04.02.13

Wong Kar-wai

Ein wahrer Stadtneurotiker leitet die Berlinale-Jury

Wong Kar-wai ist Präsident der Berlinale-Jury. Einen besseren hätte man kaum finden können. Denn hier wurde er einst fürs Weltkino entdeckt.

Von Peter Zander
Foto: dapd

Nicht ohne meine Gläser: Wong Kar-wai tritt stets mit Sonnenbrille auf. Wie er ohne aussieht, wissen wohl nur engste Vertraute
Nicht ohne meine Gläser: Wong Kar-wai tritt stets mit Sonnenbrille auf. Wie er ohne aussieht, wissen wohl nur engste Vertraute

Wir kennen das von Heino. Auch der Schlagersänger hat es über Dekaden geschafft, seine Augen vor der Welt zu verbergen, ja mehr noch, die Brille als Markenzeichen zu etablieren. Aber wer ist schon Heino, international gesehen?

Wong Kar-wai, der Kultfilmer aus Hongkong, hat da eine weit größere Gemeinde. Und wir dürfen mit ziemlicher Sicherheit behaupten: Er ist, neben Karl Lagerfeld, der berühmteste Sonnenbrillenträger der Welt. Also nicht nur ein Mal-ja-mal-nein-Träger.

Andere Leute ziehen dunkle Brillen auf, um sich zu verbergen (was ja erfahrungsgemäß die Aufmerksamkeit eher erhöht). Wong Kar-wai aber bräuchte nur seine Sonnenbrille abzuziehen, und er könnte unerkannt über die Croisette in Cannes oder den Potsdamer Platz in Berlin flanieren. Weil man gar nicht weiß, wie der Mann ohne aussieht.

Der Mann, so scheint es, ist schwer herauszufordern

Ich habe einmal in einem Interview mit dem Filmemacher in Paris ein Experiment unternommen. Ich habe einfach meine Sonnenbrille aufgezogen und aufbehalten. Darauf hat er allerdings gar nicht reagiert; klar, ist ja das Normalste auf der Welt für ihn.

Als ich die Gläser dann aber abnahm, mit dem pädagogischen Verweis, dass es doch schon später Nachmittag und recht dunkel sei, hat auch das nicht gefruchtet. Die Brille blieb auf. Der Mann, so scheint es, ist schwer herauszufordern.

In diesem Berlinale-Jahr nun ist Wong Kar-wai der Präsident der Internationalen Jury. Und einen Besseren hätte Festivalchef Dieter Kosslick kaum finden können.

Wong ist ein Kultfilmer mit riesiger Fangemeinde. Er steht für lustvolles, cineastisches, unverwechselbares Autorenkino. Er ist der einzige Filmemacher, der in der Skala der beliebtesten Filme des vergangenen Jahrzehnts gleich mehrfach genannt wird.

Vor allem aber ist Wong Kar-wai Berlin stark verbunden. Hier hat er zumindest, auf der Berlinale, seine ersten entscheidenden Schritte getan. 1991 war er noch ein echter Geheimtipp. "Das musst du sehen", wurde uns von mehreren Seiten zugesteckt, als sein "Days of Being Wild" im Internationalen Forum lief. Dort lief fünf Jahre später auch "Fallen Angels", ein Foto des Films zierte damals schon die Plakate und den Katalog des Forums. Wong Kar-wai, das war dieser total angesagte Regisseur, das Film-Wunder aus Hongkong.

Als erster Chinese in Cannes mit dem Regie-Preis ausgezeichnet

Man kann gar nicht oft genug betonen, dass die Berlinale die derzeit größten Regisseure Asiens entdeckt oder doch dem Weltkino bekannt gemacht hat. Das gilt für den Chinesen Zhang Yimou wie für den Taiwanesen Ang Lee und eben auch für den Hongkong-Chinesen Wong Kar-wai. Es ist leider auch eine traurige Tatsache, dass sie dann alle ihre späteren Werke doch lieber in Cannes gezeigt haben, auf dem Festival, bei dem bekanntlich mehr Sonne scheint.

Dort hat Wong Kar-wai 1997 "Happy Together" vorgestellt und wurde, als erster Chinese, mit dem Regie-Preis ausgezeichnet. Dort feierte er im Jahr 2000 mit "In the Mood for Love" endgültig seinen Durchbruch, auch beim breiten Publikum. Und dort war er 2006 schon einmal, und wieder als erster Chinese, Jurypräsident. Dass er jetzt dasselbe Amt in Berlin bekleidet, das mögen Hartherzige als Second-Hand-Effekt bezeichnen. In Wirklichkeit ist es so etwas wie eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln.

Denn nirgends konnte, ja musste der junge Wong besser verstanden werden als im damaligen Berlin. Wong begann in Hongkong zu einer Zeit, als längst ausgehandelt war, dass die britische Kronkolonie am 30. Juni 1997 an China zurückgegeben werden würde.

