Untertiteln) 17 Jahre alt ist Jin, die junge Kurdin, die sich von einer Rebellengruppe losgesagt hat und nun allein in den Bergen unterwegs ist, um sich in Sicherheit zu bringen. Dabei gerät sie immer wieder zwischen die Fronten von Armee und Guerilla. Gefahren lauern überall - nur die Natur ist ihre Verbündete. (Fr, 8.2., 19.30 Uhr Haus der Kulturen der Welt; Sa 9.2., 16.30 Uhr CinemaxX 3; So 10. 2., 15.30 Uhr Cubix 8; Do, 14.2. 14 Uhr CinemaxX3)

14 Bilder

In diesem Film helfen die Stars als schillerndes Großelternpaar dem Jungen Nono kurz vor dessen Bar Mitzwa, einige Leerstellen in seiner Vergangenheit zu füllen. Auf die für die Sektion identitätsstiftende Frage "Wer bin ich eigentlich?" findet der holländisch-belgische Familienfilm fantasievolle Antworten.

Von einer anderen, nämlich hochpolitischen Seite wird sich die Generation zum Start des Wettbewerbs 14plus für Jugendliche zeigen – mit dem Film "Jin", der die Zuschauer in die Kampfzone der kurdischen Gebiete der Türkei einschleust. Jin heißt die Heldin dieses Dramas, in dem eine wild-schöne Bergwelt die zweite Hauptrolle spielt. Die 17-Jährige hat sich von einer Gruppe Aufständischer getrennt und schlägt sich nun allein durch die Berge, wo überall Gefahren lauern - in Gestalt von Soldaten, Gewehrsalven, Explosionen.

Mit den beiden Eröffnungsfilmen haben die Macher der Generation eine glückliche Hand bewiesen – hier ein exzellent besetzter, fantasievoll erzählter Coming-of-Age-Film, dort ein bildmächtiger Film mit politischem Anspruch. Für beide Wettbewerbe gilt: Landläufige Vorstellungen von Kinder- und Jugendkino sollten Berlinale-Besucher über Bord werfen. "Wir wählen Filme aus, die nicht unbedingt für Kinder gemacht sind - besondere Filme für ein junges Publikum. Dabei sind wir vorsichtig, denn wir lieben unsere jungen Zuschauer, aber wir suchen und wollen die Herausforderung", sagt Sektionschefin Maryanne Redpath. Ihr Vize Florian Weghorn bringt es auf die Formel "Arthouse für junge Zuschauer".

Filme aus 36 Ländern

60 Kurz- und Langfilme aus 36 Ländern hat das Team diesmal für Kplus und 14plus ausgesucht. Auffällig ist, dass nur wenige Filme aus Skandinavien darunter sind, ebenso auffällig, wie viel Spannendes aus Asien zu sehen ist. Im Zentrum des Films "Die Rakete" etwa steht die Freundschaft zweier Kinder im laotischen Hinterland. Die Großmutter des Jungen glaubt, ihrem Enkel hafte ein Fluch an – neuen Mut gibt ihm seine kleine Freundin. Die Filmemacherin Kim Mordaunt erzählt von Aberglauben und davon, wie man den Glauben an sich selbst zurückgewinnen kann. Stark. (Kplus, ab 11 Jahren).

Überzeugende asiatische Beiträge laufen auch bei 14plus. Dazu gehört der japanische Spielfilm "Capturing Dad" aus Japan, der mit viel lakonischem Humor zwei junge Frauen auf ihrem Weg zum sterbenden Vater begleitet, von dem sie nur wenig wissen. Als sie ankommen, ist der Papa bereits tot und sie platzen in bunten Sommer-Outfits in die Bestattungszeremonie.

Aus Korea kommt der Thriller "Pluto", der mit dem Mord am Schüler einer elitären Highschool beginnt. Welche verheerenden Folgen ein auf Hochleistung getrimmtes Schulsystem haben kann, wird hier mit aller Konsequenz durchgespielt. In diesem Fall ist das ,plus` im Namen "14plus" durchaus wörtlich zu nehmen, denn "Pluto" ist ein Film für ältere Jugendliche.

Speziell im Wettbewerb Kplus sollte man die Altersempfehlungen des Programmheftes unbedingt beachten und gelegentlich noch ein bis zwei Jahre dazugeben, um Überforderungen kleiner Zuschauer zu vermeiden. Das gilt auch für den interessanten deutschen Spielfilm "Kopfüber" von Bernd Sahling, der das aktuelle Thema ADHS aufgreift. Kinderdarsteller Marcel Hoffmann spielt den zehnjährigen Sascha mit so viel Feingefühl, dass man diesem Jungen, der mit seiner vom Leben überforderten Mutter in einem Hochhaus lebt, in jeder Minute folgt. Ist Ritalin eine Lösung? Nicht nur Saschas Freundin Ella hegt Zweifel daran, eine wohlfeile Lösung hat Sahling nicht zu bieten. Die Fragen, die er stellt, bleiben im Kopf.

Problematisch ist die Entscheidung, den deutschen Dokumentarfilm "Ödland" ins Kplus-Programm zu heben. Die Kamera begleitet Kinder von Asylbewerbern während endlos scheinender Sommerferien, zeigt, wie sie auf einem heruntergekommenen Kasernengelände Zeit totschlagen müssen. So beeindruckend die Schwarz-weiß-Aufnahmen sind, so deutlich werden auch die dramaturgischen Schwächen dieses Films, der erkennbar kein kindliches Publikum ansprechen will und in einer anderen Sektion sicher besser platziert wäre.

Steigende Zuschauerzahlen

Dokumentarfilme sind auch bei 14plus zu sehen. Radikale Bilder aus Kenia liefert "Tough Bond", der seinen Zoom auf Straßenkinder richtet. Wo kulturelle und familiäre Bindungen zerbröseln – auch eine Folge des Aids-Fluchs ­- finden viele Jugendliche Trost, indem sie billigen Klebstoff schnüffeln. Die Filmer Austin Peck und Anneliese Vandenberg aus den USA sehen genau hin, schonen ihre Zuschauer nicht. Und sie geben mit viel Empathie Einblick in die Seelen von Jugendlichen ohne Perspektive.

Beiträge wie diese zeigen, dass der Wettbewerb 14plus im zehnten Jahr seines Bestehens eine unverzichtbare Säule der Sektion ist, sowohl in formaler wie in inhaltlicher Hinsicht. Das belegen nicht zuletzt die Zuschauerzahlen, die sich seit der 14plus-Premiere 2004 für die ganze Sektion verdoppelt haben: 2012 setzten sich mehr als 32.000 Zuschauer in die 14plus-Kinos, dazu kamen mehr als 31.000 Kplus-Zuschauer.

Bestätigung für die Macher ist aber auch eine andere Zahl: Seit die Berlinale den First Feature Award vergibt - seit 2006 - ging die Auszeichnung viermal an Filme der Generation. Ohne den jungen Blick auf und in die Welt wäre das Festival nicht komplett.

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