25.01.13

Festival

Für die Morgenpost zehn Tage auf die Berlinale

Jedes Jahr schicken wir eine Leserjury aufs Festival, die den Publikumsfavoriten wählt. Dieses Jahr wird der Preis zum 40. Mal verliehen.

Von Peter Zander
Foto: Amin Akhtar

Probesitzen im Berlinale-Palast: Unsere Leser Christian Wagner, Ann-Kristin Spindler, Zoe Hagen, Katja Techritz, Serafin Fernandez Rodriguez, Maria Geczi, Holger Beisitzer, Monika Richter, Claudia Scheele, Marianne Kunert, Christoph Burtscher und Uwe Schmidt.
Probesitzen im Berlinale-Palast: Unsere Leser Christian Wagner, Ann-Kristin Spindler, Zoe Hagen, Katja Techritz, Serafin Fernandez Rodriguez, Maria Geczi, Holger Beisitzer, Monika Richter, Claudia Scheele, Marianne Kunert, Christoph Burtscher und Uwe Schmidt.

Es ist bitterkalt um zehn Uhr morgens. Und am Potsdamer Platz herrscht sowieso immer ein eisiger Zug. Das macht zwölf dick verpackten Berlinern aber nichts aus. Sie strahlen im Gegenteil übers ganze Gesicht. Denn sie sind auserwählt worden.

Sie dürfen für die Berliner Morgenpost zehn Tage lang kostenlos auf die Berlinale. Sie sind die zwölf Geschworenen, die für unsere Leserjury im Wettbewerb des Filmfestivals sitzen, um am Ende über den Favoriten des Publikums abzustimmen.

Und gestern durften sie schon mal probesitzen. Im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz, der jetzt noch Musicaltheater ist und wo bis Mittwoch noch das Lindenberg-Musical "Hinter dem Horizont" läuft. Dann werden eine Woche lang die Kulissen abgebaut und der Theater- zum Kinosaal.

Hunderte Menschen haben sich für die Leserjury beworben

1200 Plätze fasst der Saal, und die zwölf Geschworenen hatten das besondere Privileg, hier einmal ganz allein zu sitzen. (Vielen Dank noch mal an die Theaterleitung, die das auch in diesem Jahr wieder möglich gemacht hat!)

Hunderte von Bewerbungen hat es nach unserem Aufruf gegeben. Und einige haben sich ganz besondere Dinge einfallen lassen, um aus dem Gros der Einsendungen herauszuragen. Der Innenarchitekt Holger Beisitzer hat seine Bewerbung auf einer Filmklappe gestaltet, die Betriebswirtin Ann-Kristin Spindler hat ihr Schreiben abgerundet und in einer Filmspule geschickt, die Ergo-Therapeutin Katja Techritz hat alle Berlinale-Tickets, die sie im Vorjahr erstanden hat, zusammengeheftet, als Beweis, wie filmverrückt sie ist. Und die Regierungsamtsinspektorin Claudia Scheede hat Verse gedichtet.

Vom Abitur-Jahrgang 2012 bis zum Rentner sind alle Dekaden vertreten. Und die Zwölf konnten sich gestern auch schon mal gegenseitig kennenlernen. "Wir sollten uns schon mal eine Reihe aussuchen", heißt es da. Und: "Dann halten wir immer füreinander frei." Die Juroren können kaum erwarten, dass es losgeh.

Der Rekord liegt bei sechs Filmen am Tag

Ab Montag gibt es die Programmhefte der Berlinale, dann werden die Stundenpläne erstellt, wann man welchen Wettbewerbsfilm sieht und wie viel Zeit dann noch für weitere Vorführungen in anderen Sektionen bleibt. Der Rekord aus vergangenen Jahren liegt bei sechs Filmen am Tag. Ob die aber wirklich alle verfolgt wurden oder nicht doch ein Power-Nap dazwischen lag, ist nicht überliefert.

Die diesjährige Jury ist eine ganz besondere. Denn der Preis wird bereits zum 40. Mal verliehen. Der Leserpreis der Morgenpost ist damit der älteste seiner Art. Und er entstand in einer Zeit der Krise. Als die Berlinale 1951 gegründet wurde, sollte sie ja nicht nur der Pflege der Filmkunst dienen, sondern auch den nachkriegsmüden Berlinern Vergnügen (und Stars) bereiten. Nach 1968 aber war Glamour plötzlich verpönt, und Spaß eigentlich auch.

Der Zuschauer selbst vergibt den Preis

Bei den Festspielen war weder etwas von einem Fest noch von Spielerischem zu spüren. "Arbeitsfestival" war das Zauberwort, manche sprachen auch leicht verächtlich von der "Businale". Es war die große Zeit des Autorenfilms und des Anspruchs. Der Ernst wurde ganz groß geschrieben, aber wehe, wehe, wenn es auch Spaß machte! Die krude und typisch deutsche Trennung von E und U war damals auf ihrem Höhepunkt, und das Festival war auf dem schlechtesten Wege, sich von seiner wichtigsten Kraft, dem Publikum, zu entfernen.

Da hatte Dieter Strunz, der damalige Feuilleton-Chef der Berliner Morgenpost, eine großartige Idee: Warum nicht einen zusätzlichen Preis ausloben, der mal nicht von Filmemachern und -kritikern bestimmt wurde, sondern vom Endverbraucher, von denen, die am Ende auch dafür an der Kinokasse Geld ausgeben? Die Festspielleitung unter ihrem Gründer Alfred Bauer spielte mit - und öffnete den Lesern die Kinopforten.

Seit nunmehr 40 Jahren wird der Favorit des Publikums gekürt. Am Anfang war der Preis noch, der alten Drucktechnik entsprechend, ein gewichtiger Bleisatz, seit zehn Jahren nun ist er eine gläserne Filmspule. Und nicht nur die Preisträger, auch die Filmverleiher und Kinobetreiber verfolgen den Preis mit Interesse. Zeigt er doch, welche Filme beim Publikum ankommen.

Norwegischer Humor wird auch hier verstanden

Hans Petter Moland war 2010 durchaus unsicher, ob seine schwarze Komödie "Ein Mann von Welt" auch im Ausland ankommen, ob der norwegische Humor da verstanden werden würde. Noch den Leserpreis in der Hand, wurde er von deutschen Verleihern angesprochen. Und das Klischee, dass der "gewöhnliche" Zuschauer nur auf Unterhaltung setzt, wurde mit Auszeichnungen für das iranische Drama "Nader und Simin" oder für das Plädoyer gegen die Todesstrafe "Dead Man Walking" hinlänglich zerstreut.

Den ersten Leserpreis konnte 1974 der spanische Regisseur Jaime de Arminan für "Die Liebe des Capitán Brando" entgegennehmen. Zu den Preisträgern gehörten u.a. Francois Truffaut (1975 für "Taschengeld"), Kevin Costner (1991 für "Der mit dem Wolf tanzt"), , Paul Thomas Anderson (2000 für "Magnolia" und Francois Ozon "2002 für "8 femmes"). Aber auch viele deutsche Filmemacher wie Rainer Werner Fassbinder Fassbinder (1979 für "Die Ehe der Maria Braun"), Detlev Buck (1993 für "Wir können auch anders") oder Hans-Christian Schmid (2009 für "Sturm").

Zuletzt wurde Christian Petzold 2012 für das DDR-Drama "Barbara" ausgezeichnet. Und das Schönste für die Jury: Bei der Preisverleihung kam schon so mancher Preisträger von sich aus spontan auf die Juroren zu, um sie kennenzulernen. Da wird Kino plötzlich ganz unmittelbar.

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