Anfang der Neunziger drehte deshalb eine neue Nouvelle Vague in der Metropole rasante Filme, als müssten sich die Jungen Wilden noch einmal austoben, als müssten sie noch einmal Gas geben, bevor vielleicht der Sprit ausgeht. Die Zensur zuschlägt. Oder Korruption und Bürokratie die Filmbranche lähmen.

Und Wong Kar-wai ist hier an erster Stelle zu nennen: Vor allem "Chungking Express" und "Fallen Angels" waren schrille, knallbunte, irrwitzige Filme, mit einzigartigen Kamerafahrten seines kongenialen australischen Kameramannes Christopher Doyle, rasant montiert von seinem Dauer-Cutter William Cheng. "MTV-Ästhetik", nannte man das damals, "Chungking Express" war der Kultfilm der Videoclip-Generation und Wong mit einem Wort "hip" (auch wenn er mit diesem Begriff nie etwas anfangen konnte).

Hongkong stand damals vor einem einzigartigen historischen Umbruch, die Angst der Metropole vor der Agonie, dem Rücksturz in die Steinzeit, war immer spürbar. Auch Berlin befand sich damals in einem einzigartigen Umbruch, aber genau anders herum: Nach jahrzehntelanger Teilung und Agonie war die Stadt nun plötzlich zu einem anarchischen Schmelzpunkt mutiert. Mithin zu einer "hippen" Stadt, die ihren Puls in Wongs Bilderwelten wiederfand.

In all seinen Filmen geht es immer um Hongkong

Später, nennen wir es seine Cannes-Phase, überraschte Wong plötzlich mit schmerzlichen, traurig-schönen Melodramen, sehnsüchtigen, nie erfüllten Liebesgeschichten. Was viele als einen radikalen Bruch zu den hippen Knaller-Metropolen-Filmen empfanden. Das aber war es nicht. Sicher, die Stadtbilder fehlen, der Blick verengt sich auf geschlossene Räume.

Aber in all seinen Filmen, auch jenen, bei denen man es nicht gleich vermutet, geht es immer um Hongkong. Um sein Hongkong. Die neue, an China zurückgefallene Stadt sagt Wong nicht viel, er sieht hier überall nur Niedergang in die Bedeutungslosigkeit. "Die Stadt", so Wong, "verliert ihre Geschichte, ich wollte sie ihr zurückschenken." Mit seiner ganz persönlichen Geschichte.

Wong Kar-Wai, 1958 in Shanghai geboren, floh als Fünfjähriger, kurz vor der Kulturrevolution, mit seiner Mutter in die Kronkolonie. Dort lebte er bis 1966 im berüchtigten Shanghai-Distrikt, wo die chinesischen Immigranten zusammengepfercht waren. Das prägte seine Kindheit: zum einen die neue Freiheit, zum anderen die Isolation der Mandarin sprechenden Gemeinde im kantonesischen Hongkong (Wong lernte Kantonesisch erst mit 13, als er also schon acht Jahre in der Stadt lebte).

All seine Filmhelden sind Gestrandete wie er, Entwurzelte, für die die neue Heimat Zuflucht und Fremde zugleich ist. Immer geht es um den Kontrast zwischen Großstadt-Hektik und der Isolation des Einzelnen. Das gilt ganz besonders für die Filmtrilogie "Days of Being Wild", "In the Mood for Love" und "2046", die alle nicht zufällig im Hongkong der 60er-Jahre spielen; der Zeit also, als Wong hier aufwuchs. Die Ironie wollte es, dass er für diese Sehnsuchtsbilder schon bald nach Macao, für "2046" sogar bis ins Chinatown von Bangkok ausweichen musste. Weil das Hongkong seiner Erinnerung längst platt gemacht worden war.

Es gibt noch ein Missverständnis

Immer wieder gab es Versuche von Wong, sich von seinem ewigen Thema zu lösen, in fremden Genres auszuprobieren. Aber so weit er auch ausholte, stets fiel er wieder darauf zurück. In "Happy Together" etwa ziehen zwei Hongkong-Chinesen nach Buenos Aires, um ihrer Stadt zu entkommen. Und doch leiden sie unter permanentem Jetlag und nie geahntem Heimweh; sie schlafen tags und leben nachts, und manchmal steht sogar die Kamera kopf, wie die Metropole auf der anderen Seite des Globus'. "My Blueberry Nights", sein bislang einziger Film, den Wong in den USA gedreht hat, mit westlichen Stars wie Jude Law und Norah Jones, selbst dieser Film handelt von einer, die ausreißt, und einem, der dableibt. Und die Sehnsucht des Jeweiligen nach dem Anderen. Vergesst Woody Allen. Der wahre Stadtneurotiker heißt Wong Kar-wai.

Und es gibt noch ein Missverständnis. Das nämlich, dass Wong Kar-wai Liebesfilme drehen würde. Und ein Hohepriester der Melancholie sei.

Beides weist er entschieden von sich. "Liebesfilme", sagt er, "sind im Grunde doch vorhersehbar. Jeder sollte natürlich eine im Sinn haben, auch eine Vorstellung, ein Ideal davon. Aber das abzubilden, finde ich banal."

