03.02.13

Berlinale-Star

Warum Anne Hathaway nicht an den Oscar denkt

In "Les Misérables" trumpft sie groß auf, gilt als Favoritin bei den diesjährigen Awards. Dabei hätte sie auch als Statistin mitgespielt.

Von Rüdiger Sturm
Foto: dpa
Prominenter Besuch: Anne Hathaway wird zur Berlinale in der Hauptstadt erwartet
Prominenter Besuch: Anne Hathaway wird zur Berlinale in der Hauptstadt erwartet

Sie gehört zum Star-Aufgebot der Berlinale. Und streng genommen ist Hathaway sogar der glamouröseste Besuch. Denn nur wenige Schauspielerinnen werden derzeit stärker gefeiert. Mit ihrer Rolle im Musical "Les Misérables" bewegt die 30-Jährige derzeit nicht nur das Publikum, sondern auch die Gremien und Jurys der diversen Preisverleihungen.

Eine Oscarnominierung war die logische Folge. Doch das heißt nicht, dass die New Yorkerin großes Selbstvertrauen ausstrahlen würde. Beim Interview im Londoner "Claridge's Hotel" zeigt sie sich hibbelig und nervös. Es ist auch nicht ungewöhnlich für sie, in aller Öffentlichkeit Tränen zu vergießen, wie sie selbst gesteht.

Berliner Morgenpost: Ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie momentan eine richtige Glückssträhne haben? Sie gelten als Oscar-Favoritin, haben mit "Les Misérables" und dem letzten "Batman"-Film zwei große Kassenerfolge zu verbuchen, geheiratet haben Sie auch noch...

Anne Hathaway: Das kam alles ziemlich überraschend. Abgesehen von der Hochzeit, die natürlich von allem das Wichtigste war.

Alle Stars sagen doch, dass sie von Ihrem Erfolg überrascht sind.

Aber wie hätte ich eine Ahnung haben sollen, dass es so läuft? Wer hätte schon gedacht, dass ich Catwoman spielen darf? Und dass ich sofort danach "Les Misérables" drehe? So etwas kannst du nicht planen. Ich weiß, ich muss jemand Blumen schicken. Aber die Adresse ist vermutlich nicht auf dieser Erde.

Angeblich bedeutet Ihnen "Les Misérables" ziemlich viel.

Ich liebe diese Show, denn ich bin damit aufgewachsen. Meine Mutter war die zweite Besetzung für die Rolle der Fantine, und ich habe sie auf der Bühne gesehen. Seit ich Sieben bin, ist das die Musik meines Lebens. Daher wusste ich: Ich muss bei diesem Film mitmachen. Egal in welcher Rolle. Ich wäre auch als Statist im Hintergrund rumgestanden oder hätte so eine anonyme Fabrikarbeiterin gespielt.

Sie haben sogar Ihre Haarpracht geopfert – und die sich bis heute noch nicht davon erholt.

Aber sie kommt schon wieder. Im Sommer waren die Haare noch viel kürzer. Ich dachte mir einfach, auf diese Weise würde die Rolle auf die Zuschauer noch stärker wirken. Auf jeden Fall wirkte sie dadurch noch stärker auf mich (lacht). Ich hatte natürlich vorher ein mulmiges Gefühl, aber das ist sofort verschwunden, als ich es hinter mir hatte. Das Leben ging weiter. Jetzt muss ich mir langsam wieder den Kopf zerbrechen, was für eine Frisur ich trage.

Abgenommen haben Sie für die Rolle auch – 25 Pfund in fünf Wochen.

Ja, aber ich machte das mit professioneller Unterstützung, und das auch nur für meinen Job. Es gibt Leute, die verlieren aus wesentlich ernsteren Gründen Gewicht.

Was bewegt Sie eigentlich so an dieser Geschichte – abgesehen von ihren Kindheitserinnerungen?

Sie finden aktuelle Themen wie Sex-Sklaverei darin wieder, die ich für diese Rolle genau recherchiert habe. Denn das ist auch ein Schicksal, das die Figur der Fantine erleidet. Mich hat es total wütend gemacht, jemand zu spielen, der das erleidet. Wie kann man einer Frau voller Liebe so etwas antun? Aber "Les Misérables" bietet noch mehr Querbezüge zu unserer modernen Welt. Das ist eine Geschichte von großer politischer Relevanz.

Was man mit großem, buntem Hollywood-Kino nicht unbedingt verbindet...

