05.02.13

Filmfestival

Für wen sich das Anstehen für Berlinale-Karten lohnt

Alles lässt sich online bestellen, nur bei der Berlinale klappt es mit den Tickets nur begrenzt. Vielleicht ist das ja gar nicht verkehrt.

Von Frédéric Schwilden
Quelle: Reuters
04.02.2013 0:09 min.
Jetzt heißt es wieder Schlangestehen in Berlin. Wie jedes Jahr beginnt wenige Tage vor Beginn des Filmfestivals Berlinale der Kampf um die Tickets: warten und warten und das Beste draus machen.

Menschenleer ist es hier an diesem verregneten Montagmorgen gegen kurz vor elf. Unterhalb des Potsdamer Platzes in Berlin-Mitte in dieser Glas- und Eisen-Welt, die den Übergang vom Reisen zum Kaufen begleitet, die eigentlich ein nicht existenter Zwischenort ist, steht ein einziges Wesen mit einer roten Kappe.

Ein ICE saust über das Gleis. Rotkäppchen macht eine Schritt vor und dann wieder einen zurück. Die Arme hat es vor der Brust verschränkt. An ihm vorbeigehend setzt sich diese traurige Leere im Untergeschoss der Potsdamer Arkaden fort.

Verwaiste Bubble-Tea-Stände, das Licht ist aus, geblubbert wird heute nicht. Auf dem Rücken der Bäckereiverkäuferin steht "Heißer Wolf" und sie poliert die Auslagen hinter denen belegte Brötchen warten.

Nur oben ist was los. Aber nicht in den Geschäften, sondern im großen Gang, auf dem roten Teppich der Berlinale-Vorverkaufsmeile. Ab 10 Uhr gibt es die ersten Tickets zu den 63. Berliner Filmfestspielen.

Das Modell "Jeff" ist beliebt

Zum Frühstück hat er extra nichts getrunken, erzählt Herr Heinze aus Moabit. Letztes Jahr nämlich habe er sehr dringend auf die Toilette gemusst. Er stand schon ganz vorne in der Schlange. Also relativ gesehen. Insgesamt gibt es ja zwei Anstehreihen. Eine vom Fronteingang von der Alten Potsdamer Straße her kommend bis zur Mitte.

Und eine von der Rückseite, von der Eichhornstraße kommend. Herr Heinze ist also ein Frontansteller. "Etwa so da", er zeigt dabei genau auf die Wand, die das schwedischen Modegeschäft vom deutschen Schuhladen trennt. Da musste er dann so dringend, dass er die Schlange verlässt. Und erst mal konnte er gar kein Klo finden. "Im ganzen Erdgeschoss gibt es keine einzige Toilette."

Diese Probleme hat man freilich nicht, bleibt man daheim. Inzwischen lassen sich Berlinale-Tickets auch online bestellen. Theoretisch jedenfalls. Um kurz nach elf sind viele Vorstellungen schon ausverkauft. Die Webseite gibt an, dass nur ein begrenztes Kontingent online buchbar sei. Pro Karte kommt noch eine Bearbeitungsgebühr von 1,50 Euro dazu, trotzdem muss man die Karten auch in den Potsdamer Arkaden abholen.

Die ersten Kartenkäufer stellten sich schon vorher an

So gesehen kann man sich für einen Aufpreis bei erfolgreicher Buchung nur die Sicherheit von daheim erkaufen. Aber nicht den Weg sparen. Wie viele von etwa 300.000 Berlinale-Tickets online verkauft werden, will die Presseabteilung des Festivals nicht rausrücken. "Ich kann ihnen das nicht sagen, auch wenn ich's wüsste." In der ersten Stunde, sagt die freundliche Dame aber, seien es um die 10.000 gewesen. Und die Gerüchte, dass sich in der Nacht von Sonntag auf Montag schon die ersten um 23.00 Uhr vor die Vorverkaufsstellen begeben haben, die kann sie bestätigen.