Er drehe höchstens Epiloge zu einem Liebesfilm (wie "In the Mood") oder Prologe (wie "Blueberry"), Geschichten über die Liebe. Und auch wenn die Love Storys bei ihm stets unerfüllt bleiben, bezeichnet er sich im Grunde als "sehr optimistisch".

Gut möglich, dass da sein Realitätssinn durch seine Sonnenbrille ein wenig getrübt ist. Seine Fans jedenfalls lieben ihn gerade für sine grundmelancholischen Filme, die gar keine richtige Handlungen erzählen, sondern eher Stimmungen, moods einfangen in berauschen Bildsequenzen, die die Gesetze von Raum und Zeit locker außer Kraft setzen. Und einen in einen Rauschzustand befördern, der süchtig macht.

Dabei ist man bei Wong nie sicher, was aus einem Film wird. "2046" sollte erst ein Science-Fiction-Film werden – und war dann doch wieder ein Sechziger-Jahre-Drama, in dem ein Schriftsteller im Hotelzimmer 2046 einen Science-Fiction-Roman schreibt. Der Film wurde kurz vor Drehbeginn noch mal auf die lange Bank geschoben, weil ihm stattdessen "In the Mood" auf den Fingern brannte.

All seine Filme dreht er auf ökonomisch höchst unvernünftige Weise, auf langwierigste, eigensinnigste Art. Ohne festes Drehbuch handelt er nach einem alten chinesischen Sprichwort, das er für sehr wahrhaftig hält: "Du kannst den Wind nicht einladen. Aber du kannst das Fenster öffnen." Schauspieler und Drehorte sind ihm nur Instrumente, und seine Aufgabe sieht er darin, dafür zu sorgen, dass sie miteinander harmonieren.

Wong Kar-wai bei der Berlinale im Doppelpack

Das Fenster öffnen: Beinahe hätte er einen Teil von "Blueberry" in Berlin gedreht. Er suche alle Möglichkeiten, hier einmal einen Film zu machen, hat er uns damals in Paris gestanden: "Einmal muss es mir gelingen." Und wer weiß, vielleicht inspiriert ihn sein Aufenthalt als Jurypräsident ja nun erneut dazu.

Seit Jahren angekündigt ist auch das Projekt "Shanghai Lady" mit Nicole Kidman. Auch da steht schon lange ein Fenster offen, aber der Wind bläst nicht herein. Stattdessen legt er jetzt sein neues Werk "The Grandmaster" vor, an dem er fünf Jahre lang gearbeitet hat. Ein Martial-Arts-Film über Ip Man, den großen Kampfkünstler und Mentor von Bruce Lee.

Über diesen Ip Man sind in den letzten sechs Jahren schon drei Filme in China entstanden. Und Wong hat mit "Ashes of Time" 1994 schon einmal einen Martial-Arts-Film gedreht. Aber er wäre nicht Wong, wenn nicht auch dieser Film von einer großen, unerfüllten Liebe handeln würde, in der all die akrobatischen Kampfexzesse nur irrwitzige Beigabe für großes, melancholisches Gefühlskino sind. "The Grandmaster" spielt einmal nicht in Hongkong, Wongs Wahlheimat, sondern in Shanghai, seiner Geburtsstadt. Und er spielt mal nicht in der Zeit seiner Jugend, den Sechzigern, sondern in den Dreißigern. Aber die Welt der Martial Arts kennt Wong wiederum aus Büchern, die er als Kind verschlungen hat. Auch dies ist also wieder ein Film, in dem er seine Kindheitsprägungen verarbeitet.

Dass die Berlinale "The Grandmaster" gleich als Eröffnungsfilm zeigt und Wong Kar-wai damit im Doppelpack serviert, ist ein Gewinn und hat doch ein Geschmäckle.

Dass man aktuelle Filme der Juroren im Programm verankert, ist längst eine schöne Tradition des Festivals. Aber gleich zum Auftakt? Da bringt man sich ja um einen Regiestar, der zusätzlich über den roten Teppich läuft. Der Jurypräsident kommt doch sowieso.

Das sieht so aus, als habe Kosslick keinen anderen Film bekommen. Oder lange auf ein anderes Pferd gesetzt, das dann doch noch durchgegangen ist.

Macht aber nichts. Berlin ist in the mood for Wong, sein Film wird mit Spannung erwartet. Der 55-Jährige kann einem höchstens ein bisschen leid tun, weil er am ersten Tag gleich zwei Pressekonferenzen stemmen muss: für seinen Film – und für seine Jury.

In den Tagen darauf muss er dann aber nur noch Filme sehen. Und dafür sorgen, dass seine Mitjuroren harmonieren. Da bleibt hoffentlich Zeit, etwas von der Stadt mitzubekommen. Wir werden die Zeit aber auch nutzen und ihn etwas genauer beobachten. Denn eine Frage ist ja noch immer ungeklärt: Zieht Wong Kar-wai seine Brille wenigstens im Kino ab?

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