Ich weiß, normalerweise sollte ich Worte wie "politisch" gar nicht in den Mund nehmen; das schreckt die Leute eher ab. Aber man kann es einfach nicht verleugnen, die Geschichte ist nun mal so. Wenn Sie diese Szenen mit den studentischen Revolutionären sehen, dann denken Sie doch automatisch an die Bilder des Arabischen Frühlings.

Die Helden von "Les Misérables" verlangen auch nach Gerechtigkeit. Wie definieren Sie dieses Wort?

Hmm, ich kriege das hoffentlich gut hin. Schließlich ist mein Vater Rechtsanwalt. Gerechtigkeit ist eine Handlung der Fairness auf der Basis von Logik und einem gegenseitig Verständnis von Anstand.

Das klingt ziemlich verschraubt...

Okay, ich gebe zu, ich sollte das besser hinkriegen. Aber wenn Sie mich spontan bei so einem Interview ins Kreuzverhör nehmen, da fällt mir aktuell nichts Besseres ein.

Dann machen wir's wieder leichter. Was fiel Ihnen denn ein, als Sie sich selbst in diesem Film gesehen haben? Zum Beispiel in der Szene, in der Sie Ihre große Arie "I Dreamed a Dream" singen?

Mein Gedanke war: "Meine Güte, was machst du da? Mach das nicht! Und das auch nicht!" Ich habe mich so fest in meinem Sessel festgekrallt, dass man wahrscheinlich noch die Abdrücke sehen kann.

Sie waren damit nicht zufrieden? Gerade diese Nummer dürfte entscheidend sein, dass Sie Ihren Oscar bekommen.

Ich habe mich dann schon wieder beruhigt und mitreißen lassen. Ich habe gelernt, mit so etwas umzugehen. Bei "Rachels Hochzeit"...

...für den Sie ja auch für einen Oscar nominiert waren...

Sie sagen es. Also, da hatte ich einen Tag, an dem ich einfach nicht in meine Rolle hineingefunden habe. Ich hatte normalerweise immer das Gefühl, dass ich abheben und fliegen würde mit der Rolle – und an dem Tag ging es nicht. Ich saß da, qualmte wie ein Schlot und geriet in eine richtig selbstzerstörerische Stimmung. Dann dachte ich mir: "Sagen wir mal: Eine Million Menschen sieht eines Tages diese Szene, und sie finden dich toll; du bist die einzige, die dich für schlecht hält. Kannst du damit leben?" Ich nahm einen langen Zug aus der Zigarette und sagte mir: "Ja, das kann ich." Und sofort konnte ich wieder mit meiner Rolle abheben. Es ist also durchaus hilfreich, wenn du mir dir selbst mal Mitgefühl hast. Und so ging's mir dann letztlich auch, als ich die Szene mit der Arie sah. Ja, es gab Dinge, die ich ändern wollte, aber ich war auch gleichzeitig von mir beeindruckt. Und so sagte ich mir: "Das ist genug."

Was passiert eigentlich mit Ihrem Privatleben, wenn Sie sich in solche aufreibenden Rollen stürzen?

Ich werde da wie zu einem Mönch – oder einer Nonne. Ich ziehe mich total zurück. Früher bin ich einfach aus meinem Leben verschwunden. Meine Freunde meinten dann immer: "Wo bist du?" Inzwischen habe ich gelernt, mich richtig zu verabschieden und dann trotzdem in Kontakt zu bleiben, soweit es geht. Ab und zu finde ich dann ein paar Tage, an denen ich wieder an die frische Luft zurückkehre und Zeit mit meinen Leuten verbringe. Früher fand ich es zwar toll, mich total in meine Charaktere zu vertiefen, aber wenn ich wieder daraus hervorkam, war bei allen meinen Freunden das Leben weitergegangen. Und ich habe gemerkt, wie viel ich verpasst habe. Deshalb halte ich jetzt ein Mindestmaß von Kontakt aufrecht. Ich will mitbekommen, was meine Freunde und die Menschen, die ich liebe, gerade durchmachen. Aber die haben auch volles Verständnis für mich, denn sie wissen, wie weit ich in meiner Arbeit gehen mag.

Haben Sie Angst, dass es für Sie eines Tages solche Rollen nicht mehr geben wird? Momentan sind Sie ja gerade arbeitslos, weil Ihr Projekt mit Steven Spielberg bis auf weiteres aufgeschoben wurde.

