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Wettbewerbsfilm "Forever enthralled"

Die kürzesten zweieinhalb Stunden der Berlinale

Ein Film über die Peking Oper und wie eine Peking Oper ist "Forever enthralled". Aber nicht so fremd, dass er langweilen könnten. Im Gegenteil. Es geht um den Kampf eines Genies um Identität. Ein gewaltiges Panorama. Nur über sein Leben unter den Kommunisten erzählt der Film nichts.

yu shaoqun
Foto: AP
Auf der Bühne zeigt Mei Lanfang auch einmal Gefühle

Was für eine meschuggene Idee. Mitten in die große Depression (die vorletzte, die von 1930) hinein, während hungernde Menschen draußen vor dem Theater auf den verschneiten Straßen von New York stehen und betteln, spielen drinnen seltsame Männer Frauen in knallbunten Kostümen, in einer Sprache, mit Gesten, die keiner versteht, unendlich lange Geschichten, die keiner versteht. Sie singen so hoch Falsett, dass es jedem europäischen Kontratenor nach drei Minuten den Kehlkopf aus dem Hals treiben würde. Was für eine meschuggene Idee, mitten in der Weltwirtschaftskrise die Peking-Oper nach Manhattan zu exportieren. Das Meschuggene aber hat Erfolg. Und sich tatsächlich ereignet. Charles Chaplin und Bert Brecht, die darstellenden Künste des Westens lagen dem schmalen, schönen, schüchternen Mei Lanfang zu Füßen genauso zu Füßen wie sein Riesenreich daheim. Chen Kaiges „Forever enthralled“ erzählt die Geschichte Mei Lanfangs (1894-1961) nun mitten in die nächst größere Weltwirtschaftskrise hinein. Die Geschichte des Retters der Peking Oper über Kriege, Wirtschafts- und andere Krisen hinweg, des Mannes, der sie in die Welt brachte.

„Für immer bezaubert“ ist die alte, erzählt die klassische Biografie eines Künstlers, der einfach nur ein Künstler bleiben wollte. Was er aber nicht darf, weil er ein Genie ist, weil die Zeit ist, wie sie ist, und weil er sich in die Hände eines kryptoschwulen Mentors begeben hat, der sein Leben manipuliert. Ein Kampf um Identität – geschlechtlich und künstlerische, am Ende politische – ist Kaiges Film. Lanfang, der größte Frauendarsteller, den die Peking-Oper je hatte, beharrt auf seiner Männlichkeit, lässt sich nicht in die starren Bühnenkonventionen ein, löst eine Kulturrevolution in der Peking Oper aus, als er den Frauen, die er spielte, etwas gestattete, was er sich in seinem eigenen Leben hinter der Bühne nur ein einziges Mal wirklich erlaubt – Gefühle zu zeigen nämlich. Lanfang lässt sich nicht vereinnahmen. Zum Inbegriff chinesischer Identität geworden, versuchen die japanischen Besatzer 1937, ihn auf ihre Seite zu ziehen, um Chinas Kultur und damit China endgültig ganz zu besetzen. Er entzieht sich, indem er sich krank spritzen lässt.

„Forever enthralled“ ist – tja – große Oper, ein gewaltiges, opulentes Zeit- und Kulturpanorama. Der wunderbare Leon Lai gibt Mei Lanfang eine fast übermenschliche Würde und Menschlichkeit. Beinahe nichts stört bei den gefühlt kürzesten zweieinhalb Filmstunden dieser Berlinale. Bis kurz vor Schluss beinahe nichts. Im Abspann erfährt man dann, dass Mei Lanfang 1950 auf die Bühne zurückkehrte, vor 150.000 auftrat und 1961 am Ende von Maos Großem Sprung dahin ging. Wie sich Mei Lanfang unter den Kommunisten gefühlt, wie er gespielt hat? Kein Wort, nirgends. Warum bloß, warum?

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