Paul kam erst um 9 Uhr an. Auf seinem Weg zur Humboldt-Universität kommt er sowieso am Potsdamer Platz vorbei. Er promoviert gerade in Biologie und liest das Paper einer Masterstudentin Korrektur. Er hat sich extra einen Stuhl mitgebracht, Modell "Jeff" in schwarz. Bei den Sitzern unter den Stehern ist Jeff der beliebteste Stuhl.

Am zweithäufigsten ist aber so ein Camping-Stuhl aus Stoff. Der hat sogar einen Getränkehalter. Insgesamt sind Stuhlmitbringer aber in der Minderheit. Etwa jede Minuten rückt Paul sitzend ein bisschen nach vorne. "Ich muss das später noch mal lesen", sagt er. Aber wahrscheinlich hat er so das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun. Mit Bleistift macht er Notizen an den Rand, dann rückt er wieder eins weiter.

Die Geschäfte um die Anstehenden sind leer. Eine Verkäuferin feilt sich die Nägel und bei der Modekette sortieren sie gerade irgendwelche Unterlagen an der Kasse. Bestimmt kostet das einen Haufen Geld, diese Allee des Anstehens.

Was man beim Warten erledigen kann

Die meisten sind wie Paul und nutzen das Anstehen, um noch etwas anderes zu tun. Frühstücken ist beliebt, Telefonieren und Zeitungslesen auch. Nur so untereinander wird heute Morgen wenig gesprochen. Aber ist ja auch Montag, da hat man vielleicht noch nicht so richtig Lust auf sprechen. Aber andererseits werden sich viele auch extra für den Morgen freigenommen haben.

Das ist schon seltsam. Mittlerweile kann man alles online bestellen. Zum Beispiel Limousin-Lammfilet für 98 Euro das Kilo, einen Handwerker online buchen, ein Taxi und sogar eine Abendbegleitung für die Oper. Warum aber schafft es eines der größten Filmfestivals nicht, gleich alle Tickets online anzubieten. Sicher möchten auch noch Leute an einem Schalter kaufen. Aber warum nur ein begrenztes Kontingent online verkaufen?

Die Frontschlange in den Arkaden reicht inzwischen bis vor die Tür. Menschen lesen auf Stühlen das Berlinale-Journal. Andere quietschen mit grünen Markern über das Papier. Und wieder andere gähnen nur. Zeitgleich wird das Treiben natürlich von Medienvertretern beobachtet. Junge Reporter halten Mikrofone vor Münder und diskutieren darüber, ob der Teppich dieses Jahr nicht ein bisschen schief läge und inwiefern, dass sinnbildlich für Berlin wäre.

Und schaut man dabei zu, weiß man, warum es wahrscheinlich niemals möglich sein wird, einfach so, und ohne irgendwo was abzuholen, ein Berlinale-Ticket zu bestellen. Weil man dabei weder zuschauen noch teilhaben kann. Auf dem roten Teppich stehen, und sei es auch nur wartend und in einer Verkaufsschlange, dabei auch noch gefilmt und fotografiert werden, verleiht dem Käufer auch ein wenig das Gefühl von Erlebnis, von Glamour.

Die Berichterstatter wiederum denken, Mensch, da passiert ja wirklich was. Wen sollen denn die Fotografen und Reporter schon fragen, wenn die meisten online bestellen würden. Den DSL-Provider? Und für die Festspiele selber ist es kostenloses Marketing. Und so werden wir dieses Jahr auch wieder lesen, wie lang die Schlangen doch waren in den Arkaden, im Kino International und am Haus der Festspiele. Aber, das waren sie ja auch.

Wie man an Tickets kommt

Karten für die mehr als 400 Filme gibt es täglich von 10 bis 20 Uhr in den Arkaden am Potsdamer Platz, im Kino International und im Haus der Berliner Festspiele.

Auch per Internet können weiter Tickets erstanden werden.

Der Vorverkauf fängt jeweils drei Tage vor der Vorführung an, bei Wiederholungen der Wettbewerbsfilme vier Tage vorher. Am Tag der Vorstellung kann man sein Glück nur an der Tageskasse des Kinos versuchen.

Die Karten kosten je nach Sektion zwischen 9 und 13 Euro.

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