Sie sind doch Journalist, Sie haben Einfluss. Warum sprechen Sie nicht lieber über die tollen Frauenrollen, die es in letzter Zeit gegeben hat? Ich fand Kristin Stewart in "Snow White and the Huntsman" großartig, oder Jennifer Lawrence in "Hunger Games". Meryl Streep kann tun, wozu sie lustig ist. Vergessen Sie nicht Jessica Chastain in "Zero Dark Thirty" – ich finde sie ungeheuer aufregend. Ja, es sollte noch mehr solcher Rollen geben, aber für uns Frauen läuft es schon ziemlich cool. Fangen wir also erst einmal beim Positiven an, und sagen wir: Das war erst der Anfang. Sorry, aber ich werde bei dem Thema richtig emotional.

Warum erwähnen Sie dann Ihre eigenen Rollen in den letzten Monaten nicht?

Stimmt, ich gehöre da ja eigentlich auch dazu. Selena Kyle in "Dark Knight Returns" war natürlich auch eine fabelhafte Rolle – so vielschichtig. Wenn ich daran zurückdenke, dann muss ich weinen.

Wieso das?

Weil ich Regisseur Christopher Nolan so dankbar bin, dass ich eine so psychisch komplexe Rolle spielen durfte. Ich war nicht einfach zur optischen Verschönerung da. Vor kurzem hatte ich eine öffentliche Veranstaltung mit ihm, und da habe ich vor allen Leuten losgeheult.

Was werden Sie dann tun, wenn Sie Ihren Oscar bekommen?

An so etwas darfst du nicht denken. Du kannst nur davon träumen. Ich weiß jedenfalls, wie es sich anfühlt, nominiert zu sein und nicht zu gewinnen. Beim ersten Mal saß ich neben Frank Langella, und der meinte zu mir: "Oh, wir zwei werden da heute Nacht sicher nicht aufs Podium steigen." Ich dachte mir: "Sehr positiv, Frank! Vielen Dank" Aber er hatte ja Recht. Und du musst einfach die Show als solche genießen, darauf kommt es an.

Sie haben auch schon schwierigere Zeiten in Ihrem Leben durchgemacht. Haben Sie abschließend ein paar Lektionen für uns, die Sie selbst gelernt haben?

Es gibt Phasen, in denen ich mal völlig k.o. bin, aber ich habe eine Verantwortung gegenüber meinen Mitmenschen. Für die alle reiße ich mich noch mal zusammen. Und noch etwas: Ich versuche, mir Hollywood nicht zu Kopf steigen zu lassen. Wenn du ständig verwöhnt wirst, kannst du leicht denken, dass man dir so eine Sonderbehandlung schuldet. Solche Gedanken blockiere ich. Ich will kein Arschloch sein. Denn das einzige, worüber du dir im Leben wirklich den Kopf zerbrechen solltest, ist, wie du andere Menschen behandelst. Wenn du Mist baust und jemand wehtust, dann entschuldige dich gefälligst. Sei ganz offen und bekenne dich dazu. Aber davon abgesehen gibt es keinen Grund, sich zu entschuldigen.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Anne Hathaway
  • Zur Person

    Anne Hathaway wurde am 12. November 1982 in New York geboren. Die Tochter eines Richter und einer Schauspielerin feierte ihren ersten großen Filmerfolg 2001 mit der Komödie „Plötzlich Prinzessin“. Außerdem spielte sie in „Brokeback Mountain“, „Der Teufel trägt Prada“ und „Rachels Hochzeit“. Die Musical-Verfilmung „Les Misérables“ wird am 21. Februar in die deutschen Kinos kommen. Vorher wird er auf der Berlinale zu sehen sein. Hathaway ist seit dem vergangenen Jahr mit dem Schauspieler Adam Shulman verheiratet.

Top-Thema
title
20 Berlinale-Fakten

Kuriositäten, mit denen Sie bei Filmfans mitreden können »

Video Nachrichten mehr
Protestzug Nazis demonstrieren gegen Berliner Flüchtlingsheim
E-Bike Dieses Holzfahrrad ist absolut CO2-neutral
Mariachi-Musiker So bunt feiern die Mexikaner ihre Schutzpatronin
Kampf gegen IS Das fordert US-Vize Biden von Erdogan
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Unfall in Brandenburg

Reisebus stürzt auf der A10 um

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote